Mit seinem Song „We Will Dance Again“ stellt sich Boy George demonstrativ an die Seite Israels und der jüdischen Gemeinschaft. Dafür erlebt der Sänger heftigen Gegenwind – aus der Öffentlichkeit, der Musikbranche und offenbar sogar aus seiner eigenen Band. Nun verteidigt er nicht nur die Botschaft des Liedes, sondern auch dessen Entstehung mithilfe künstlicher Intelligenz.
Boy George war nie für vorsichtige Zwischentöne bekannt. Doch selten hatte eine musikalische Veröffentlichung für den britischen Sänger derart unmittelbare Konsequenzen wie sein neuer Song „We Will Dance Again“, den er am 27. Juli unter dem hebräischen Titel „Od Nirkod“ veröffentlichte.
Der Reggae-Song erinnert an die Opfer des Massakers auf dem Nova-Musikfestival am 7. Oktober 2023. Terroristen der Hamas ermordeten dort 378 Menschen und verschleppten Dutzende weitere in den Gazastreifen. „We Will Dance Again“ – wir werden wieder tanzen – wurde nach dem Anschlag zum Ausdruck israelischer Trauer, aber auch zu einem Versprechen: Das Leben soll stärker bleiben als der Terror.
Boy George greift dieses Versprechen auf und verbindet es mit einer unmissverständlichen Positionierung. Er weist im Song den Vorwurf zurück, Israel führe einen Genozid, erinnert an den 7. Oktober und kritisiert Musiker, die öffentlich palästinensische Fahnen zeigen, die Opfer des Hamas-Terrors jedoch ausblenden. Im Refrain erklärt er: Wer unsicher sei, solle eines wissen – er stehe an der Seite der Juden.
KI als Schutz vor Selbstzensur
Die Kritik richtet sich nicht allein gegen den Inhalt des Songs. Auch seine Entstehung sorgt für Diskussionen. Die musikalische Begleitung wurde teilweise mithilfe künstlicher Intelligenz produziert. Boy George betont jedoch, Text und Melodie selbst geschrieben zu haben.
Den Vorwurf, mit KI den bequemsten oder billigsten Weg gewählt zu haben, weist der 65-Jährige zurück. Menschliche Mitautoren hätten versucht, ihn von einzelnen Zeilen abzubringen, erklärte er in einem Instagram-Video. Sie hätten den Text abgeschwächt, problematische Begriffe gestrichen und ihn vor möglichen Reaktionen gewarnt. Mithilfe der KI habe er dagegen ohne „Gatekeeper“ arbeiten können.
Bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung hatte er die Produktion als „AI for good“ bezeichnet. Es wäre ihm schwergefallen, diesen Song gemeinsam mit anderen Menschen zu schreiben, sagte er – gerade weil die Botschaft so umstritten sei.
Damit beschreibt Boy George ein Problem, das weit über den Einsatz neuer Technik hinausreicht: Künstlerische Zusammenarbeit findet nicht mehr nur zwischen unterschiedlichen ästhetischen Vorstellungen statt. Im aufgeheizten Klima rund um Israel wird sie schnell zu einer politischen Risikoprüfung. Noch bevor ein Lied erscheint, steht die Frage im Raum, welche Reaktionen, Boykotte oder beruflichen Konsequenzen es auslösen könnte.
Widerstand aus der eigenen Band
Diese Sorge scheint auch innerhalb von Culture Club angekommen zu sein. Nach Angaben des Sängers zögern einzelne Musiker, „We Will Dance Again“ gemeinsam mit ihm aufzuführen. Seine Antwort darauf fällt ebenso knapp wie kompromisslos aus: Wer sich weigere, werde entlassen.
Diese Drohung besitzt eine gewisse Widersprüchlichkeit. Boy George verteidigt seine eigene künstlerische Freiheit, während er seinen Musikern kaum Raum für deren Entscheidung lässt. Gleichzeitig zeigt der Konflikt, wie weit die Kontroverse inzwischen reicht. Es geht nicht mehr nur um Kommentare in sozialen Netzwerken. Die Auseinandersetzung ist in seinem unmittelbaren beruflichen Umfeld angekommen.
Eine Haltung mit Konsequenzen
Boy George hat bereits einen hohen Preis für seine Positionierung gezahlt. Sein Song und sein Profil verschwanden von der Musikplattform Bandcamp. Zudem trennte er sich von seinem bisherigen Label-Manager, nachdem dieser die Veröffentlichung des Songs offenbar nicht unterstützen wollte.
Auch seine geplanten Auftritte als König Herodes in „Jesus Christ Superstar“ am London Palladium sagte sein damaliger Manager Paul Kemsley ab. Offiziell sollte dieser Schritt die Produktion aus der Kontroverse heraushalten. Die zeitliche Nähe zur Veröffentlichung von „We Will Dance Again“ ließ jedoch kaum Zweifel daran, was den Rückzug ausgelöst hatte.
Boy George selbst blieb demonstrativ gelassen. Er akzeptiere, dass viele Menschen seine Sicht nicht teilten, erklärte er. Gerade darin bestehe schließlich Demokratie.
Eine lange Verbindung zur jüdischen Gemeinschaft
Seine Solidarität kommt nicht aus dem Nichts. Bereits zu Beginn seiner Karriere trug Boy George öffentlich einen Davidstern. Auf einem seiner bekanntesten Bühnenoutfits war der Name Culture Club in hebräischen Buchstaben zu lesen. 2017 trat die Band trotz Boykottaufrufen in Tel Aviv auf. George erklärte anschließend, Israel sei „in seinem Herzen“.
Auch beim Eurovision Song Contest 2026 wies er Forderungen zurück, den Wettbewerb wegen der israelischen Teilnahme zu boykottieren. Niemand könne von ihm verlangen, sich gegen seine jüdischen Freunde zu stellen. Nach einem Messerangriff auf zwei jüdische Männer im Londoner Stadtteil Golders Green rief er dazu auf, der jüdischen Gemeinschaft sichtbar zu zeigen, dass sie nicht allein sei.
Das macht „We Will Dance Again“ nicht automatisch zu einem musikalisch gelungenen Lied. Auch Solidarität entbindet Kunst nicht von Kritik. Doch die Reaktionen zeigen, dass längst mehr verhandelt wird als Arrangement, Textqualität oder der Einsatz künstlicher Intelligenz.
Boy George hat eine Grenze überschritten, die in Teilen der westlichen Kulturszene offenbar immer enger gezogen wird: Er spricht über den 7. Oktober, ohne das Massaker sofort durch ein politisches „Aber“ zu relativieren. Er erklärt seine Verbundenheit mit jüdischen Menschen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Und er besteht darauf, dass eine solche Haltung auch auf einer Bühne Platz haben muss.
Die KI hat ihm dabei ermöglicht, einen Song ohne widersprechende Mitautoren zu produzieren. Ob sie deshalb tatsächlich ein Instrument künstlerischer Freiheit ist, bleibt fraglich. Sicher ist nur: „We Will Dance Again“ ist längst mehr als ein Popsong. Das Stück ist zum Dokument eines kulturellen Klimas geworden, in dem schon die öffentliche Solidarität mit Juden berufliche Konsequenzen haben kann – und in dem ein Künstler offenbar lieber mit einer Maschine arbeitet, als sich von Menschen zum Schweigen bringen zu lassen.
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