Ein Konzertflügel auf dem Dancefloor, klassische Kompositionen zwischen elektronischen Beats und ein Publikum, das nicht still auf seinen Plätzen sitzen muss: Mit „Piano Unplugged Vol. 2“ kehrt der Pianist und Komponist Leon Gurvitch am 27. September ins Hamburger Docks zurück.
Im Gespräch mit Raawi erzählt er von musikalischen Grenzen, seinen Wurzeln und der Frage, was ein Live-Erlebnis in Zeiten künstlicher Intelligenz unersetzlich macht.
Ein Flügel steht dort, wo normalerweise getanzt wird. Die Bar bleibt geöffnet, das Publikum darf sich bewegen, und an die Stelle der vertrauten Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum tritt ein Abend, der sich weder eindeutig als klassisches Konzert noch als Clubnacht beschreiben lässt.
Nach dem ausverkauften Auftakt kehrt Leon Gurvitch mit „Piano Unplugged Vol. 2“ am 27. September 2026 ins Docks auf der Hamburger Reeperbahn zurück. Gemeinsam mit einem DJ und angekündigten Special Guests verbindet der Pianist und Komponist klassische Werke, eigene Kompositionen, Improvisationen und elektronische Musik. Bach, Mozart oder Chopin sollen dabei nicht als museale Größen behandelt werden, sondern als lebendige Musik, die auch auf einem Dancefloor ihre Kraft entfalten kann.
Leon, ein Konzertflügel im Docks ist noch immer ein ungewöhnliches Bild. Was verändert sich für dich als Musiker, wenn das Klavier den klassischen Konzertsaal verlässt und mitten in einem Club steht?
Für mich verändert sich vor allem die Nähe zum Publikum. Im Club entsteht eine andere Atmosphäre – direkter, spontaner und offener. Das Klavier bleibt dasselbe Instrument, aber der Raum gibt der Musik eine ganz neue Energie.
Die erste Ausgabe von „Piano Unplugged“ zeigte bereits, dass diese Verbindung funktionieren kann. Das Docks war ausverkauft, im hinteren Teil des Clubs wurde getanzt, während im vorderen Bereich Sitzplätze zur Verfügung standen. Licht, Videoprojektionen und elektronische Beats verwandelten das Klavierkonzert in ein Gesamterlebnis, ohne dass der Flügel dabei zur bloßen Kulisse wurde.
Die Premiere war ausverkauft und die Reaktionen des Publikums waren offenbar so stark, dass schnell der Wunsch nach einer Fortsetzung entstand. Was hat dich an diesem ersten Abend am meisten überrascht?
Mich hat vor allem die unglaubliche Energie des Publikums überrascht. Die Menschen haben getanzt, getobt und vor Freude geschrien – diese unmittelbare Reaktion und die Begeisterung im Raum waren für mich ein unvergesslicher Moment.
Mit „Piano Unplugged Vol. 2“ soll das Konzept nun weiterentwickelt werden. Vieles bleibt bewusst eine Überraschung. Sicher ist bislang, dass erneut klassische Werke, eigene Kompositionen und elektronische Arrangements aufeinandertreffen werden. Auch Mozart soll Teil des Abends sein – allerdings in einer Form, in der viele Menschen seine Musik vermutlich noch nicht gehört haben.
Was möchtest du bei der zweiten Ausgabe anders machen oder weiterentwickeln, ohne das spontane Gefühl des ersten Abends zu verlieren?
Die Idee von „Piano Unplugged“ bleibt dieselbe: Musik neu und frei zu erleben. Bei der zweiten Ausgabe möchte ich noch mehr überraschen, neue Klangwelten entdecken und die Verbindung zwischen Klavier, Elektronik und Publikum weiter vertiefen – ohne die Spontaneität und den besonderen Moment eines Live-Abends zu verlieren.
Eine musikalische Biografie zwischen Minsk und Hamburg
Leon Gurvitch wurde 1979 in Minsk geboren und wuchs in einer musikalischen Familie auf. Schon früh lernte er Violine, Klavier und Oboe, später studierte er Dirigieren und setzte seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg fort. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet er in Hamburg.
Seine musikalische Sprache lässt sich nur schwer einem einzelnen Genre zuordnen. In seinen Werken treffen klassische Musik, Jazz, russische Folklore, Klezmer sowie orientalische und lateinamerikanische Einflüsse aufeinander. Gurvitch arbeitete mit Orchestern und Ensembles, komponierte für Film und Bühne und trat unter anderem in der Carnegie Hall und der Elbphilharmonie auf. Du bist in Minsk in einer musikalischen Familie aufgewachsen.
Welche Klänge, Melodien oder musikalischen Erinnerungen aus deiner Kindheit trägst du bis heute in dir?
Meine Mutter war klassische Pianistin und Musiklehrerin, daher war Musik von Anfang an ein wichtiger Teil meines Lebens. Mit sechs Jahren habe ich mit dem Musikunterricht begonnen und schon als Kind gelernt, Musik nicht nur zu spielen, sondern auch tief zu verstehen und zu empfinden.
Der Weg von Minsk nach Hamburg war nicht nur ein geografischer. Er führte Gurvitch durch unterschiedliche musikalische Welten, Sprachen und kulturelle Einflüsse. Gerade diese Vielfalt wurde zu einem prägenden Bestandteil seiner Arbeit.
Welche Bedeutung hatte der Wechsel von Minsk nach Hamburg für deine Entwicklung als Mensch und als Künstler?
Der Wechsel von Minsk nach Hamburg war ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben. Ich habe nicht nur eine neue Stadt kennengelernt, sondern auch neue Kulturen, Menschen und musikalische Perspektiven. Diese Vielfalt hat meinen Blick als Künstler erweitert und mir geholfen, meine eigene musikalische Sprache zwischen verschiedenen Traditionen zu finden.
Ein wiederkehrendes Element in Gurvitchs Musik ist der Klezmer. Dabei erscheint er nicht als nostalgische Erinnerung an eine abgeschlossene Vergangenheit, sondern als eine musikalische Sprache, die sich verändern, weiterentwickeln und mit anderen Traditionen verbinden kann. Deine Musik ist unter anderem von Klezmer und jüdischen Musiktraditionen geprägt. Was bedeuten diese Einflüsse für dich persönlich und für deine Arbeit als Komponist?
Klezmer ist für mich nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern eine lebendige musikalische Sprache. Diese Tradition trägt viele Emotionen in sich – Freude, Melancholie, Hoffnung – und inspiriert mich, sie mit anderen musikalischen Welten zu verbinden.
Gurvitch verbindet Musikstile, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig voneinander getrennt werden. Seine Kompositionen bewegen sich zwischen vermeintlicher Hochkultur, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischen Klangwelten. Die verschiedenen Einflüsse stehen dabei nicht nur nebeneinander, sondern werden Teil einer gemeinsamen musikalischen Sprache. Hat Musik für dich eine Heimat – oder entsteht deine musikalische Identität gerade aus der Verbindung unterschiedlicher kultureller Erfahrungen?
Meine musikalische Identität ist durch viele verschiedene Einflüsse geprägt. Ich glaube nicht, dass Musik nur eine Heimat hat – sie entsteht gerade durch Begegnungen, Kulturen und unterschiedliche Erfahrungen.
Klassik muss nicht stillstehen
In der klassischen Musikwelt sind die Regeln meist eindeutig. Das Publikum sitzt, hört zu und applaudiert an den vorgesehenen Stellen. Im Club gelten andere Gesetze. Menschen bewegen sich, sprechen miteinander, holen sich ein Getränk oder beginnen zu tanzen. „Piano Unplugged“ bringt diese beiden Formen des Musikerlebens zusammen.
Für Gurvitch bedeutet diese Öffnung nicht, klassische Musik zu vereinfachen oder ihre Komplexität aufzugeben. Vielmehr stellt er die Frage, ob die Schwellenangst vieler Menschen tatsächlich mit der Musik selbst zusammenhängt – oder mit den Räumen und Ritualen, in denen sie gewöhnlich präsentiert wird. Viele Menschen empfinden klassische Konzertsäle als fremd, elitär oder von starren Regeln geprägt. Liegt die Distanz zur klassischen Musik tatsächlich an den Werken – oder vor allem an der Art, wie sie präsentiert werden?
Ich glaube, es liegt oft weniger an der Musik selbst, sondern daran, wie sie vermittelt wird. Viele Menschen können sich mit klassischer Musik verbinden, wenn die Atmosphäre offen ist und sie einen persönlichen Zugang finden.
Die Verbindung von Klassik und Clubsound birgt allerdings auch ein Risiko. Ein elektronischer Beat allein macht aus einem klassischen Werk noch keine überzeugende Neuschöpfung. Damit die Begegnung der Genres mehr ist als ein kurzfristiger Effekt, muss sie musikalisch begründet sein.
Was geschieht für dich mit einem Werk von Bach, Mozart oder Chopin, wenn elektronische Beats hinzukommen? Bleibt es dasselbe Werk oder entsteht etwas grundsätzlich Neues?
Für mich bleibt der Kern des Werkes erhalten, aber es entsteht eine neue Perspektive. Elektronische Elemente können eine andere Atmosphäre schaffen und neue Menschen für diese Musik öffnen – solange der Respekt vor dem Original bleibt.
Wo verläuft für dich die Grenze zwischen einer wirklichen musikalischen Weiterentwicklung und dem bloßen Versuch, klassische Musik äußerlich „clubtauglich“ zu machen?
Für mich liegt die Grenze in der Ehrlichkeit. Es geht nicht darum, klassische Musik einfach mit modernen Effekten zu versehen, sondern neue Wege zu finden, ohne den Kern der Musik zu verlieren. Wenn die Idee musikalisch überzeugt, entsteht etwas Neues.
Gurvitch hat mehrfach betont, dass er keine grundsätzliche Trennung zwischen Klassik, zeitgenössischer Musik und anderen Genres vornehmen möchte. Entscheidend sei für ihn nicht die jeweilige Kategorie, sondern die Qualität und die emotionale Wirkung eines Stückes.
Du sagst, dass du nicht zwischen Klassik, zeitgenössischer Musik und anderen Genres unterscheidest, sondern nur zwischen guter und schlechter Musik. Woran erkennst du gute Musik?
Gute Musik erkennt man für mich daran, dass sie eine Verbindung schafft – zwischen dem Komponisten, den Musikerinnen und Musikern und dem Publikum. Der Stil spielt dabei keine entscheidende Rolle. Wichtig ist, dass die Musik ehrlich ist und etwas im Menschen bewegt.
Ein anderes Publikum für klassische Musik
„Piano Unplugged“ richtet sich nicht nur an ein klassisches Konzertpublikum. Der Abend soll auch Menschen erreichen, die gewöhnlich keinen Klavierabend besuchen würden oder bislang kaum Berührungspunkte mit klassischer Musik hatten. Das bedeutet jedoch nicht, den Konzertsaal abzuschaffen. Formate wie „Piano Unplugged“ können vielmehr eine zusätzliche Tür öffnen. Wer Bach oder Mozart erstmals in einem Club erlebt, könnte später auch neugierig auf einen klassischen Konzertabend werden.
Welche Menschen möchtest du mit „Piano Unplugged“ besonders erreichen?
Ich möchte vor allem auch ein junges Publikum erreichen – Menschen, die vielleicht bisher wenig Berührung mit klassischer Musik hatten. „Piano Unplugged“ soll eine offene Einladung sein, Musik ohne Berührungsängste neu zu entdecken.
Hörst du selbst anders zu, wenn sich das Publikum frei bewegen und auf die Musik körperlich reagieren kann? Verändert diese unmittelbare Reaktion auch dein Spiel?
Ja, auf jeden Fall. Wenn das Publikum sich frei bewegt und die Musik unmittelbar aufnimmt, entsteht eine andere Energie im Raum. Das beeinflusst auch mein Spiel – ich reagiere stärker auf den Moment und auf die Atmosphäre.
Wer die vertrauten Grenzen des eigenen Genres verlässt, muss mit Widerständen rechnen. Gerade in der klassischen Musik kann ein Clubkonzert schnell als Zugeständnis an den Zeitgeist oder als Bruch mit künstlerischer Ernsthaftigkeit verstanden werden.
Gibt es in der klassischen Musikwelt noch immer Vorbehalte gegenüber Künstlerinnen und Künstlern, die solche Grenzen überschreiten?
Ja, manchmal schon. Aber ich glaube, dass am Ende nicht das Genre oder sogenannte Schublade zählt, sondern die Ehrlichkeit und Qualität der Musik, ob sie Menschen berührt.
Das Live-Erlebnis in Zeiten künstlicher Intelligenz Musik ist heute nahezu jederzeit und überall verfügbar. Streamingplattformen liefern Millionen Aufnahmen innerhalb weniger Sekunden, digitale Systeme können Musik analysieren, reproduzieren und inzwischen sogar neue Stücke erzeugen.
Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Erlebnissen, die nicht beliebig wiederholbar sind. Ein Live-Konzert lebt von seiner Unvorhersehbarkeit. Kein Abend klingt exakt wie der andere. Musiker und Publikum beeinflussen einander, kleine Fehler und spontane Entscheidungen werden Teil des Moments. Gerade darin liegt möglicherweise die Stärke eines Formats, das sich bewusst nicht vollständig planen lassen will.
Du hast gesagt, dass das Live-Erlebnis gerade in Zeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz etwas Einzigartiges bleibt. Was geschieht zwischen einem Musiker und seinem Publikum, das sich technisch nicht reproduzieren lässt?
Jedes Konzert ist anders. Es entsteht ein direkter Austausch von Energie und Emotionen – und genau dieser Moment lässt sich weder planen noch künstlich erzeugen.
Kann künstliche Intelligenz deiner Meinung nach überzeugende Musik erschaffen – und gibt es etwas, das ihr unabhängig von der technischen Entwicklung immer fehlen wird?
KI kann sicherlich interessante Musik erschaffen und neue Möglichkeiten eröffnen. Aber sie hat keine eigenen Erlebnisse, keine Erinnerungen und keine persönlichen Emotionen. Für mich entsteht echte Musik immer aus dem, was ein Mensch erlebt und fühlt.
Musik kann ohne Worte von Liebe, Trauer, Verlust oder Glück erzählen. Jeder Mensch verbindet mit einer Melodie andere Erinnerungen und entwickelt beim Hören eine eigene Geschichte. Ein Konzert ist deshalb nicht nur das, was auf der Bühne geschieht, sondern auch das, was das Publikum daraus mitnimmt.
Welche Geschichte möchtest du den Menschen am 27. September mit „Piano Unplugged Vol. 2“ erzählen?
Ich möchte das Publikum auf eine besondere musikalische Reise mitnehmen – mit Klavier, DJ und einigen Überraschungen. Es wird ein Abend, an dem man offen für neue Klänge sein sollte und vielleicht auch mit dem Unerwarteten rechnen darf.
Wenn die Besucherinnen und Besucher Jahre später an diesen Abend zurückdenken: Woran sollen sie sich erinnern?
Ich hoffe, dass sie sich an die besondere Atmosphäre erinnern – an einen Abend voller Energie, Überraschungen und echter Emotionen. An einen Moment, den man nicht nur gehört, sondern erlebt hat.
Mit „Piano Unplugged Vol. 2“ setzt Leon Gurvitch sein musikalisches Experiment dort fort, wo es begonnen hat: auf der Reeperbahn, zwischen Konzertflügel, Clublicht und Dancefloor. Ob Bach, Mozart und elektronische Beats tatsächlich selbstverständlich nebeneinander bestehen können, wird sich an diesem Abend nicht theoretisch entscheiden. Es muss erlebt werden.
Veranstaltungsinformationen
Leon Gurvitch & DJ mit Special Guests: „Piano Unplugged Vol. 2 – Klaviermusik im Club neu erleben“
Wann: Sonntag, 27. September 2026, 19.30 Uhr
Einlass: 18.30 Uhr
Wo: Docks, Spielbudenplatz 19, 20359 Hamburg
Tickets: https://docksfreiheit36.de/event/?slug=48be45ea-c1cf-4bdb-b58f-0c9e606b0a8b&clr=red
Copyright Foto: Henriette Mielke
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