Israels Start-up-Nation vor der Wahl: Wie bleibt die Tech-Branche stark?

Die Flagge von Israel
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Am 27. Oktober wählt Israel ein neues Parlament. Für die Technologiebranche geht es dabei um mehr als Investitionen und Standortpolitik: Fachleute sehen auch demokratische Institutionen, Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt als Voraussetzungen für die wirtschaftliche Zukunft des Landes.

Israels Technologiebranche hat sich in den vergangenen Jahren als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Trotz der Folgen des 7. Oktober und der Kriege, die darauf folgten, zählt das Land weiterhin zu den weltweit führenden Start-up-Standorten. Doch die Stärke der Branche ist nicht selbstverständlich. Vor der anstehenden Wahl fragen sich Investoren und Unternehmer, was die nächste Regierung tun muss, damit Unternehmen, Fachkräfte und Kapital im Land bleiben.

Die Zahlen zeigen zunächst ein robustes Bild: Im dritten Quartal 2026 sammelten israelische Technologieunternehmen vorläufigen Daten zufolge 3,6 Milliarden US-Dollar ein – 53 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Für 2025 meldete die Israel Innovation Authority ein Plus von 30 Prozent bei den Finanzierungen auf knapp 15 Milliarden Dollar. Israels Hightech-Exporte erreichten demnach 85 Milliarden Dollar und machten 58 Prozent der Gesamtexporte des Landes aus.

Gleichzeitig wächst der Druck. Zum ersten Mal seit zehn Jahren sank die Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung. Auch der Anteil der Beschäftigten privater israelischer Hightech-Unternehmen, die tatsächlich im Land arbeiten, ging zurück: von 69 Prozent im Jahr 2019 auf 62 Prozent im März 2026. Die Branche expandiert zunehmend im Ausland – und damit stellt sich die Frage, wie viel Wachstum und Know-how Israel künftig im eigenen Land halten kann.

Fachkräfte brauchen Vertrauen in die Zukunft

Der Investor Eze Vidra sieht weiterhin viel Ehrgeiz und Erfindergeist, warnt aber davor, die internationale Konkurrenz um Talente zu unterschätzen. Fachkräfte hätten heute viele Möglichkeiten, ihre Karriere anderswo aufzubauen. Die künftige Regierung müsse deshalb verlässliche politische Rahmenbedingungen schaffen, demokratische Institutionen stärken und in Bildung investieren – und zwar in allen Teilen der Gesellschaft.

Für Shmuel Ben-Tovim, Präsident des Israel Fintech Centre und früherer Wirtschaftsminister an der israelischen Botschaft, reichen wirtschaftspolitische Maßnahmen allein nicht aus. Er fordert eine unabhängige Untersuchung der Versäumnisse rund um den 7. Oktober. Außerdem müsse die Regierung unter anderem das Bildungssystem verbessern, die hohen Lebenshaltungskosten angehen und gleiche Rechte und Pflichten für alle Bevölkerungsgruppen gewährleisten – auch für arabische Bürgerinnen und Bürger sowie die charedische Gemeinschaft.

Ben-Tovim warnt zudem vor einer politischen Blockade nach der Wahl. Ein unklarer Wahlausgang könnte es erschweren, Reformen auf den Weg zu bringen. Für ihn gehört auch die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte zu den großen Herausforderungen, weil sie Israels Position als Hightech-Standort gefährden könne.

KI und internationale Partnerschaften

Die nächste Regierung muss sich zugleich auf einen veränderten globalen Wettbewerb einstellen. Aviva Steinberger, kommissarische Geschäftsführerin von Startup Nation Central, sieht Technologie zunehmend als geopolitischen Faktor. Israel müsse seine Stärken gezielter einsetzen und internationale Partnerschaften in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Verteidigung, Energie und kritischen Lieferketten ausbauen.

Dafür brauche es neben Kapital auch gut ausgebaute Infrastruktur und qualifizierte Beschäftigte. Die Voraussetzungen, die Israel zum Technologiezentrum gemacht haben, würden allein nicht ausreichen, um die Führungsposition des Landes in den kommenden Jahren zu sichern.

Der Investor Judah Taub hält es für nötig, die politische Debatte stärker auf Chancen auszurichten. Statt vor allem darüber zu sprechen, wie sich ein Rückstand bei KI oder eine Abwanderung von Talenten verhindern lässt, solle Israel überlegen, wie es internationale Fachkräfte anziehen und in neuen Technologiefeldern eine führende Rolle übernehmen kann.

Der Norden als möglicher Wachstumsmotor

Eine besondere Chance sehen mehrere Fachleute im Norden Israels, der nach den Folgen des Krieges vor großen Herausforderungen steht. Erel Margalit, Gründer von Jerusalem Venture Partners, hält die Region für einen möglichen künftigen Wachstumsmotor. Dafür müsse die wirtschaftliche Erholung über den Wiederaufbau hinausgehen: Unternehmen sollten zurückkehren, qualifizierte Arbeitsplätze entstehen und junge Familien sowie Gründerinnen und Gründer eine Perspektive erhalten.

Mit der geplanten Entwicklung von Tel-Hai zu einer Universität und bestehenden Ansätzen in Foodtech, Agrartechnologie und KI gebe es dafür Anknüpfungspunkte. Entscheidend seien nun gemeinsame Investitionen von öffentlicher Hand und Privatwirtschaft, etwa in Beschäftigung, Wohnraum und Unternehmensansiedlungen.

Die Wahl am 27. Oktober entscheidet damit auch über die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen der kommenden Jahre. Israels Tech-Branche verfügt weiterhin über beträchtliche Stärke und internationale Sichtbarkeit. Ob daraus dauerhaftes Wachstum entsteht, hängt nach Einschätzung der befragten Fachleute aber ebenso von verlässlicher Politik, gesellschaftlicher Teilhabe und Vertrauen in die Zukunft ab.

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