CPS-Dokument löst Empörung über mögliche Kriminalisierung von Beschneidung aus
In Großbritannien sorgt ein interner Entwurf der Crown Prosecution Service (CPS) – der obersten Strafverfolgungsbehörde – derzeit für erhebliche Aufregung in jüdischen sowie muslimischen Gemeinden. Das Dokument stellt in Aussicht, unter bestimmten Umständen männliche Beschneidungen als „Kindesmisshandlung“ einzustufen. Für viele jüdische Organisationen bedeutet dies einen potenziellen Angriff auf ein zentrales religiöses Ritual.
Obwohl die CPS ausdrücklich festhält, dass männliche Beschneidung nicht strafbar ist, bezeichnet der Entwurf das Ritual als potenziell „schädliche Praxis“, wenn es fehlerhaft oder unter ungeeigneten Bedingungen durchgeführt wird. In dem Schreiben wird Beschneidung in eine Reihe mit Praktiken wie Jungfräulichkeitstests, Brustverflachungen oder Exorzismen gesetzt – eine Gleichstellung, die unmittelbar Proteste auslöste.
Medizinische Hintergründe: Todesfälle stärken Forderung nach Regulierung
Hintergrund des Entwurfs ist ein Bericht eines Gerichtsmediziners vom 28. Dezember, der den Tod eines sechs Monate alten Jungen untersuchte. Das Kind war 2023 in London an einer Streptokokken-Infektion gestorben, die auf seine Beschneidung zurückgeführt wurde. Der Coroner warnte, dass weiterhin Todesfälle drohen könnten, solange unqualifizierte Personen Beschneidungen vornehmen dürfen, ohne Ausbildung, Akkreditierung oder hygienische Standards nachweisen zu müssen. Bereits zuvor hatte ein Gerichtsmediziner im Jahr 2014 ähnliche Sorgen geäußert, nachdem ein Junge nach einer rituellen Beschneidung an einer Sepsis gestorben war. Laut dem Office for National Statistics war männliche Beschneidung von 2001 bis 2024 insgesamt ein Faktor bei 14 Todesfällen in England und Wales, verteilt auf Erwachsene und Minderjährige gleichermaßen.
Europa im Fokus: Zunehmende staatliche Kontrolle religiöser Beschneidungen
Auch im europäischen Umfeld wächst die Aufmerksamkeit für das Thema. In Belgien durchsuchte die Polizei in Antwerpen Wohnungen im Zusammenhang mit mutmaßlich illegalen religiösen Beschneidungen. Zudem wurde ein Rabbiner aus London in Irland festgenommen, weil er ohne notwendige Zertifikate beschnitten haben soll. Vor allem in jüdischen Gemeinden wächst die Sorge, dass staatliche Institutionen religiöse Praxis zunehmend kriminalisieren könnten.
Reaktionen aus jüdischen Organisationen: Vorwurf des Antisemitismus
Mehrere jüdische Vertreter äußerten sich scharf zu dem CPS-Entwurf. Gary Mond, Gründer der Jewish National Assembly, bezeichnete die Einstufung als „fundamental antisemitisch“. Auch Jonathan Arkush, Co-Vorsitzender von Milah UK, zeigte sich alarmiert und kündigte an, mit den Behörden Kontakt aufzunehmen. Er betonte, dass die Komplikationsrate bei korrekt durchgeführten jüdischen Beschneidungen verschwindend gering sei und dass Beschneidung ein Kernbestandteil jüdischer Identität bleibe.
Innerjüdische Diskussion: Qualitätsstandards statt Kriminalisierung
Innerhalb der jüdischen Community gibt es jedoch auch differenziertere Stimmen. Rabbiner Jonathan Romain, Vorsitzender des britischen Reformrabbinatsgerichts, plädierte nicht für eine Kriminalisierung, sondern für bessere Qualitätsstandards. Er forderte verpflichtende Schulungen, klare Zertifizierungen, ein Monitoring sowie jährliche Berichte, um „schwarze Schafe“ auszuschließen. Romain argumentiert, dass es im Sinne der Gesundheit jüdischer wie muslimischer Kinder sei, nur Personen zuzulassen, die nachweislich qualifiziert sind und einem national anerkannten System angehören.
Muslimische Perspektive: Zustimmung zu höheren Standards
Auch muslimische Vertreter äußerten sich zu der Debatte. Das Muslim Council of Britain verwies darauf, dass männliche Beschneidung im Vereinigten Königreich legal und religiös wie kulturell tief verankert sei. Die Organisation lehnt eine generelle Einstufung als Kindesmisshandlung ab, unterstützt jedoch eine Stärkung medizinischer und hygienischer Standards, um gefährliche Eingriffe zu verhindern.
Religionsfreiheit versus Kinderschutz: Ein europäischer Balanceakt
Die aktuelle Diskussion führt damit zu einer komplexen Abwägung zwischen Kinderschutz, medizinischer Verantwortung und dem Schutz religiöser Grundfreiheiten. Für jüdische Organisationen geht es jedoch um mehr als nur um einen medizinischen Eingriff. Brit Mila ist seit Jahrtausenden religiöse Pflicht und identitätsstiftende Praxis. Der weitere Verlauf der Debatte wird zeigen, ob die CPS ihren Entwurf überarbeitet oder in Teilen umsetzt. Klar ist bereits jetzt, dass die Frage nach Regulierung, Religionsfreiheit und Minderheitenschutz europaweit an Bedeutung gewinnt und nicht so schnell verschwinden wird.








