Als Kind vor den Nazis versteckt, mit 95 Nobelpreisträger: Henri Kagans außergewöhnliches Leben

KI-generiertes Symbolbild: Goldene Medaille neben einem aufgeschlagenen Forschungsnotizbuch, Laborgläsern und einem Molekülmodell. Oben rechts steht „AI generated“.
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Henri Kagan musste als jüdisches Kind unter falschem Namen leben, um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entkommen. Mehr als acht Jahrzehnte später kennt die wissenschaftliche Welt seinen Namen: Der 95-jährige französische Chemiker erhält den Nobelpreis für Chemie 2026 gemeinsam mit dem japanischen Forscher Kenso Soai. Die Auszeichnung würdigt Entdeckungen, die das Verständnis von Molekülen verändert haben und für die Herstellung von Arzneimitteln bedeutsam sind.

Zwischen dem bedrohten Kind und dem gefeierten Wissenschaftler liegt ein langes Leben. Eines, das durch die Geschichte des jüdischen Europas führt und zugleich zeigt, wie weit die Arbeit eines einzelnen Menschen über seine eigene Lebenszeit hinausreichen kann.

Eine Kindheit unter falschem Namen

Kagan wurde 1930 in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren. Während des Zweiten Weltkriegs versteckte sich seine jüdische Familie unter angenommenen Namen in einem französischen Dorf und entging so den Nazis.

Die knappe biografische Angabe lässt vieles offen. Sie erzählt weder von den Gesprächen innerhalb der Familie noch von den Menschen, die ihr möglicherweise halfen. Doch sie macht deutlich, unter welchen Bedingungen Kagan aufwuchs: Seine Familie musste ihre Identität verbergen, weil ihr Jüdischsein sie in Lebensgefahr brachte.

Heute steht sein Name auf der Liste der Nobelpreisträger. Dieser Abstand zwischen Verfolgung und öffentlicher Anerkennung verleiht der Nachricht eine Bedeutung, die über den Wissenschaftsbetrieb hinausgeht. Die Auszeichnung kann das Unrecht seiner Kindheit nicht aufwiegen. Sie lenkt den Blick aber auf das Leben, das danach möglich wurde.

Ein Forscherleben in Frankreich

Nach dem Krieg führte Kagans Weg in die Chemie. Er absolvierte die École Nationale Supérieure de Chimie de Paris, begann 1954 seine wissenschaftliche Laufbahn beim französischen Forschungszentrum CNRS und promovierte 1960 am Collège de France. Später wurde Orsay zum Mittelpunkt seiner Arbeit: 1967 trat er dort eine Hochschulstelle an, 1973 folgte die Berufung zum Professor.

Über Jahrzehnte beschäftigte er sich mit einer Frage, die zunächst abstrakt klingt: Wie lässt sich gezielt eine bestimmte räumliche Form eines Moleküls herstellen?

Dass diese Frage weit über das Labor hinausreicht, zeigt sich in der Medizin. Denn bei Molekülen kommt es nicht allein darauf an, aus welchen Atomen sie bestehen. Auch deren Anordnung kann darüber entscheiden, wie ein Stoff im Körper wirkt.

Warum Moleküle wie Hände sein können

Manche Moleküle existieren in zwei Formen, die sich wie Bild und Spiegelbild gegenüberstehen. Unsere Hände helfen, das Prinzip zu verstehen: Sie ähneln einander, lassen sich aber nicht deckungsgleich übereinanderlegen. Chemiker nennen diese Eigenschaft Chiralität.

Für Arzneimittel kann der Unterschied entscheidend sein. Zwei spiegelbildliche Varianten eines Moleküls können im Körper unterschiedlich wirken. Deshalb brauchen Forscher Verfahren, mit denen sie gezielt die gewünschte Form erzeugen können.

Kagan gelang 1986 ein wichtiger Schritt: Er zeigte, wie sich bei bestimmten Reaktionen der Überschuss einer der beiden Varianten stärker erhöhen ließ, als zuvor erwartet worden war. Soai entwickelte später Reaktionen, bei denen ein entstehendes Produkt seine eigene weitere Bildung fördert. Ihre Entdeckungen halfen zu erklären, wie aus kleinen Unterschieden eine ausgeprägte molekulare Asymmetrie entstehen kann. Dafür erhalten beide den diesjährigen Chemienobelpreis.

Hinter den Fachbegriffen steht damit eine sehr praktische Aufgabe: Moleküle so herzustellen, dass sie die Eigenschaften besitzen, die wir benötigen.

Die Anerkennung kommt spät

In der Wissenschaft war Kagan längst hoch angesehen. Seit 1991 gehört er der französischen Akademie der Wissenschaften an. 2001 erhielt er den renommierten Wolf-Preis für Chemie gemeinsam mit Ryoji Noyori und K. Barry Sharpless.

Noch im selben Jahr bekamen Noyori und Sharpless zusammen mit William S. Knowles den Chemienobelpreis. Kagan gehörte damals nicht zu den Ausgezeichneten. Ein Vierteljahrhundert später erhält nun auch er die höchste internationale Anerkennung seines Fachs.

Mit 95 Jahren erlebt er eine Ehrung, die sich auf Arbeiten gründet, deren Bedeutung über Jahrzehnte gewachsen ist. Seine Universität betont, dass Kagans Modelle bis heute für die Entwicklung neuer chemischer Reaktionen relevant sind. Junge Forschung baut auf dem auf, was er vor langer Zeit begonnen hat.

Ein Name, der bleiben wird

Die Nobelpreisverleihung findet am 10. Dezember in Stockholm statt. Für Kagan markiert sie einen Höhepunkt einer wissenschaftlichen Laufbahn, die lange vor der Geburt vieler heutiger Forschender begann.

Für jüdische Leser trägt diese Nachricht noch eine andere Dimension. Kagans Biografie erinnert an die bedrohten Möglichkeiten einer ganzen Generation: an Kinder, deren Zukunft davon abhing, ob sie der Verfolgung entkommen konnten, und an all jene, denen diese Zukunft genommen wurde.

Henri Kagan überlebte. Er studierte, forschte und entwickelte Ideen, mit denen andere weiterarbeiten. Als Kind musste er einen fremden Namen tragen. Mit 95 Jahren erhält er unter seinem eigenen eine Auszeichnung, die ihn dauerhaft in die Geschichte der Wissenschaft einschreibt.

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