Die Geflüchteten, die Island zum Klingen brachten

Drei geflüchtete Musiker mit Cello, Noten und Koffer im Hafen von Reykjavík, im Hintergrund ein erleuchtetes Orchester.
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Island schottete sich in den 1930er-Jahren gegen jüdische Flüchtlinge ab. Robert Abraham, Heinz Edelstein und die Familie Urbancic kamen dennoch – durch Kontakte, Zufall und seltene Ausnahmen. Sie bauten Orchester, Chöre und musikalische Bildung auf. Eine Geschichte über Exil, die Willkür von Grenzen und ein kulturelles Erbe, das lange namenlos blieb.

 

Wer heute im gläsernen Konzerthaus Harpa am alten Hafen von Reykjavík das Iceland Symphony Orchestra hört, erlebt eine selbstbewusste Musiknation. Rund hundert Konzerte spielt das Orchester im Jahr, seit 2011 ist Harpa sein Zuhause. Doch seine Vorgeschichte beginnt nicht mit einem großzügigen Kulturplan. Sie beginnt mit drei Fluchten – und mit einer Einwanderungspolitik, die solche Ankünfte möglichst verhindern sollte.

Reykjavík zählte Mitte der 1930er-Jahre weniger als 30.000 Einwohner. Es gab kein Konzerthaus und kein dauerhaft professionelles Sinfonieorchester; die musikalischen Ausbildungsstrukturen steckten in den Anfängen. Zugleich strebte Island nach vollständiger Unabhängigkeit von Dänemark. Eigene Institutionen galten als Ausweis nationaler Reife.

Ausgerechnet in diesem Moment erreichten hochqualifizierte Musiker die Insel, die das nationalsozialistische Deutschland und Österreich aus ihren Berufen und aus ihrer Heimat vertrieben hatten.

Ein Land im Aufbruch – und eine verschlossene Tür

Willkommen waren sie nicht. Die Regierung unter Ministerpräsident Hermann Jónasson hielt die Grenzen für jüdische Flüchtlinge weitgehend geschlossen. Wirtschaftliche Not, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus verbanden sich zu einer restriktiven Politik.

Mindestens vier weitere jüdische Musiker erhielten keine Arbeitserlaubnis. Unter ihnen war der Komponist Viktor Ullmann, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Robert Abraham, Heinz Edelstein und Victor Urbancic verdankten ihre Aufnahme keinem verlässlichen Schutzsystem, sondern Fürsprechern, persönlichen Verbindungen und dem Zufall.

Der isländische Musikwissenschaftler Árni Heimir Ingólfsson hat ihre Lebenswege in seinem Buch „Music at World’s End“ rekonstruiert. Seine Recherchen zeigen, wie willkürlich sich entschied, wer eine Chance bekam – und wer vor einer verschlossenen Tür stand.

Wer galt hier als jüdisch?

Die Geschichte wird häufig als die dreier jüdischer Flüchtlinge erzählt. Präziser ist: Abraham und Edelstein stammten aus jüdischen Familien. Victor Urbancic war katholisch; verfolgt wurde seine Familie, weil seine Frau Melitta aus einer jüdischen Familie kam.

Entscheidend war nicht die religiöse Selbstbeschreibung, sondern die rassistische Kategorisierung der Nationalsozialisten. Keiner der drei Musiker lebte bei seiner Ankunft als praktizierender Jude. Nach Einschätzung Ingólfssons dürfte genau das ihre Akzeptanz erleichtert haben – ein bitterer Befund über die Bedingungen des gewährten Schutzes.

Robert Abraham: Ankunft mit möglichst wenig Aufsehen

Robert Abraham wurde 1912 in Berlin geboren. Sein Vater Otto Abraham war ein angesehener Musikforscher. Robert studierte Klavier, Komposition und Dirigieren. Seine Eltern waren jüdischer Herkunft, hatten ihn jedoch protestantisch erzogen.

1934 verließ er Deutschland. Dänemark verweigerte ihm eine Arbeitserlaubnis. Ende 1935 erreichte er, 23 Jahre alt und allein, Island. Zunächst ging er nach Akureyri im Norden – auch, um in der Hauptstadt nicht zu viel politische Aufmerksamkeit zu erregen.

Aus dem jungen Mann, der sich möglichst unauffällig verhalten sollte, wurde eine Schlüsselfigur des isländischen Musiklebens. Nach seinem Umzug nach Reykjavík dirigierte er Chöre und Orchester, unterrichtete und forschte. 1949 nahm er die isländische Staatsbürgerschaft und den Namen Róbert Abraham Ottósson an.

Am 9. März 1950 leitete er das erste Konzert des neu gegründeten Iceland Symphony Orchestra. Später gründete er die Philharmonia Choral Society, promovierte über mittelalterliche liturgische Gesänge zu Ehren des isländischen Nationalheiligen Þorlákur und wurde Musikdirektor der isländischen Staatskirche.

Der Emigrant eignete sich die Tradition seines Zufluchtslandes nicht bloß an. Er half, sie wissenschaftlich zu erschließen und neu hörbar zu machen.

Heinz Edelstein: Bildung als Fundament

Heinz Edelstein, 1902 in Bonn geboren und in Freiburg ausgebildet, war Cellist und Musikpädagoge. Nach 1933 durfte er in Deutschland nur noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbunds auftreten. 1937 erhielt er eine Stelle in Island und reiste zunächst allein. Seine Frau Charlotte und die beiden Söhne folgten im September 1938.

Es war eine Familienflucht in Etappen, bei der jede Genehmigung über Sicherheit oder Ausgeliefertsein entschied.

Edelsteins Wirkung war weniger spektakulär als die eines Dirigenten am Pult, aber ebenso grundlegend. Er bildete Kinder und junge Musiker aus und half, jene Lehrwege aufzubauen, ohne die ein Orchester dauerhaft nur ein Projekt geblieben wäre.

Seine Arbeit zeigt, dass kulturelle Institutionen nicht allein in Premieren entstehen. Sie wachsen in Unterrichtsräumen, durch wiederholte Übungen und durch Menschen, die ihr Wissen weitergeben, bevor ein Publikum ihren Namen kennt.

Victor und Melitta Urbancic: Verfolgung durch die Ehe

Victor Urbancic, 1903 in Wien geboren, war Pianist, Komponist, Dirigent und promovierter Musikwissenschaftler. In Mainz verlor er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Stelle; später arbeitete er in Graz. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 blieb nur die Flucht.

Sich von seiner jüdischen Frau Melitta zu trennen, kam für ihn nicht infrage. Ein früherer Studienkollege vermittelte ihm eine Anstellung in Reykjavík. Victor reiste voraus, Melitta folgte einen Monat später mit den drei kleinen Kindern.

In Island wurde Urbancic Chefdirigent des Reykjavík Orchestra, aus dem 1950 das nationale Sinfonieorchester hervorging. Er brachte Bachs Johannes-Passion und Mozarts Requiem erstmals im Land zur Aufführung, unterrichtete an der Musikschule und dirigierte 1951 mit Verdis „Rigoletto“ die erste szenische Opernproduktion Islands. Daneben spielte er die Orgel in Reykjavíks katholischer Kirche.

Sein Lebenslauf zeigt, wie wenig die üblichen Grenzen zwischen Dirigent, Lehrer, Kirchenmusiker und Kulturorganisator in einem Land galten, das seine musikalischen Strukturen erst aufbaute.

Melitta Urbancic darf in dieser Erzählung allerdings nicht zur bloßen Begründung für die Verfolgung ihres Mannes schrumpfen. Sie war Sprachwissenschaftlerin, Schauspielerin, Lyrikerin, Bildhauerin und Übersetzerin. Im Exil vermittelte auch sie zwischen Kulturen; ihr literarisches Werk wurde erst spät wiederentdeckt.

Dass die Musikgeschichte vor allem Victor erinnert, gehört zu den blinden Flecken, die jede Rekonstruktion von Exilbiografien mitdenken muss.

Die Ausnahme wurde zur Infrastruktur

Die drei Musiker brachten nicht einfach ein fertiges mitteleuropäisches Modell auf eine nordatlantische Insel. Sie arbeiteten mit dem, was vorhanden war, und übernahmen gleichzeitig mehrere Aufgaben: Sie probten mit Laien, bildeten Nachwuchs aus, bauten Chöre auf, dirigierten Orchester, arrangierten Musik und verankerten Forschung und Lehre.

Ihr berufliches Leben war durch die Flucht zerbrochen. In Island mussten sie neu beginnen. Gerade diese erzwungene Beweglichkeit traf auf den Bedarf eines Landes, das Institutionen schaffen wollte, aber kaum spezialisiertes Personal besaß.

Das schmälert die Arbeit isländischer Musikerinnen und Musiker nicht. Es zeigt vielmehr, wie Kultur tatsächlich wächst: durch Austausch, Übersetzung und Biografien, die Grenzen überschreiten. Die Exilierten waren nicht der einzige Grund für Islands musikalischen Aufstieg, beschleunigten aber den Aufbau von Orchesterkultur, Chorwesen, Ausbildung und Musikwissenschaft entscheidend.

Was eine Gesellschaft beinahe verliert

Dass diese Geschichte so lange am Rand blieb, ist selbst Teil der Geschichte. Ingólfsson begann bereits 2001 mit drei Zeitungsprofilen. Erst zwei Jahrzehnte später formte er aus Archiven, Briefen und Gesprächen mit den Familien das Buch „Music at World’s End“. Die isländische Ausgabe erschien 2024, die englische 2025.

Nach seinen Recherchen leben heute bis zu hundert Nachkommen der drei Musiker in Island. Die einst Fremden sind längst Teil der Familiengeschichte des Landes – schneller offenbar als Teil seines offiziellen kulturellen Gedächtnisses.

Darin liegt die politische Gegenwart dieser Erzählung. Island öffnete seine Grenzen nicht; es machte wenige Ausnahmen. Die drei Männer überlebten auch deshalb, weil ihre Fähigkeiten in einem bestimmten historischen Moment nützlich erschienen. Schutz blieb an Verwertbarkeit, Kontakte und Glück gebunden.

Wir wissen, was Abraham, Edelstein und Urbancic aufbauten. Nicht wissen können wir, was mit den Abgewiesenen verloren ging. Bei Viktor Ullmann kennen wir zumindest einen Namen und sein Ende. Hinter den übrigen Akten stehen Möglichkeiten, die nie Wirklichkeit werden durften.

Eine nationale Kultur mit fremden Wurzeln

Die Glasfassade der Harpa spiegelt heute Hafen, Himmel und Stadt. In ihr spiegelt sich auch ein historisches Paradox: Eine Gesellschaft, die sich gegen jüdische Flüchtlinge abschottete, verdankt wenigen von ihnen einen Teil ihrer kulturellen Identität.

Nationale Kultur ist selten so national, wie ihre späteren Erzählungen behaupten. Sie entsteht aus Ankünften, Übersetzungen und abgebrochenen Lebensläufen.

Islands Musikgeschichte ist deshalb kein bequemes Beispiel für gelungene Integration. Sie ist Anklage und Möglichkeit zugleich: Sie zeigt, was Menschen schaffen können, wenn sie irgendwo neu beginnen dürfen – und wie viel unwiederbringlich verstummt, wenn eine Grenze geschlossen bleibt.

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