Eine antisemitische Morddrohung gegen die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sorgt bundesweit für Bestürzung. Die Schmiererei nahm ausdrücklich Bezug auf den jüngsten Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. Knobloch sagte daraufhin ihre Teilnahme an einer öffentlichen Veranstaltung ab.
Die Drohung wurde auf einer Parkbank und einem Abfalleimer im Englischen Garten in München entdeckt. Neben dem Namen Charlotte Knoblochs und einer unverhohlenen Gewaltandrohung war dort auch ein Davidstern zu sehen. Eine Passantin informierte die Polizei.
Die 93-Jährige sollte am selben Abend an einer Buchvorstellung in München teilnehmen. Nach Bekanntwerden der Drohung sagte sie ihren Auftritt aus Sicherheitsgründen ab. Weitere Termine seien zunächst nicht betroffen, berichteten deutsche Medien. Die Generalstaatsanwaltschaft München ermittelt
wegen des Verdachts der Volksverhetzung, Bedrohung und Sachbeschädigung. Ein Tatverdächtiger war zunächst nicht bekannt.
Drohung nimmt Bezug auf AfD-Wahlerfolg
Die Schmiererei stellte einen ausdrücklichen Zusammenhang zwischen der Gewaltandrohung und dem Wahlerfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt her. Die Partei hatte dort 43,8 Prozent der Stimmen und 39 Sitze im Landesparlament gewonnen.
Wer die Drohung hinterlassen hat und ob die verantwortliche Person Verbindungen zur AfD besitzt, ist bislang nicht geklärt. Aus der Bezugnahme auf das Wahlergebnis lässt sich keine organisatorische Verbindung zur Partei ableiten. Der bayerische AfD-Landesvorsitzende Stephan Protschka verurteilte die Drohung.
Knobloch hatte sich nach dem Wahlerfolg der Partei beunruhigt gezeigt. Sie warnte davor, dass eine als rechtsextrem eingestufte politische Kraft in einem Bundesland Regierungsverantwortung übernehmen könnte, und appellierte an die demokratischen Parteien, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verteidigen.
In der Vergangenheit hatte sie sich zudem für die Prüfung eines möglichen AfD-Verbots ausgesprochen. Sie begründete ihre Haltung wiederholt mit Äußerungen und Positionen aus der Partei, die aus ihrer Sicht Hass, Ausgrenzung und Geschichtsrelativierung begünstigten.
Angriff auf eine der wichtigsten jüdischen Stimmen Deutschlands
Charlotte Knobloch gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Vertreterinnen jüdischen Lebens in Deutschland. Seit 1985 steht sie an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Darüber hinaus engagiert sie sich im Europäischen und im Jüdischen Weltkongress.
Knobloch wurde 1932 in München geboren. Als jüdisches Kind überlebte sie die Schoah, weil eine ehemalige Hausangestellte ihres Onkels sie auf einem Bauernhof in Franken als ihr uneheliches Kind ausgab. Ihr Vater überlebte ebenfalls; andere Angehörige ihrer Familie wurden ermordet.
Nach dem Krieg wollte Knobloch Deutschland zunächst verlassen. Schließlich blieb sie in München und beteiligte sich maßgeblich am Wiederaufbau der dortigen jüdischen Gemeinde. Ihr Engagement ist eng mit der Rückkehr sichtbaren jüdischen Lebens in die Stadt verbunden.
Dass ausgerechnet eine Holocaust-Überlebende erneut mit dem Tod bedroht wird, verleiht dem Vorfall eine besondere Schwere. Die Drohung richtet sich nicht nur gegen eine politische Gegnerin der AfD. Der hinzugefügte Davidstern kennzeichnet Knobloch ausdrücklich als Jüdin und macht die antisemitische Dimension der Tat sichtbar.
Scharfe Reaktionen auf die Drohung
Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle bezeichnete die Morddrohung als einen moralischen Dammbruch. Sie habe jede Grenze des Anstands überschritten. Auch Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, verurteilte den Angriff auf Knobloch.
Bundesaußenminister Johann Wadephul besuchte die 93-Jährige in München und bekundete seine Solidarität. Der Vorfall treffe eine Frau, die ihr Leben der Versöhnung, der Erinnerung an die Schoah und dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland gewidmet habe.
Die öffentliche Unterstützung ist wichtig. Zugleich zeigt die Absage von Knoblochs Veranstaltung, dass eine Morddrohung ihr Ziel bereits teilweise erreicht hat: Eine jüdische Stimme verschwand zumindest für diesen Abend aus dem öffentlichen Raum.
Genau darin liegt die Wirkung solcher Einschüchterungsversuche. Sie treffen nicht nur die unmittelbar bedrohte Person. Sie senden zugleich eine Botschaft an andere Jüdinnen und Juden, an politische Gegner und an alle, die sich öffentlich gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus äußern.
Antisemitismus beschränkt jüdisches Leben
Jüdisches Leben in Deutschland findet seit Jahren unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Synagogen, Schulen und Gemeindezentren werden bewacht. Viele Veranstaltungen können nur mit Kontrollen stattfinden. Persönliche Drohungen verschärfen dieses Gefühl permanenter Gefährdung.
Dabei zeigt sich Antisemitismus nicht erst in körperlichen Angriffen. Er wirkt bereits dort, wo Jüdinnen und Juden ihre Wege ändern, Einladungen absagen, auf öffentliche Äußerungen verzichten oder ihre Identität verbergen, weil sie um ihre Sicherheit fürchten.
Der Fall Knobloch macht diese Einschränkung besonders deutlich. Eine Frau, die als Kind vor der nationalsozialistischen Verfolgung versteckt werden musste, sieht sich im Alter von 93 Jahren gezwungen, wegen einer antisemitischen Morddrohung einer öffentlichen Veranstaltung fernzubleiben.
Der ursprüngliche Bericht der Jewish Telegraphic Agency ordnet den Vorfall deshalb nicht nur als persönlichen Angriff ein, sondern auch als Ausdruck der wachsenden Sorge innerhalb jüdischer Gemeinschaften angesichts des politischen Rechtsrucks in Deutschland.
Politischer Streit darf nicht zur Bedrohung werden
In einer Demokratie müssen auch harte politische Auseinandersetzungen möglich sein. Kritik an Parteien, Forderungen nach einem Verbotsverfahren und deutliche Warnungen vor politischen Entwicklungen gehören zur Meinungsfreiheit. Morddrohungen tun es nicht.
Sie sind kein besonders scharfer Beitrag zur Debatte, sondern der Versuch, einen Menschen durch Angst zum Schweigen zu bringen. Wenn die Drohung zudem mit einem Davidstern versehen wird, verbindet sie politische Einschüchterung mit antisemitischer Markierung.
Die Ermittlungen müssen klären, wer für die Schmiererei verantwortlich ist und welches Motiv hinter der Tat steht. Unabhängig vom Ergebnis bleibt jedoch eine gesellschaftliche Aufgabe: Jüdische Stimmen dürfen nicht erst dann Unterstützung erfahren, wenn eine konkrete Morddrohung ausgesprochen wurde.
Charlotte Knobloch hat einen großen Teil ihres Lebens dafür eingesetzt, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder sichtbar und selbstverständlich werden kann. Dass sie nun wegen einer antisemitischen Drohung einen öffentlichen Auftritt absagen musste, zeigt, wie wenig selbstverständlich diese Sichtbarkeit noch immer ist.
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