Reise um die Welt: Ein Davidstern an der Adria – Jüdisches Leben in Montenegro

Menschen stehen vor einer Synagoge mit Davidstern an der montenegrinischen Adriaküste. Im Hintergrund sind das Meer, ein Küstenort und Berge zu sehen. Oben rechts steht „AI GENERATED“.
Lesezeit: 6 Minuten

Montenegro beherbergt eine der jüngsten organisierten jüdischen Gemeinschaften Europas – und zugleich eine Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Neue Synagogen, Zuwanderung und ein wachsendes Kulturleben stehen heute neben inneren Spannungen und der Sorge vor zunehmendem Antisemitismus.

In Podgorica entsteht ein Gebäude, das weit mehr sein soll als ein Gotteshaus. An der Radosava-Burića-Straße wächst die Synagoge Ar Ašem, auch Har HaShem genannt. Es ist der erste eigens als Synagoge errichtete Neubau im modernen Montenegro. Der Grundstein wurde bereits 2017 gelegt, die eigentlichen Bauarbeiten begannen im November 2024. Neben Gebetsräumen soll das Haus einen Ort für Begegnung, Bildung und interreligiösen Dialog bieten. Die Fertigstellung ist für Anfang 2027 angekündigt. Unterstützt wird das Projekt von der Regierung, der Hauptstadt Podgorica und mehreren montenegrinischen Unternehmen. Der Europäische Jüdische Kongress bezeichnet den Bau als Symbol für die religiöse und kulturelle Vielfalt des Landes.

Dass ein solches Symbol überhaupt nötig ist, verweist auf die besondere Geschichte der Juden Montenegros: Sie waren über Jahrhunderte präsent, blieben aber meist unsichtbar. Erst seit 2011 existiert wieder eine offiziell organisierte jüdische Gemeinschaft.

Spuren aus der Antike

Die frühesten Hinweise auf jüdisches Leben finden sich in Duklja, der antiken Stadt nahe dem heutigen Podgorica. Archäologen ordneten Gräber in der dortigen Nekropole jüdischen Bewohnern zu. Später ließen sich Juden entlang der Handelswege an der Adriaküste und in den osmanisch beherrschten Gebieten des heutigen Montenegro nieder.

Nach der Vertreibung aus Spanien und Portugal gelangten ab dem 16. Jahrhundert Sepharden über Konstantinopel, Bosnien und andere Teile des Osmanischen Reiches in die Region. Sie handelten mit Salz und anderen Waren und waren am Aufbau grenzüberschreitender Handelsverbindungen beteiligt. In der Bucht von Kotor zeugt ein jüdischer Bereich auf dem örtlichen Friedhof von dieser heute fast vergessenen Präsenz. Der World Jewish Congress dokumentiert jüdisches Leben unter anderem in Kotor, Ulcinj, Pljevlja und weiteren Orten des Landes.

Besonders eng mit jüdischer Erinnerung verbunden ist Ulcinj. Dorthin verbannte das Osmanische Reich im 17. Jahrhundert Schabbtai Zvi, der sich selbst zum Messias erklärt und eine weitreichende religiöse Bewegung ausgelöst hatte. Nach seiner erzwungenen Konversion zum Islam verbrachte er seine letzten Lebensjahre in der Küstenstadt. Dort starb er 1676; sein mutmaßliches Grab liegt bis heute auf einem Privatgrundstück. In der Altstadt erinnern weitere Spuren an den ebenso einflussreichen wie umstrittenen Mystiker.

Die Schoah erreichte auch Montenegro

Montenegrinische Regierungsvertreter beschreiben ihr Land gern als einen Ort, an dem es keinen Holocaust gegeben habe. Historisch hält diese Erzählung jedoch nicht stand.

Nach der Zerschlagung Jugoslawiens 1941 geriet Montenegro zunächst unter italienische Besatzung. Zahlreiche Juden aus anderen Teilen Jugoslawiens suchten dort Zuflucht. Manche wurden interniert, andere fanden Schutz bei Einheimischen oder schlossen sich den Partisanen an. Nach der italienischen Kapitulation im September 1943 übernahm die deutsche Wehrmacht die Kontrolle und setzte die nationalsozialistische Verfolgung durch.

Mehr als hundert Juden, die sich auf montenegrinischem Gebiet versteckt hielten, wurden gefangen genommen und später in Konzentrationslagern ermordet. Zugleich überlebten mehrere Hundert mit Unterstützung montenegrinischer Familien und jugoslawischer Partisanen. Das Historische Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften hat diese weitgehend verdrängte Geschichte erstmals umfassend aufgearbeitet.

Nach 1945 blieb die jüdische Bevölkerung klein. Viele Überlebende kehrten in ihre früheren Heimatorte zurück oder wanderten nach Israel aus. Unter dem sozialistischen Jugoslawien lebten zwar weiterhin Juden in Montenegro, doch eine eigenständige Gemeinde gab es nicht. Ihre Geschichte verschwand beinahe aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Der Neubeginn von 2011

Fünf Jahre nach der Unabhängigkeit Montenegros gründete sich im Juli 2011 die Jüdische Gemeinde von Montenegro. Anfang 2012 schloss sie mit der Regierung ein Abkommen, das das Judentum neben orthodoxem und katholischem Christentum sowie dem Islam als vierte traditionelle Religionsgemeinschaft des Landes anerkannte. Die Gemeinde erhielt damit das Recht, ihre religiösen Angelegenheiten selbst zu organisieren.

Ihre Präsidentin Nina Ofner Bokan führt die Gemeinde seit 2020. Sie wurde 2025 für weitere fünf Jahre gewählt und vertritt Montenegro zugleich im World Jewish Congress. Zur Gemeinde gehören nach eigenen Angaben rund 150 aktive Mitglieder. Das jährliche MAHAR-Treffen in Budva hat sich trotz dieser geringen Zahl zu einem wichtigen Treffpunkt für Juden aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie aus Südost- und Mitteleuropa entwickelt. Die zwölfte Ausgabe widmete sich 2025 der Rolle von Frauen im Judentum. Der Europäische Jüdische Kongress beschreibt MAHAR als Forum für jüdische Identität und regionalen Austausch.

Wie viele Juden tatsächlich in Montenegro leben, lässt sich kaum bestimmen. Der World Jewish Congress ging 2023 von etwa 500 Menschen aus. Neuere Schätzungen sprechen von weniger als 1.000. Viele Familien stammen aus anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine kamen zudem Juden aus beiden Ländern hinzu.

Besonders sichtbar ist diese Entwicklung in Budva. In dem Ferienort an der Adriaküste leben nach örtlichen Schätzungen inzwischen etwa 150 Juden. Viele Kulturangebote finden auf Russisch statt. Seit 2023 gibt es dort ein jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge sowie das erste koschere Restaurant des Landes. In Podgorica trifft sich eine orthodoxe Gemeinde bereits seit 2017 in einer Synagoge, die in einem früheren Wohnhaus eingerichtet wurde. Dort werden Schabbat und die jüdischen Feiertage gemeinsam begangen. Die Gemeinde informiert auch jüdische Reisende über Gebetszeiten, koscheres Essen und Veranstaltungen.

Zwei Gemeinden, zwei Rabbiner

Der neue Aufschwung hat allerdings auch Bruchlinien sichtbar gemacht. Heute existieren zwei jüdische Organisationen nebeneinander: die von Nina Ofner Bokan geleitete Jüdische Gemeinde von Montenegro mit Rabbiner Luciano Moše Prelević und die traditionell-orthodox ausgerichtete Religiöse Jüdische Gemeinde um den Chabad-Rabbiner Ari Edelkopf.

Edelkopf kam 2017 mit seiner Familie nach Podgorica und baute dort ein religiöses Angebot für Einheimische, Zugewanderte und Touristen auf. Beide Organisationen beanspruchen, die jüdische Gemeinschaft des Landes zu repräsentieren; beide Rabbiner führen den Titel eines Oberrabbiners. Eine Zusammenarbeit findet derzeit nicht statt. Für eine Gemeinschaft von wenigen Hundert Menschen ist diese Spaltung mehr als ein institutioneller Streit: Sie verteilt ohnehin begrenzte Kräfte auf zwei Strukturen.

Gleichzeitig zeigen die unterschiedlichen Angebote, wie vielfältig jüdisches Leben in Montenegro geworden ist. Es umfasst alteingesessene Familien, Menschen mit sephardischer oder aschkenasischer Herkunft, Israelis, russischsprachige Zugewanderte und Juden, die das Land zunächst als Urlaubsziel entdeckten und später blieben.

Ein sich veränderndes Sicherheitsgefühl

Montenegro pflegt das Selbstbild eines multireligiösen und toleranten Landes. Nina Ofner Bokan berichtet, Juden könnten sich dort offen mit Kippa oder Davidstern bewegen. Die Beziehungen zu den orthodoxen, katholischen und muslimischen Religionsgemeinschaften seien eng. Auch staatliche Vertreter betonen regelmäßig die Sicherheit jüdischen Lebens.

Ari Edelkopf zeichnet inzwischen ein vorsichtigeres Bild. Seit dem 7. Oktober 2023 benötige seine Gemeinde einen Rund-um-die-Uhr-Sicherheitsdienst. Antisemitische und antiisraelische Inhalte hätten in einigen Medien und sozialen Netzwerken deutlich zugenommen. In einem aktuellen Bericht der Jewish Telegraphic Agency beschreibt er eine spürbar veränderte Atmosphäre.

Pro-palästinensische Demonstrationen sind nicht automatisch antisemitisch. Problematisch wird es dort, wo Juden oder Israelis persönlich für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. Im Juli 2026 wurden israelische Reisende in Plav als „Kindermörder“ beschimpft. Wenig später kam es in Budva zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Einheimischen und einer Gruppe israelischer Touristen. Wie der Streit begann, blieb zunächst unklar. Nach Angaben der Betroffenen eskalierte er jedoch, nachdem ihre israelische Herkunft bekannt geworden war. Mehrere Menschen wurden verletzt, ein Mann erlitt einen Kieferbruch. Das israelische Diasporaministerium wertete den Vorfall als antiisraelischen Angriff.

Die Vorfälle stehen im Kontrast zur wachsenden Beliebtheit Montenegros bei israelischen Urlaubern. Mehr als 110.000 von ihnen besuchten das Land 2025 – rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Direkte Flugverbindungen, die Adriaküste und vergleichsweise niedrige Preise machen Montenegro zu einem gefragten Reiseziel.

Mehr als ein Symbol

Der Synagogenbau in Podgorica erzählt deshalb zwei Geschichten zugleich. Er steht für den bemerkenswerten Aufstieg einer Gemeinschaft, die vor 15 Jahren kaum öffentlich sichtbar war. Er zeigt aber auch, dass Anerkennung und staatliche Festreden allein keine Sicherheit garantieren.

Jüdisches Leben besteht nicht nur aus historischen Gräbern, Gedenktagen und repräsentativen Neubauten. Es zeigt sich beim Schabbat in Podgorica, in russischsprachigen Kulturabenden in Budva, beim koscheren Essen und in den Begegnungen auf der MAHAR-Konferenz. Ob dieses Leben weiter wachsen kann, entscheidet sich daran, ob Montenegro seine viel beschworene Toleranz auch unter politischen Spannungen bewahrt.

Mauern für eine Synagoge lassen sich errichten. Eine Kultur, in der Juden selbstverständlich und ohne Angst leben können, muss jeden Tag neu gebaut werden.

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