Belgische Behörden untersuchen eine Explosion vor einer Synagoge in der Stadt Lüttich (Liège) in den frühen Morgenstunden des Montags als möglichen terroristischen Anschlag.
Die Explosion ereignete sich gegen 4 Uhr morgens vor der historischen Synagoge im neo-romanischen Stil aus dem Jahr 1899. Dabei wurde die Eingangstür des Gebäudes beschädigt, außerdem zerbarsten Fensterscheiben mehrerer Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Verletzte gab es nach Angaben der Polizei nicht.
Mehrere belgische Politiker, darunter auch Premierminister Bart De Wever sowie der Bürgermeister von Lüttich, verurteilten den Vorfall und bezeichneten ihn als antisemitischen Angriff.
„Antisemitismus ist ein Angriff auf unsere Werte und unsere Gesellschaft, und wir müssen ihm entschieden entgegentreten“, erklärte De Wever in einer Stellungnahme. „Wir stehen solidarisch an der Seite der jüdischen Gemeinschaft in Lüttich und im ganzen Land.“
Sorge vor internationaler Eskalation
Der Vorfall ereignet sich in einer Zeit wachsender internationaler Spannungen. Sicherheitsbehörden beobachten derzeit verstärkt mögliche Anschläge durch Akteure, die mit dem iranischen Regime in Verbindung stehen könnten. In den vergangenen Tagen hatten die USA und Israel militärische Angriffe gegen Iran durchgeführt.
Iran wird seit Jahrzehnten beschuldigt, Angriffe auf jüdische Ziele im Ausland zu unterstützen. Besonders bekannt sind zwei schwere Bombenanschläge in Argentinien in den 1990er Jahren, bei denen mehr als hundert Menschen getötet wurden – auf die israelische Botschaft sowie auf ein jüdisches Gemeindezentrum.
Beobachter warnen nun, dass Iran angesichts des militärischen Drucks im eigenen Land versuchen könnte, über die Quds-Einheit der Revolutionsgarden – zuständig für Operationen im Ausland – Vergeltungsaktionen durchzuführen.
Mehrere vereitelte Anschlagspläne weltweit
Erst am vergangenen Freitag erklärte Aserbaidschan, mehrere geplante Terroranschläge iranischer Agenten auf jüdische Einrichtungen verhindert zu haben.
Auch in London wurden kürzlich vier Männer festgenommen, denen vorgeworfen wird, im Auftrag Irans die jüdische Gemeinschaft ausgespäht zu haben, um mögliche Anschläge vorzubereiten. In Toronto sorgten zudem mehrere Schüsse auf Synagogen für große Besorgnis innerhalb der jüdischen Gemeinde.
Nicht nur jüdische Ziele stehen im Fokus solcher Bedrohungen. In den USA wurde am Freitag ein Mann aus Pakistan verurteilt, der laut Anklage im Auftrag der iranischen Revolutionsgarden einen Anschlag auf den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump geplant haben soll.
Verunsicherung unter belgischen Jüdinnen und Juden
Der Vorfall in Lüttich trifft eine vergleichsweise kleine, aber lebendige jüdische Gemeinschaft in Belgien. Insgesamt leben etwa 30.000 Jüdinnen und Juden im Land.
In den vergangenen Jahren gab es bereits mehrere Entwicklungen, die in der Gemeinschaft Besorgnis ausgelöst haben: antisemitische Karikaturen beim Karneval in Aalst, gesetzliche Einschränkungen beim rituellen Schlachten, die die lokale Produktion von koscherem Fleisch erschweren, sowie politische Debatten über jüdische Beschneidungspraktiken.
Auch die Erinnerung an einen schweren Anschlag ist noch präsent: 2014 erschoss ein Attentäter mit Verbindungen zum „Islamischen Staat“ vier Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel.
„Nur Sachschäden“ – aber große Betroffenheit
Ein Sprecher der Polizei in Lüttich erklärte, dass der Schaden an der Synagoge und den umliegenden Gebäuden ausschließlich materieller Natur sei.
Rabbi Joshua Nejman, der seit 25 Jahren an der Synagoge tätig ist, äußerte gegenüber lokalen Medien die Hoffnung, dass Überwachungskameras Hinweise auf den Täter liefern.
„Ich versuche, mein Herz zu beruhigen – heute Morgen schlägt es immer schneller“, sagte der Rabbi.
Auch Eitan Bergman, Vizepräsident des Koordinationskomitees jüdischer Organisationen in Belgien, beschrieb die Stimmung innerhalb der Gemeinde als Mischung aus Traurigkeit, Sorge und tiefem Schock.
Der Bürgermeister von Lüttich, Willy Demeyer, würdigte gegenüber dem belgischen Rundfunk RTBF die lokale jüdische Gemeinschaft und betonte:
„Wir dürfen nicht zulassen, dass ausländische Konflikte in unsere Stadt getragen werden.“
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