Israel wirkt derzeit weder wie eingefroren noch vollständig zurück im alten Tempo. Wer das Land heute besucht, bewegt sich in einem Zwischenzustand: Der Alltag geht weiter, Geschäfte sind geöffnet, Menschen sind unterwegs – doch das Tempo ist ein anderes als vor den vergangenen Krisenjahren. Diese Realität prägte auch die International Mediterranean Tourism Market (IMTM) 2026 in Tel Aviv, auf der Tourismusvertreter offen über Einschnitte, aber auch über vorsichtige Erholung sprachen.
Tourismusminister Haim Katz betonte bei der Eröffnung der internationalen Messe, dass Unsicherheit und Reisewarnungen den Tourismus spürbar beeinflusst hätten. Gleichzeitig verwies er auf wachsende Flugkapazitäten im Jahr 2026 und erste Anzeichen einer Erholung. Besonders Reisende mit bestehenden familiären, religiösen oder kulturellen Bindungen an Israel – darunter jüdische Gemeinschaften im Ausland – blieben dem Land vergleichsweise treu.
Abseits der Messe zeigt sich diese Erholung weniger spektakulär, dafür umso greifbarer im Alltag.
Tel Aviv: Lebendig, aber weniger verdichtet
Tel Aviv ist weiterhin eine aktive Stadt. Hauptverkehrsstraßen sind belebt, Cafés und Restaurants haben ganztägig geöffnet, Menschen bewegen sich selbstverständlich durch die Stadt. Einige Viertel wirken ruhiger als in früheren Spitzenzeiten, andere nahezu unverändert. Die Stadt erscheint nicht leer, sondern weniger gedrängt – jung, offen und voller Begegnungen, deren Energie auch in wechselhaften Zeiten spürbar bleibt.
Diese Atmosphäre setzt sich in den Hotels fort. Unterkünfte sind geöffnet, professionell geführt und funktionieren ohne große Inszenierung. Das Melody Hotel Tel Aviv nahe der Strandpromenade steht exemplarisch für diesen Rhythmus: ein funktionaler Ausgangspunkt für Gäste, kein Ort der Selbstdarstellung, sondern Teil des städtischen Alltags.
Historische Orte als soziale Räume
Ein Abend führte in die American Colony, ein Viertel, das Ende des 19. Jahrhunderts von amerikanischen und deutschen Templern geprägt wurde. Die steinernen Gebäude und der Stadtgrundriss erzählen diese Geschichte bis heute. Im The Drisco Hotel, einem restaurierten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, trafen sich Gäste zu einem ungezwungenen Beisammensein. Gespräche, vertraute Speisen und eine entspannte Atmosphäre bestimmten den Abend – kein Event, sondern gelebter Alltag.
Auch Restaurants im ganzen Land arbeiten kontinuierlich weiter. In Jerusalem gehört dazu etwa Chakra, ein seit Jahren etabliertes, nicht-koscheres Restaurant nahe dem Independence Park. Der Gastraum ist belebt, ohne überfüllt zu wirken, das Publikum gemischt aus Einheimischen und Besuchern. Die Küche bleibt mediterran-israelisch, die Stimmung ruhig und unaufgeregt.
Jaffa: Geschichte im Alltag
In Jaffa ist Geschichte kein Museumsexponat, sondern Teil des täglichen Lebens. Als eine der ältesten Hafenstädte der Welt war Jaffa über Jahrhunderte ein Tor für Handel, Pilger und Migration. Der internationale Ruf der Jaffa-Orangen prägt das Bild bis heute.
Der Hafen und die angrenzenden Straßen sind aktiv. Auf dem Flohmarkt werden Keramik, Textilien und Alltagsgegenstände verkauft, kleine Falafel- und Hummusläden arbeiten beständig. Hebräisch und Arabisch stehen gleichberechtigt auf Schildern und Speisekarten – kommentarlos, selbstverständlich.
Über der Altstadt erhebt sich die St. Peter’s Kirche, 1894 auf Kreuzfahrerresten errichtet und von der spanischen Krone finanziert. Der Ort wird bis heute von Pilgern und Gemeinden genutzt. Napoleon Bonaparte soll hier 1799 verweilt haben – Geschichte, die nicht abgeschlossen wirkt.
Kontinuität zeigt sich auch im Kleinen: Ein Stand verkauft Malabi, einen gekühlten Milchpudding, der in der gesamten Region verbreitet ist. Manche Tage gibt es Warteschlangen, andere nicht. Der Betrieb bleibt ruhig, beständig.
Jerusalem: Dichte, Nähe und Gleichzeitigkeit
Jerusalem fühlt sich dichter an. In der Altstadt bewegen sich Pilger, Einheimische und Besucher durch enge Gassen. Geschäfte sind geöffnet, Gebet und Handel existieren nebeneinander. Auffällig ist die unmittelbare Nähe unterschiedlicher Lebenswelten: ultraorthodoxe Familien, säkulare Israelis, arabische Händler, christliche Geistliche und Touristen teilen denselben Raum. Sprache, Kleidung und Rhythmus wechseln von Straße zu Straße.
Eine besonders direkte Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart bietet der Wallfahrtsweg. Die steingepflasterte Straße aus der Zeit des Zweiten Tempels wurde im September 2025 nach umfangreichen archäologischen Arbeiten erstmals seit rund 2.000 Jahren vollständig zugänglich gemacht. Funde wie Münzen, Gewichte und ein Steintisch deuten auf eine einst lebhafte Geschäftsstraße hin, unter der ein Entwässerungskanal später als Versteck im Jüdischen Krieg diente.
An der Klagemauer verschiebt sich die Atmosphäre erneut. Das Gebet bestimmt den Raum, Tourismus bleibt zweitrangig. Menschen kommen allein oder in Gruppen, verweilen kurz oder lange, stecken Zettel zwischen die Steine, sprechen leise Gebete.
Gleichzeitig ist das christliche Jerusalem allgegenwärtig. Die Church of the Holy Sepulchre funktioniert wie seit Jahrhunderten: ein vielschichtiger, geteilter Ort, geprägt von Ritualen, Kerzenlicht und kontinuierlicher Nutzung – nicht inszeniert, sondern lebendig.
Das Davidsturm-Museum dient heute als Orientierungspunkt vor dem Eintritt in die Altstadt. Nach umfassender Renovierung verbindet es archäologische Funde mit moderner Vermittlung. Abends zieht die Licht- und Tonshow ein gemischtes Publikum an, bevor sich die Stadt erneut verteilt.
Märkte, Stimmen und wirtschaftliche Realität
Märkte bleiben zentrale Bewegungsräume. Rund um die Altstadt wird ruhig, aber konstant gehandelt. Abends wandelt sich der Mahane Yehuda Markt zum Treffpunkt für Essen und Trinken. Falafel, Shawarma, Bourekas und süße Backwaren prägen das Bild.
Im muslimischen Viertel setzt sich der Alltag fort wie eh und je. Ein arabischer Saftverkäufer schildert offen die Folgen des Tourismus-Rückgangs: Weniger Besucher treffen nicht nur Hotels, sondern kleine Familienbetriebe unmittelbar. Boykotte im Ausland, so seine Einschätzung, unterscheiden nicht zwischen den Gemeinschaften vor Ort – sie treffen jüdische und arabische Existenzen gleichermaßen.





