Warum muss der Kühlschrank immer gut gefüllt sein? Weshalb löst ein nicht beantworteter Anruf sofort Panik aus? Und warum gibt es in manchen Familien Themen, über die bis heute niemand spricht? Hinter solchen Verhaltensweisen kann eine Geschichte stehen, die lange vor der eigenen Geburt begonnen hat. Transgenerationales Trauma beschreibt, wie die Erfahrungen einer Generation in den folgenden weiterwirken – und Rosh Hashanah erinnert daran, dass wir nicht alles weitergeben müssen, was wir selbst übernommen haben.
Eine Vergangenheit, die im Alltag weiterlebt
Jede Familie hat ihre Eigenheiten. In der einen werden Lebensmittel niemals weggeworfen. In der anderen gilt es als gefährlich, Fremden zu vertrauen. Manche Eltern möchten ständig wissen, wo ihre Kinder sind. Andere sprechen kaum über Gefühle oder reagieren besonders empfindlich auf Trennungen und Konflikte.
Nicht hinter jeder Gewohnheit steckt ein Trauma. Manchmal sind es einfach Marotten, Erziehungsstile oder kulturelle Prägungen. Doch manchmal führen solche Muster zurück zu Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Gewalt, Flucht oder schwerem Verlust.
Von transgenerationalem Trauma spricht man, wenn ein einschneidendes Erlebnis nicht nur die Menschen prägt, die es selbst durchleben mussten, sondern auch ihre Kinder und Enkel. Die Nachkommen erinnern sich nicht an das ursprüngliche Ereignis. Trotzdem können sie mit Ängsten, Verhaltensweisen oder Erwartungen aufwachsen, die aus dieser Vergangenheit stammen.
Dabei wird kein Trauma wie ein unverändertes Paket von einer Generation an die nächste übergeben. Weitergegeben werden eher Botschaften darüber, wie sicher oder gefährlich die Welt ist, wem man vertrauen darf und was man tun muss, um zu überleben.
Die Forschung begann mit den Kindern der Shoah-Überlebenden
Wissenschaftler begannen sich in den 1960er-Jahren intensiver mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Psychiater beobachteten damals, dass manche Kinder von Shoah-Überlebenden unter starken Ängsten, Depressionen oder Beziehungsschwierigkeiten litten, obwohl sie die Verfolgung ihrer Eltern nicht selbst erlebt hatten.
Die ersten Untersuchungen entstanden allerdings vor allem in psychiatrischen Einrichtungen. Sie zeigten also, wie es Menschen ging, die bereits Hilfe suchten. Daraus entstand lange der Eindruck, die Kinder der Überlebenden seien grundsätzlich psychisch stärker belastet.
Spätere und größere Studien zeichneten ein differenzierteres Bild. Eine Metaanalyse mit insgesamt 4.418 Teilnehmenden fand bei Kindern von Shoah-Überlebenden keine allgemeine psychische Beeinträchtigung. Deutlichere Belastungen zeigten sich vor allem dann, wenn die Eltern selbst schwer unter den Folgen ihrer Erlebnisse litten oder die Kinder in ihrem eigenen Leben zusätzliche Krisen bewältigen mussten.
Die Familiengeschichte allein macht einen Menschen also nicht krank. Sie kann aber beeinflussen, wie jemand auf Stress, Verlust oder eine neue Bedrohung reagiert.
Wie Trauma durch eine Familie wandert
Menschen, die Verfolgung, Lagerhaft, Hunger oder den Verlust fast ihrer gesamten Familie überlebt hatten, mussten Wege finden, mit dem Erlebten weiterzuleben. Viele hatten keine Möglichkeit, darüber zu sprechen oder psychologische Hilfe zu erhalten. Sie gründeten Familien, bauten sich ein neues Leben auf – und trugen ihre Erfahrungen dennoch in sich.
Verhaltensweisen, die während der Verfolgung das Überleben gesichert hatten, verschwanden nach dem Krieg nicht automatisch. Misstrauen konnte schützen. Wachsamkeit war notwendig. Gefühle zurückzuhalten half vielleicht, den nächsten Tag zu überstehen. Lebensmittel aufzubewahren war nach Jahren des Hungers vernünftig.
Für die Kinder konnten daraus jedoch schwer verständliche Regeln entstehen: Vertraue niemandem vollständig. Falle nicht auf. Sei immer vorbereitet. Verlasse dich nur auf die Familie. Zeige keine Schwäche.
Auch besonders enge Fürsorge kann aus einer traumatischen Erfahrung entstehen. Wer erlebt hat, dass geliebte Menschen plötzlich verschwinden, möchte die eigenen Kinder vielleicht niemals aus den Augen lassen. Was als Schutz gedacht ist, kann von den Kindern jedoch als Kontrolle oder als mangelndes Vertrauen erlebt werden.
Entscheidend ist deshalb nicht nur, was Eltern erlebt haben, sondern wie sie später mit ihren Erinnerungen, Ängsten und Beziehungen umgehen konnten. Untersuchungen zu den Nachkommen von Shoah-Überlebenden zeigen, dass vor allem eine unbehandelte posttraumatische Belastungsstörung der Eltern, schwierige Bindungsmuster und zusätzliche familiäre Belastungen das Wohlbefinden der Kinder beeinflussen können.
Auch Schweigen erzählt eine Geschichte
Viele Überlebende sprachen jahrzehntelang nicht über ihre Erfahrungen. Manche wollten ihre Kinder schützen. Andere fanden keine Worte für das Erlebte oder fürchteten, beim Erzählen innerlich erneut dorthin zurückzukehren.
Doch Kinder spüren, wenn es in einer Familie verschlossene Räume gibt. Sie hören Namen, die plötzlich fallen. Sie sehen Fotos von Menschen, über die niemand spricht. Sie erleben Albträume, Tränen oder heftige Reaktionen, ohne deren Ursache zu kennen.
Wo Wissen fehlt, versucht die Fantasie, die Lücken zu füllen. So können Bilder entstehen, die sich beinahe wie eigene Erinnerungen anfühlen. Die Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch nennt dieses Phänomen „Postmemory“: Nachgeborene übernehmen die Vergangenheit nicht als persönliche Erinnerung, aber als einen so starken Teil der Familiengeschichte, dass sie ihre eigene Identität mitprägt.
Das bedeutet nicht, dass Familien jedes schmerzhafte Detail erzählen müssen. Auch ein Kind mit grausamen Geschichten zu überfordern, kann belastend sein. Entscheidend ist eine altersgerechte und offene Sprache. Kinder sollten erfahren dürfen, was geschehen ist, ohne das Gefühl zu bekommen, sie müssten ihre Eltern trösten, ihre Wunden heilen oder stellvertretend für die Ermordeten leben.
Liegt das Trauma tatsächlich in den Genen?
Die Vorstellung, Traumata könnten über die Gene vererbt werden, hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten. Dabei geht es meist um Epigenetik.
Vereinfacht gesagt untersucht die Epigenetik, wie Erfahrungen und Umweltbedingungen die Aktivität unserer Gene beeinflussen können. Die Gene selbst werden dabei nicht umgeschrieben. Eher verändern sich bestimmte biologische Schalter, die mitentscheiden, wie stark einzelne Gene arbeiten.
Eine bekannte Studie um die Psychiaterin Rachel Yehuda fand bei Shoah-Überlebenden und ihren erwachsenen Kindern Unterschiede an einem Gen, das an der menschlichen Stressreaktion beteiligt ist. Das klingt zunächst wie ein Beweis für ein biologisch vererbtes Trauma. Die Untersuchung war jedoch sehr klein: Sie umfasste 32 Überlebende und 22 Nachkommen sowie noch kleinere Kontrollgruppen. Außerdem konnte sie nicht zeigen, auf welchem Weg die Unterschiede entstanden waren.
Denn auch das Leben der Kinder selbst beeinflusst ihren Körper. Die Schwangerschaft, die Erziehung, Stress in der Familie, Ernährung, Krankheiten und eigene belastende Erfahrungen können biologische Spuren hinterlassen. Wenn Eltern und Kinder ähnliche Merkmale aufweisen, bedeutet das deshalb noch nicht automatisch, dass ein Trauma direkt über die Keimzellen vererbt wurde.
Bei Tieren gibt es überzeugende Hinweise auf solche Vorgänge. Beim Menschen ist eine direkte epigenetische Vererbung von Trauma über mehrere Generationen bislang nicht bewiesen. Der Satz „Trauma liegt in den Genen“ ist daher eingängig, aber wissenschaftlich zu einfach.
Verletzlich und widerstandsfähig zugleich
Eine neuere Studie mit 371 Nachkommen von Shoah-Überlebenden aus der dritten und vierten Generation fand zwar biologische Unterschiede in Bereichen, die mit der Stressreaktion zusammenhängen. Psychisch ging es den untersuchten Nachkommen aber nicht schlechter als der Vergleichsgruppe. Sie litten nicht häufiger unter Angst oder Depressionen und zeigten teilweise sogar eine größere Offenheit für emotionale Nähe.
Das ist wichtig, denn transgenerationales Trauma wird oft nur als Geschichte der Beschädigung erzählt. Doch Familien geben nicht allein ihre Ängste weiter. Sie vermitteln auch Überlebenswissen, Zusammenhalt, Humor, religiöse Traditionen, Anpassungsfähigkeit und den Willen, nach einer Katastrophe wieder ein Leben aufzubauen.
Menschen können im Alltag sehr stabil sein und trotzdem besonders stark reagieren, wenn eine aktuelle Situation an die Geschichte ihrer Familie erinnert. Forschende sprechen in diesem Zusammenhang von „fragiler Resilienz“: einer Widerstandskraft, die trägt, aber unter bestimmten Bedingungen empfindlich bleibt.
Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 untersuchte eine israelische Studie ältere Veteranen des Jom-Kippur-Krieges. Bei Männern, deren Väter die Shoah überlebt hatten, stiegen die Belastungssymptome stärker an als bei anderen Teilnehmern. Vor dem Angriff waren sie teilweise sogar weniger belastet gewesen. Die neue Bedrohung schien etwas zu berühren, das über die eigene Kriegserfahrung hinausreichte.
Dieser Befund lässt sich nicht auf alle Nachkommen übertragen. Er zeigt aber, weshalb antisemitische Gewalt, Krieg und Debatten über die Sicherheit jüdischen Lebens in manchen Familien besonders starke Reaktionen auslösen. Die Sorge entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie trifft auf eine Geschichte, in der Sicherheit tatsächlich von einem Tag auf den anderen endete.
Rosh Hashanah: Was wollen wir weitergeben?
Rosh Hashanah ist weit entfernt von der Vorstellung eines oberflächlichen „Neues Jahr, neues Ich“. Das jüdische Neujahr verlangt nicht, die Vergangenheit abzuschütteln und einfach noch einmal von vorn zu beginnen.
In der Liturgie wird Rosh Hashanah auch als Jom ha-Sikaron, als Tag des Erinnerns, bezeichnet. Gleichzeitig beginnen mit dem Fest die zehn Tage der Umkehr, die in Jom Kippur münden. Erinnerung und Neubeginn stehen dabei nicht im Widerspruch. Das eine ist ohne das andere kaum möglich.
Genau darin liegt die Verbindung zum transgenerationalen Trauma. Wer verstehen möchte, warum bestimmte Ängste oder Regeln in der eigenen Familie so mächtig sind, muss zunächst zurückblicken. Nicht, um Eltern oder Großeltern Vorwürfe zu machen. Und auch nicht, um jede persönliche Schwierigkeit mit der Shoah zu erklären. Sondern um zu erkennen, welche Verhaltensweisen einst notwendig waren und heute vielleicht nicht mehr gebraucht werden.
Teshuvah wird meist mit Umkehr übersetzt, bedeutet aber auch Rückkehr. Es kann heißen, zur eigenen Geschichte zurückzukehren und sie neu zu betrachten: Welche Ängste gehören zu meinem Leben? Welche habe ich übernommen? Welche Warnungen schützen mich noch – und welche halten mich davon ab, frei zu entscheiden?
Auch der Schofar unterbricht den Alltag. Sein Klang fordert Aufmerksamkeit. Er ruft nicht zum Vergessen auf, sondern zum Innehalten. Was tragen wir mit uns? Was möchten wir bewahren? Und was soll mit uns enden, statt an die nächste Generation weitergereicht zu werden?
Eine Geschichte ist noch kein Schicksal
Nicht jede Vorsicht ist ein Trauma, nicht jede schwierige Beziehung ein Erbe der Vergangenheit. Der Begriff des transgenerationalen Traumas kann helfen, Zusammenhänge zu erkennen. Er sollte aber nicht zu einer Erklärung für alles werden.
Wenn Ängste, innere Unruhe, wiederkehrende Bilder oder Probleme mit Nähe und Vertrauen das eigene Leben stark bestimmen, kann professionelle Hilfe sinnvoll sein. Eine Therapie soll dabei kein vermeintlich vererbtes Trauma aus den Genen entfernen. Sie kann helfen, die eigene Lebensgeschichte von der Geschichte der Eltern und Großeltern zu unterscheiden und alte Schutzmechanismen an die Gegenwart anzupassen.
Die Shoah hat tiefe Spuren in jüdischen Familien und im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Doch eine Spur schreibt nicht vor, wohin der weitere Weg führen muss. Mit der Vergangenheit werden nicht nur Angst und Verlust weitergegeben, sondern auch Mut, Zusammenhalt und die Fähigkeit, immer wieder neu anzufangen.
Vielleicht liegt darin die stärkste Verbindung zu Rosh Hashanah: Das neue Jahr beginnt nicht außerhalb unserer Geschichte. Es beginnt mit der Entscheidung, wie diese Geschichte in uns weitergehen soll.
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