Mit der fünften Staffel kehrt „Fauda“ zu Netflix zurück – doch die Serie ist nicht mehr dieselbe. Die neuen Folgen spielen zwei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und erzählen von Verlust, Rache und einer Gesellschaft, die noch immer unter den Folgen des 7. Oktober leidet. Aus dem politischen Actionthriller ist ein sehr persönliches Stück israelischer Gegenwart geworden.
Seit dem 8. September ist die fünfte Staffel der israelischen Erfolgsserie „Fauda“ weltweit bei Netflix verfügbar. Insgesamt elf neue Episoden führen Doron Kavillio und seine ehemaligen Mitstreiter zurück in jene Welt aus Geheimdienstoperationen, Terrorabwehr und verdeckten Einsätzen, die „Fauda“ seit ihrem Start im Jahr 2015 geprägt hat.
Doch diesmal lässt sich die Fiktion kaum noch von der Wirklichkeit trennen.
Eine Geschichte, die neu geschrieben werden musste
Lior Raz und Avi Issacharoff hatten die Handlung der fünften Staffel bereits weitgehend entwickelt, als Terroristen der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober 2023 den Süden Israels überfielen. Mehr als 1.200 Menschen wurden ermordet, 251 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.
Nach dem Angriff verwarfen die beiden Serienschöpfer ihre ursprünglichen Pläne. Sie begannen noch einmal von vorn.
„Wir haben angefangen, aus unserem Trauma heraus zu schreiben“, sagte Raz im Gespräch mit der britischen Zeitung The Jewish Chronicle. Es sei das Schwerste gewesen, was sie je geschrieben hätten – weil sie sich dabei mit einer Wunde auseinandersetzen mussten, die für sie als Autoren und Israelis noch immer offen sei.
Diese Wunde bestimmt die neue Staffel. „Fauda“ – das arabische Wort bedeutet „Chaos“ – erzählt nicht länger nur von einem Konflikt, den seine Figuren bekämpfen. Der Konflikt ist in ihr Leben, ihre Familien und ihre Erinnerungen eingedrungen.
Doron will nicht mehr ins Feuer laufen
Zwei Jahre nach dem 7. Oktober hat sich Doron Kavillio zurückgezogen. Der ehemalige Undercover-Agent leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, befindet sich in therapeutischer Behandlung und versucht, mit dem Erlebten weiterzuleben.
Damit verändert sich eine Figur, die bislang vor allem durch ihre Rücksichtslosigkeit und ihren beinahe zwanghaften Drang zum Handeln geprägt war. Doron ist verletzlicher geworden. Er sucht nicht mehr die Gefahr – er möchte nach Hause.
Doch als eine eigenmächtige Rachemission seines alten Freundes Eli nach Marseille führt, wird Doron erneut in einen gefährlichen Undercover-Einsatz hineingezogen. Im Zentrum steht Salem, ein beduinischer Vater, dessen Sohn beim Terrorangriff ermordet wurde. Gemeinsam mit Eli verfolgt er die Spur eines Hamas-Terroristen, den beide für ihre Verluste verantwortlich machen.
Die Handlung kreist um das arabische Konzept „Tha’r“, die Blutrache. Dabei geht es nicht nur um die Jagd nach einem Täter, sondern um die Frage, was Rache mit Menschen macht, die bereits fast alles verloren haben. Kann Vergeltung den Schmerz lindern – oder setzt sie lediglich eine neue Spirale der Gewalt in Gang?
Der 7. Oktober als Teil der Handlung
Zwei Episoden greifen den Terrorangriff unmittelbar auf. Unter anderem zeigt die Staffel eine Familie, die während des Überfalls in einem Kibbuz eingeschlossen ist. Die Macher entschieden sich bewusst gegen eine explizite Inszenierung aller Gräueltaten. Andeutungen seien mitunter eindringlicher als grafische Bilder, erklärte Issacharoff der britischen Zeitung The Times.
Dennoch dürften diese Szenen für viele Zuschauer schwer zu ertragen sein – besonders für Menschen, die den 7. Oktober selbst erlebt, Angehörige verloren oder um verschleppte Familienmitglieder gebangt haben.
Die Staffel versucht nicht, den gesamten Krieg oder seine politischen Folgen abzubilden. Sie konzentriert sich auf die israelische Erfahrung des Angriffs: auf zerstörte Familien, Überlebensschuld, Wut und den Versuch, nach einer Katastrophe wieder Halt zu finden. Diese Perspektive ist bewusst persönlich und damit zwangsläufig begrenzt.
Wenn die Realität das Filmset erreicht
Auch Mitglieder des Teams waren unmittelbar vom Krieg betroffen. Matan Meir, der viele Jahre zur „Fauda“-Produktion gehörte, wurde am 11. November 2023 als israelischer Reservist im Gazastreifen getötet. Die erste Folge der neuen Staffel ist ihm gewidmet.
Idan Amedi, der seit der zweiten Staffel den Kämpfer Sagi verkörperte, wurde im Januar 2024 während seines Reservedienstes bei einer Explosion im Gazastreifen schwer verletzt. Seine langwierige Rehabilitation machte eine Rückkehr als reguläres Mitglied des Ensembles unmöglich.
Laut Raz hätten Schauspieler und Crew die Dreharbeiten zeitweise wie eine gemeinsame Selbsthilfegruppe erlebt. Viele von ihnen hatten Angehörige oder Freunde verloren, waren selbst zum Reservedienst eingezogen worden oder hatten die Ereignisse des 7. Oktober aus unmittelbarer Nähe erfahren.
Neue Gesichter, vertraute Figuren
Neben Lior Raz als Doron kehren Yaakov Zada Daniel als Eli und Doron Ben-David als Steve zurück. Neu zum Ensemble gehören die französische Schauspielerin Mélanie Laurent, bekannt unter anderem aus „Inglourious Basterds“, als Anne sowie Hakim Djaziri als Saeed. Die Handlung führt zunächst nach Marseille; Teile der dort spielenden Szenen wurden aus Sicherheitsgründen in Budapest gedreht.
Der internationale Schauplatz setzt eine Entwicklung fort, die bereits in der vierten Staffel begonnen hatte. „Fauda“ ist längst keine Serie mehr, deren Handlung auf Israel und die palästinensischen Gebiete begrenzt bleibt. Der Konflikt und seine Netzwerke reichen bis nach Europa – ebenso wie die politischen Spannungen, die er auslöst.
Zwischen Spannung und politischer Kontroverse
Seit ihrer ersten Staffel wird „Fauda“ für ihre Spannung, ihre dichte Inszenierung und ihre arabisch-hebräische Erzählweise gelobt. Gleichzeitig steht die Serie seit Jahren in der Kritik. Während einige Zuschauer ihr zugutehalten, auch palästinensische Figuren mit eigenen Biografien, Motiven und Konflikten zu zeigen, werfen andere ihr vor, den Nahostkonflikt vorwiegend durch die Perspektive israelischer Sicherheitskräfte zu betrachten.
Dieser Widerspruch verschwindet in der fünften Staffel nicht. Im Gegenteil: Mit der Verarbeitung des 7. Oktober wird der israelische Blick noch stärker zum Ausgangspunkt der Geschichte. Eine umfassende Auseinandersetzung mit dem anschließenden Krieg in Gaza bietet die Staffel nicht.
Dennoch liegt ihre Stärke dort, wo „Fauda“ immer am überzeugendsten war: bei den Menschen, die unter dem Gewicht ihrer Entscheidungen zusammenbrechen. Die Serie zeigt keine unversehrten Helden. Sie zeigt Männer und Frauen, die funktionieren sollen, obwohl ihre Sicherheiten, ihre Familien und ein Teil ihres bisherigen Lebens nicht mehr existieren.
Mehr als eine Fortsetzung
Die neue Staffel ist deshalb nicht einfach ein weiteres Kapitel der bekannten Serie. Sie markiert einen Bruch. Der 7. Oktober erscheint darin nicht als dramaturgischer Hintergrund, sondern als Ereignis, das Figuren, Handlung und Produktion grundlegend verändert hat.
„Fauda“ bleibt ein rasanter Thriller. Doch unter den Verfolgungsjagden, Schusswechseln und Geheimdienstoperationen liegt diesmal eine andere Geschichte: die Geschichte eines Landes, das nach einer Katastrophe nach Worten und Bildern für das Erlebte sucht.
Ob eine Actionserie diesem Trauma gerecht werden kann, wird unterschiedlich beurteilt werden. Dass „Fauda“ versucht, es zu erzählen, ohne seine Figuren unberührt daraus hervorgehen zu lassen, macht diese fünfte Staffel jedoch zur bislang persönlichsten – und vermutlich auch kontroversesten – der gesamten Serie.
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