Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Israel gedenkt der Opfer – und ringt um Verantwortung

Gedenkzeremonie in Jerusalem bei Tageslicht mit israelischer Flagge auf halbmast, salutierenden Soldaten, Kränzen und Blick auf die Altstadt.
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Drei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 hat Israel am Montag der Opfer des schwersten Terrorangriffs seiner Geschichte gedacht. Auf dem Herzlberg in Jerusalem kamen Angehörige, Politiker, Soldaten und Vertreter der Sicherheitskräfte zu den staatlichen Gedenkzeremonien zusammen. Neben der Trauer um die Ermordeten und Gefallenenstand dabei eine Frage im Raum, die Israel bis heute beschäftigt: Wer trägt Verantwortung für das Versagen, das den Angriff der Hamas möglich machte?

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu versprach, die Verantwortlichen des Massakers weiterhin zu verfolgen. Präsident Isaac Herzog und Generalstabschef Eyal Zamir richteten den Blick dagegen auch nach innen und forderten eine konsequente Aufarbeitung der Fehler, die dem 7. Oktober vorausgingen.

Ein Land erinnert sich

Auf halbmast gesetzte Flaggen an der Knesset und am Amtssitz des Präsidenten bestimmten am Montagmorgen das Bild. Auf dem Herzlberg folgten zwei staatliche Zeremonien: Zunächst gedachte Israel der gefallenen Soldaten und Angehörigen der Sicherheitskräfte, anschließend der Zivilisten, die beim Terrorangriff ermordet wurden.

Begangen wird der staatliche Gedenktag nach dem hebräischen Kalender am 24. Tischrei, der in diesem Jahr auf den 5. Oktober fiel. Daneben bleibt der 7. Oktober selbst jenes Datum, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Israels und jüdischer Gemeinschaften weltweit eingebrannt hat.

Am Morgen des 7. Oktober 2023 drangen Hamas-geführte Terroristen aus dem Gazastreifen nach Israel ein. Sie überfielen Gemeinden im Süden des Landes und das Nova-Musikfestival, ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 weitere als Geiseln in den Gazastreifen.

Netanjahu verspricht, die Verantwortlichen zu verfolgen

Seine Rede auf dem Herzlberg verband Benjamin Netanjahu mit einem Versprechen: Niemand, der am Massaker beteiligt gewesen sei oder israelische Geiseln festgehalten habe, solle seiner Verantwortung entkommen. Zugleich erklärte der Regierungschef, dass es im Gazastreifen keine erneute Herrschaft der Hamas geben werde.

Besonders persönlich wurde seine Ansprache, als er von einer Begegnung mit Doron Journo erzählte. Dessen 24-jährige Tochter Karin war beim Massaker auf dem Nova-Festival ermordet worden. Journo habe ihn aufgefordert, die Aufgabe im Gazastreifen zu Ende zu bringen.

Wie tief die Wunden des 7. Oktober innerhalb Israels geblieben sind, zeigte sich jedoch noch während der Rede. Ein anderer Vater, der seinen Sohn verloren hatte, unterbrach Netanjahu und warf ihm vor, seinen Sohn nicht geschützt zu haben.

Für einen Moment verdichtete sich darin ein Konflikt, der das israelische Gedenken seit Jahren begleitet: Neben Trauer und Erinnerung steht immer auch die Frage nach der politischen Verantwortung.

Herzog richtet den Blick auf die Versäumnisse

Deutlicher als der Ministerpräsident sprach Präsident Isaac Herzog über die Fehler, die dem Angriff vorausgegangen waren. Diese müssten ohne Voreingenommenheit untersucht werden. Warnzeichen dürften nicht ignoriert und notwendige Konsequenzen nicht aus politischen Gründen vertagt werden.

Gleichzeitig erinnerte Herzog an die außergewöhnliche Solidarität, die sich am Morgen des 7. Oktober zeigte. Als Symbol dafür nannte er die Route 232, jene Straße entlang der Gemeinden an der Grenze zum Gazastreifen, die zu einem der zentralen Schauplätze des Massakers wurde.

Über diese Straße versuchten Menschen, vor den Terroristen zu fliehen. Andere fuhren bewusst in die entgegengesetzte Richtung. Soldaten, Polizisten, Rettungskräfte und Zivilisten machten sich auf den Weg in die angegriffenen Gebiete, um Menschen zu retten – viele von ihnen, obwohl zu diesem Zeitpunkt kaum jemand wusste, was sie dort erwartete.

Erfolge können das Versagen nicht auslöschen

Auch Generalstabschef Eyal Zamir ließ keinen Zweifel daran, dass die militärischen Erfolge der vergangenen Jahre die Ereignisse des 7. Oktober nicht ungeschehen machen können. Die Streitkräfte müssten untersuchen, lernen und sicherstellen, dass aus den damaligen Fehlern konkrete Konsequenzen gezogen werden.

Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten. Angehörige gefallener Soldaten kritisierten die pauschale Aussage, die IDF habe am 7. Oktober versagt. Schließlich hätten zahlreiche Soldaten und Sicherheitskräfte an diesem Morgen unter Einsatz ihres Lebens gegen die Terroristen gekämpft.

Für die Kritiker liegt das Versagen deshalb weniger bei denjenigen, die vor Ort kämpften, als bei den politischen, militärischen und geheimdienstlichen Führungsebenen, deren Entscheidungen und Fehleinschätzungen dem Angriff vorausgingen.

Gerade diese Unterscheidung zeigt, wie schwierig die Debatte um Verantwortung auch drei Jahre später geblieben ist.

Lapid verweigert Teilnahme an staatlicher Zeremonie

Dass selbst das gemeinsame Gedenken von den politischen Konflikten des Landes überschattet wird, zeigte die Abwesenheit von Oppositionsführer Yair Lapid. An der staatlichen Zeremonie nahm er nicht teil.

Seine Entscheidung begründete Lapid damit, nicht gemeinsam mit Verantwortlichen an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen zu wollen, die bis heute keine Verantwortung für das Geschehen übernommen hätten. Stattdessen wollte er Zeremonien besuchen, die von Familien der Opfer organisiert wurden.

Dahinter steht einer der größten innenpolitischen Konflikte seit dem 7. Oktober: die Forderung nach einer unabhängigen staatlichen Untersuchung der politischen und sicherheitspolitischen Versäumnisse vor dem Massaker. Für viele Angehörige ist eine solche Untersuchung längst Teil des Gedenkens selbst. Sie wollen nicht nur wissen, was geschehen ist, sondern auch, warum es geschehen konnte.

Drei Jahre später bleiben die Fragen

So erzählten die Zeremonien auf dem Herzlberg nicht allein von Vergangenheit. Sie machten zugleich sichtbar, wie stark der 7. Oktober die israelische Gegenwart weiterhin prägt.

Erinnert wurde an die Menschen, die ermordet wurden, an Soldaten und Sicherheitskräfte, die im Krieg gefallen sind, an Überlebende und an Familien, deren Leben sich an diesem Morgen unwiderruflich verändert hat.

Doch neben den Namen, Bildern und persönlichen Geschichten stehen Fragen, auf die Israel auch drei Jahre später noch Antworten sucht. Wie konnte ein Angriff dieses Ausmaßes geschehen? Welche Warnungen wurden übersehen? Wer trägt politische, militärische und geheimdienstliche Verantwortung? Und welche Konsequenzen müssen daraus folgen?

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Schwere dieses Jahrestages. Der 7. Oktober ist längst nicht mehr nur ein Datum. Er ist Erinnerung und offene Wunde zugleich – und eine Zäsur, deren Folgen Israel noch lange beschäftigen werden.

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