Kann man für Glück beten? Für viele Menschen klingt diese Frage seltsam, denn Glück erscheint wie ein Zustand, den man sich eher erhofft oder erarbeitet, nicht erbittet. Gleichzeitig streben wir alle nach einem glücklichen Leben, nach innerer Zufriedenheit und nach Wohlbefinden. Interessanterweise begegnet man im Judentum jedoch einer gewissen Skepsis gegenüber dem Wort „Glück“. Der bekannte jüdische Witz über das Telegramm – „Fang an zu sorgen … Details folgen“ – deutet augenzwinkernd darauf hin, dass für viele Juden eher Sorge und Verantwortungsbewusstsein als unbeschwerte Heiterkeit zum emotionalen Grundton gehören. Glück wirkt flüchtig, beinahe unzuverlässig, als könne man ihm nicht trauen.
Glück als Zufall? Warum Sprache den Blick verzerren kann
Diese Ambivalenz ist sprachlich interessant, denn das englische Wort „happiness“ geht auf den Begriff „hap“ zurück, der für Zufall steht. Damit klingt Glück wie etwas, das ohne System entsteht – ein Ereignis, das einem widerfährt und nicht planbar ist. In einer Welt, in der das Glück von vielen mit kurzfristigem Genuss verwechselt wird – etwa mit Konsum, Reisen oder kulinarischen Erlebnissen – ist es verständlich, dass spirituelle Traditionen den Fokus oft woanders setzen.
Moderne Glücksforschung: Von positivem Gefühl zu „Flourishing“
Hier bietet sich ein Blick auf die Positive Psychologie an, die seit den 1990er-Jahren wissenschaftlich erforscht, wie Menschen glücklich werden und ein erfülltes Leben führen. Anstatt Glück auf schnellen Genuss zu reduzieren, unterscheidet sie klar zwischen kurzfristiger Lust und langfristigem Wohlbefinden. Der Psychologe Martin Seligman spricht von „Flourishing“, also von einem dauerhaften Aufblühen des Menschen. Dazu gehören positive Gefühle, volle Konzentration in Tätigkeiten, stabile Beziehungen, Sinn sowie das Gefühl, etwas zu erreichen. Diese moderne Definition des Glücks zeigt, dass „glücklich sein“ viel komplexer ist als ein angenehmes Gefühl.
Das jüdische Glücksgebet: Was „Eilu Devarim“ lehrt
Erstaunlich ist nun, dass sich genau diese Art des Glücks auch in einem jüdischen Gebet wiederfindet, das traditionell jeden Morgen gesprochen wird und mit den Worten „Eilu Devarim“ beginnt. Wörtlich bedeutet das „Dies sind die Worte“, doch im Hebräischen kann „Devarim“ auch „Taten“ bedeuten. Gemeint sind konkrete Lebenshandlungen, die das Glück fördern sollen. Anstatt den Zufall zu beschwören, beschreibt das Gebet einen Weg, wie man inneres Wohlbefinden, Sinn und Zufriedenheit kultivieren kann.
Glück durch Beziehung, Sinn und Verantwortung
Im Zentrum stehen dabei Beziehungen, Mitgefühl, Lernbereitschaft, Gastfreundschaft, die Begleitung anderer Menschen in Freude und Leid, die bewusste Feier heiliger Momente, die Kunst des Betens, das Vergeben und das persönliche Wachstum. Diese Aspekte entsprechen fast genau den Elementen der Positiven Psychologie. Sie stärken soziale Bindungen, fördern ein sinnerfülltes Leben und führen langfristig zu einem tieferen Glücksgefühl. „Glücklich sein“ bedeutet in dieser Tradition nicht, immer gut drauf zu sein, sondern so zu leben, dass man am Endes des Tages mit sich selbst und anderen im Reinen ist.
Die soziale Dimension des Glücks: Wenn der Blick nach außen führt
Hinzu kommt eine spirituelle Dimension, die in modernen Glücksdiskursen oft fehlt. Glück entsteht im Judentum nicht isoliert, sondern in Beziehung: zur Familie, zur Gemeinschaft und zu Gott. Viele der im Gebet beschriebenen Handlungen richten sich an andere Menschen und öffnen damit den Blick nach außen. Der Holocaustüberlebende Viktor Frankl hat diesen Gedanken präzise formuliert, als er schrieb, dass sich die Tür zum Glück nach außen öffne. Wer anderen hilft, findet leichter Sinn. Wer Sinn findet, wird leichter glücklich. Dieser Zusammenhang ist nicht nur spirituell, sondern wissenschaftlich belegt.
Warum langfristiger Sinn glücklicher macht als kurzfristiger Genuss
Die spirituelle Praxis des Glaubens unterstützt langfristiges Wohlbefinden zudem durch Rituale, die nicht auf kurzfristige Lust, sondern auf langfristigen Sinn ausgerichtet sind. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Fasten an Jom Kippur, dem jüdischen Tag der Versöhnung. Für viele ist es körperlich anstrengend und fühlt sich im Moment nicht gut an. Doch es fördert Verbindung, Reflexion und Demut – Faktoren, die das innere Glück stärken. Genau dieser Unterschied zwischen kurzfristigem Vergnügen und langfristigem Wohlbefinden ist entscheidend, wenn wir verstehen wollen, was „gutes Leben“ wirklich bedeutet.
Spiritualität als unterschätzte Glücksquelle
Wer die Rolle des Glaubens bei der Suche nach Glück ignoriert, verzichtet somit auf eine Jahrtausende alte Quelle menschlicher Erfahrung. Das jüdische Morgengebet zeigt, dass Glück weder Zufall noch Konsumprodukt ist, sondern eine Folge von Sinn, Beziehungen und spiritueller Ausrichtung. Vielleicht sollten wir deshalb tatsächlich für Glück beten – nicht im Sinne einer zufälligen Laune des Schicksals, sondern als bewusste Bitte um die Fähigkeit, das Leben sinnvoll, heilsam und mitfühlend zu gestalten. Denn wer Sinn findet, wird nicht nur glücklich, sondern bleibt glücklich.








