Tu B’Av – Sechs Tage nach der Trauer beginnt die Hoffnung

Verliebtes Paar auf einem Weinberg feiert Tu B'Av
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Tu B’Av wird häufig als „jüdischer Valentinstag“ bezeichnet. Doch der 15. Aw erzählt von weit mehr als romantischer Liebe: von überwundener Ausgrenzung, wieder geöffneten Wegen und der jüdischen Fähigkeit, nach Zeiten der Zerstörung neu zu beginnen. In diesem Jahr beginnt Tu B’Av am Abend des 28. Juli und endet am 29. Juli 2026.

Nur sechs Tage liegen zwischen Tischa beAw und Tu B’Av. Zwischen dem neunten und dem fünfzehnten Tag des Monats Aw, zwischen einem Tag der Trauer und einem Fest der Freude. Eben noch erinnert der jüdische Kalender an die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem und an weitere Katastrophen der jüdischen Geschichte. Wenige Tage später spricht er von Liebe, Begegnung und Neubeginn.

Dieser abrupte Wechsel wirkt zunächst beinahe irritierend. Wie kann aus tiefer Trauer so schnell Freude werden? Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Botschaft von Tu B’Av: Trauer muss nicht abgeschlossen sein, bevor Hoffnung wieder möglich wird. Das Judentum verlangt nicht, den Schmerz zu vergessen. Es weigert sich jedoch, ihm das letzte Wort zu überlassen.

Im Jahr 2026 beginnt Tu B’Av mit Sonnenuntergang am Dienstag, dem 28. Juli, und endet am Abend des 29. Juli. Der Name bezeichnet schlicht das Datum: den 15. Tag des hebräischen Monats Aw. „Tu“ setzt sich aus den hebräischen Buchstaben Tet und Waw zusammen, deren Zahlenwerte neun und sechs ergeben.

Einer der freudigsten Tage des Jahres

In der Tora wird Tu B’Av nicht erwähnt. Es gibt weder ein Arbeitsverbot noch ein umfangreiches Ritual, das mit den großen jüdischen Feiertagen vergleichbar wäre. Trotzdem beschreibt die Mischna den Tag mit bemerkenswerten Worten. Rabban Schimon ben Gamliel erklärt, es habe für Israel keine freudigeren Tage gegeben als den 15. Aw und Jom Kippur.

Dass ausgerechnet Tu B’Av neben Jom Kippur erscheint, ist kein Zufall. Jom Kippur steht für Vergebung und die Möglichkeit, nach Schuld und Versagen neu anzufangen. Auch Tu B’Av ist in der rabbinischen Überlieferung immer wieder mit aufgehobenen Grenzen, Versöhnung und Rückkehr verbunden.

Besonders bekannt ist die Erzählung von den jungen Frauen Jerusalems, die an diesem Tag in weißen Gewändern in die Weinberge hinausgingen und dort tanzten. Wer eine Frau suchte, sollte kommen und seine Wahl treffen. Die Kleider waren jedoch nicht die eigenen. Sie wurden untereinander ausgeliehen, damit niemand beschämt wurde, der sich kein kostbares Gewand leisten konnte.

Aus heutiger Sicht mag diese Form der Partnersuche fremd erscheinen, und die überlieferten Worte der Frauen spiegeln selbstverständlich die gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit. Doch ein Detail besitzt eine erstaunlich moderne Kraft: Noch bevor es um Schönheit, Anziehung oder Ehe ging, sollte soziale Ungleichheit unsichtbar gemacht werden. Niemand sollte wegen seiner Herkunft oder seiner Armut bloßgestellt werden.

Liebe begann in dieser Erzählung deshalb nicht mit Besitz oder äußerem Status, sondern mit gleicher Würde. Die weißen, geliehenen Kleider schufen zumindest für einen Moment einen Raum, in dem Reichtum nicht darüber entscheiden sollte, wer gesehen wurde.

Ein Datum, viele Neuanfänge

Der Talmud verbindet Tu B’Av mit mehreren Ereignissen aus unterschiedlichen Epochen. Diese Überlieferungen ergeben keine durchgängige historische Chronologie. Sie sind vielmehr Ausdruck rabbinischer Erinnerung, die verschiedene Erfahrungen unter einem gemeinsamen Datum versammelt.

So soll am 15. Aw das Sterben jener Generation aufgehört haben, die nach dem Auszug aus Ägypten vierzig Jahre durch die Wüste gezogen war. Eine neue Generation konnte sich auf den Weg in das verheißene Land machen.

An einem Tu B’Av seien außerdem die Beschränkungen aufgehoben worden, die Eheschließungen zwischen den israelitischen Stämmen erschwert hatten. Auch der Stamm Benjamin, der nach einem Bürgerkrieg aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden war, durfte der Überlieferung zufolge wieder aufgenommen werden. In einer anderen Tradition wurden die Straßensperren beseitigt, die Menschen aus dem Nordreich an der Pilgerfahrt nach Jerusalem gehindert hatten.

Nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands, so eine weitere rabbinische Überlieferung, erhielten die Jüdinnen und Juden schließlich die Erlaubnis, die Toten von Betar zu bestatten. Selbst diese Erinnerung an eine militärische Niederlage und unermesslichen Verlust enthält damit einen Moment wiedergewonnener Menschlichkeit: Die Toten konnten begraben, betrauert und ihrer Würde zurückgegeben werden.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind, folgen sie doch einem gemeinsamen Muster. Eine Zeit des Sterbens endet. Eine Trennung wird überwunden. Ausgeschlossene kehren zurück. Versperrte Wege werden geöffnet. Die Toten finden ihre letzte Ruhe. Tu B’Av markiert nicht das Vergessen dessen, was geschehen ist, sondern den Augenblick, in dem Erstarrung wieder in Bewegung übergeht.

Mehr als ein jüdischer Valentinstag

Im modernen Israel wird Tu B’Av als Chag HaAhava, als Fest der Liebe, gefeiert. Paare schenken einander Blumen, Restaurants bieten besondere Menüs an, Konzerte finden statt und viele Menschen wählen das Datum für ihre Hochzeit. Daher wird der Feiertag häufig als „jüdischer Valentinstag“ bezeichnet.

Der Vergleich ist eingängig, greift aber zu kurz. Denn die Liebe, von der Tu B’Av erzählt, beschränkt sich nicht auf Romantik. Sie zeigt sich ebenso in der Wiederaufnahme eines ausgestoßenen Stammes, in der Überwindung politischer Grenzen, im Ende einer Zeit des Sterbens und im Recht, die eigenen Toten zu bestatten.

Tu B’Av handelt damit auch von der Liebe zu einer Gemeinschaft, die nach inneren Brüchen wieder zusammenfinden muss. Von der Verantwortung, Menschen nicht dauerhaft auf ihre Schuld oder ihre Herkunft festzulegen. Und von der Hoffnung, dass selbst nach Gewalt, Ausgrenzung und Verlust eine andere Zukunft möglich bleibt.

Das bedeutet nicht, Versöhnung um jeden Preis zu verlangen. Nicht jeder Bruch kann geheilt, nicht jedes Unrecht vergeben werden. Jüdische Hoffnung ist keine Aufforderung, Schmerz zu verdrängen oder die Realität schönzureden. Sie beginnt mit der Anerkennung dessen, was zerstört wurde. Aber sie bleibt dort nicht stehen.

Die Hoffnung nach der Zerstörung

Gerade die Nähe zu Tischa beAw verleiht Tu B’Av seine besondere Bedeutung. Am neunten Aw wird erinnert, geweint und gefastet. Am fünfzehnten Aw, in der Mitte des Monats und unter dem Licht des Vollmondes, treten Menschen wieder hinaus ins Freie. Wo zuvor Verlust und Zerstörung im Mittelpunkt standen, entstehen Begegnung und neues Leben.

Zwischen beiden Tagen liegt keine lange Phase des Vergessens. Es liegen lediglich sechs Tage. Vielleicht will der jüdische Kalender damit nicht behaupten, dass Trauer nach sechs Tagen vorüber sei. Vielleicht erinnert er vielmehr daran, dass Hoffnung nicht warten muss, bis jede Wunde verheilt ist.

Diese Botschaft besitzt in einer von Krieg, Verlust, Antisemitismus und gesellschaftlicher Spaltung geprägten Gegenwart eine besondere Dringlichkeit. Hoffnung darf nicht bedeuten, die Schwere der Wirklichkeit zu leugnen. Sie kann jedoch bedeuten, wieder Wege zueinander zu suchen, Ausgrenzung nicht zum Dauerzustand werden zu lassen und auch in dunklen Zeiten an der Möglichkeit des Lebens festzuhalten.

Tu B’Av erzählt deshalb nicht nur davon, jemanden zu finden, den man liebt. Der Tag stellt eine größere Frage: Was muss geschehen, damit Menschen einander wieder begegnen können?

Vielleicht beginnt die Antwort mit dem Bild jener jungen Frauen in den Weinbergen von Jerusalem. Sie tragen Weiß, aber nicht, um Unterschiede hervorzuheben. Ihre Kleider sind geliehen, damit niemand beschämt wird. Sie tanzen nach Tagen der Trauer und machen damit sichtbar, was Tu B’Av bis heute bedeuten kann: Schmerz und Hoffnung schließen einander nicht aus. Manchmal beginnt neues Leben, während die Erinnerung an das Verlorene noch gegenwärtig ist.

Tu B’Av ist daher weniger ein jüdischer Valentinstag als ein Fest des wieder geöffneten Herzens. Es erinnert daran, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist. Liebe kann auch eine Entscheidung sein: für Würde, für Verbundenheit und für den Mut, nach der Zerstörung erneut ins Leben hinauszutreten.

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