Israel hat gewählt. Die schwierige Frage kommt jetzt.

Die Flagge von Israel
Lesezeit: 3 Minuten


Nach der Parlamentswahl zeichnet sich kein klares Machtverhältnis ab. Die Auszählung läuft, die Lager liegen nahe beieinander. Entscheidend könnte werden, ob arabische Parteien künftig als legitime Partner gelten – und wie Israel mit den Konflikten um Sicherheit, Religion und Wehrpflicht umgeht.

Stand: 28. Oktober 2026, während der Auszählung

Hohe Beteiligung, offene Machtfrage

Die Wahlurnen sind geschlossen, doch die politische Entscheidung steht noch aus. Bei der israelischen Parlamentswahl vom Dienstag haben weder das Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu noch seine Gegner eine klare Mehrheit errungen. Die ersten Prognosen deuteten auf ein enges Rennen; bei der laufenden Auszählung lag Netanjahus Block am Mittwochmorgen vorn, aber weiterhin unter den 61 Sitzen, die für eine Mehrheit in der 120-köpfigen Knesset nötig sind. Das Ergebnis kann sich mit den noch ausstehenden Stimmen verändern.

Eindeutig ist bislang vor allem die Beteiligung: 77,7 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Wahl – so viele wie seit 1999 nicht mehr. Das ist ein starkes Zeichen politischer Mobilisierung. Es ist aber kein eindeutiges Mandat für eine Regierung. Die Wählerinnen und Wähler haben ein Parlament gewählt, in dem die Mehrheitsbildung erneut zur eigentlichen Machtprobe werden könnte.

Wer darf mitregieren?

Der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot, Netanjahus wichtigster Herausforderer, kündigte an, eine Regierung bilden zu wollen. Dafür könnten die arabischen Parteien eine Schlüsselrolle spielen. Sie scheinen bei der Wahl deutlich zugelegt zu haben; ob sie einer Koalition angehören oder sie unterstützen würden, ist offen. Auch Eisenkots Lager ist in dieser Frage nicht einig. Netanjahu wiederum schloss eine Regierung aus, die auf arabische Parteien angewiesen wäre.

Damit rückt eine Frage ins Zentrum, die weit über die Koalitionsarithmetik hinausgeht: Wer darf in Israel als selbstverständlicher Teil des politischen Gemeinwesens gelten? Arabische Bürgerinnen und Bürger Israels stellen rund ein Fünftel der Bevölkerung. Ihre Parteien können bei knappen Mehrheiten entscheidend sein – und werden zugleich von führenden Politikern als mögliche Regierungspartner ausgeschlossen. Die Wahl macht diese Spannung sichtbar, löst sie aber nicht.

Wehrpflicht als Streit um Fairness

Auch innerhalb der jüdischen Gesellschaft verläuft eine entscheidende Konfliktlinie: die Wehrpflicht ultraorthodoxer Männer. Die Ausnahmen, von denen viele profitieren, sorgen seit Jahren für Streit. Für viele Israelis, die Militärdienst leisten oder Angehörige im Krieg verloren haben, ist die Frage der Lastenteilung nicht abstrakt. Sie berührt das Gefühl, ob Opfer und Pflichten gerecht verteilt werden. Zugleich sind ultraorthodoxe Parteien für Netanjahus Lager wichtige Partner. Eine neue Koalition müsste diesen Konflikt erneut verhandeln.

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Ein Dämpfer, aber keine Abwahl

Daneben bleibt die Wahl eine Abstimmung über Netanjahus politische Bilanz. Seine Anhänger sehen in ihm einen erfahrenen Regierungschef, der Israels Sicherheit durch eine Zeit regionaler Kriege geführt hat. Seine Gegner werfen seiner Regierung vor, die Gesellschaft weiter zu spalten und demokratische Institutionen zu schwächen. Dass sein Lager nach den ersten Prognosen an Rückhalt verloren hat, ist ein Dämpfer – eine Abwahl ist es noch nicht.

Die hohe Wahlbeteiligung zeigt, wie viel für die Menschen auf dem Spiel steht. Sie bedeutet nicht, dass Israel sich auf einen gemeinsamen Kurs verständigt hätte. Das Land hat gewählt – doch die Frage, welche politische Richtung eine Mehrheit tragen kann und wer an ihr mitwirken darf, bleibt offen. Die Antwort fällt nun in den Verhandlungen hinter den Kulissen. Wenn dort keine tragfähige Mehrheit entsteht, droht Israel eine weitere Phase politischer Blockade.

Redaktioneller Hinweis: Die Ergebnisse waren zum Zeitpunkt dieses Textes noch vorläufig. Vor Veröffentlichung bitte den aktuellen Auszählungsstand ergänzen oder die Formulierung entsprechend aktualisieren.

 

 

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