Kennen Sie eigentlich: Else Lasker-Schüler? Die Dichterin, die eine ganze Welt erfand

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Manchmal sind es nicht die lauten Stimmen, die bleiben, sondern jene, die sich leise, fast unbemerkt in die Ritzen der Geschichte schreiben und dort weiterleben, lange nachdem die Welt, aus der sie kamen, verschwunden ist. Else Lasker-Schüler war eine solche Stimme – eine Dichterin, die nicht nur schrieb, sondern sich selbst immer wieder neu erfand, als wäre Identität kein Zustand, sondern ein fortwährender Prozess des Träumens und Erzählens.

Geboren 1869 in Elberfeld, wuchs sie in einem jüdischen Elternhaus auf, das ihr früh jene Sensibilität vermittelte, die später zu ihrem künstlerischen Markenzeichen werden sollte. Doch es war Berlin, das sie formte – jene vibrierende Metropole der Jahrhundertwende, in der sich Kunst, Literatur und Leben unauflöslich miteinander verbanden. Hier wurde Else Lasker-Schüler zu einer der prägendsten Stimmen des Expressionismus, auch wenn ihr dieser Platz zu Lebzeiten nie vollständig zugestanden wurde.

Ihre Texte sind keine einfachen Gedichte, sie sind Innenwelten, die sich nach außen stülpen: voller Bilder, die sich überlagern, voller Sehnsucht nach Liebe, nach Gott, nach Zugehörigkeit, und zugleich getragen von einer radikalen Eigenständigkeit, die sie immer wieder an den Rand der Gesellschaft drängte. In Figuren wie „Prinz Jussuf von Theben“ erschuf sie sich selbst neu, entzog sich festen Zuschreibungen und lebte eine künstlerische Freiheit, die ihrer Zeit weit voraus war.

Zwischen Avantgarde und familiären Verbindungen

Weniger bekannt ist ein Detail ihrer Biografie, das ihren Namen in eine andere, später so tief erschütterte Familiengeschichte hinein verlängert. Else Lasker-Schüler war in erster Ehe mit Berthold Lasker verheiratet, dem Bruder des Schachweltmeisters Emanuel Lasker.

Damit wurde sie Teil der Familie Lasker – einer Familie, deren Geschichte sich in den folgenden Jahrzehnten auf dramatische Weise mit der europäischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts verschränken sollte. Denn Berthold Lasker war der Onkel von Anita Lasker-Wallfisch, die als junge Frau Auschwitz überlebte.

Diese Verbindung ist keine bloße biografische Randnotiz, sondern ein stiller Hinweis darauf, wie eng die kulturelle Blüte des jüdischen Lebens in Deutschland und seine spätere Zerstörung miteinander verwoben sind – oft innerhalb derselben Familien.

Exil und das Ende einer Welt

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde aus der gefeierten, wenn auch oft unverstandenen Künstlerin eine Verfolgte. Ihre Bücher wurden verbrannt, ihr Name aus dem öffentlichen Leben getilgt. Else Lasker-Schüler floh zunächst in die Schweiz und später nach Jerusalem – ein Ort, der ihr Zuflucht bot, ohne je wirklich Heimat zu werden.

Während sie im Exil weiter schrieb, oft unter schwierigen Bedingungen, wuchs in Europa eine Realität heran, die das jüdische Leben systematisch vernichten sollte. In dieser Zeit war Anita Lasker-Wallfisch noch ein Kind – eine Generation später, aber verbunden durch jene familiäre Linie, in die Else Lasker-Schüler einst eingeheiratet hatte.

Zwei Leben, ein zerrissener Faden

Else Lasker-Schüler und Anita Lasker-Wallfisch stehen für zwei aufeinanderfolgende Kapitel einer Geschichte, die nicht hätte auseinandergerissen werden dürfen.

Die eine verkörpert das jüdische Leben in Deutschland vor der Katastrophe: Kunst, Sprache, intellektuelle Freiheit, ein unbändiger Ausdruckswille. Die andere steht für das Überleben nach der Zerstörung: für Auschwitz, für Verlust, für die fragile Möglichkeit, dennoch weiterzuleben.

Dass Else Lasker-Schüler einst mit dem Onkel von Anita Lasker-Wallfisch verheiratet war, macht diese Verbindung greifbar – fast intim. Es ist, als läge zwischen ihren Leben nicht nur Zeit, sondern ein Riss, der durch eine Familie, durch eine Kultur, durch eine ganze Welt geht.

Was bleibt

Else Lasker-Schüler starb 1945 in Jerusalem, im selben Jahr, in dem Europa begann, die Dimension der eigenen Zerstörung zu begreifen. Ihr Werk jedoch blieb – als Zeugnis einer Welt, die einst existierte, und als Erinnerung daran, was möglich ist, wenn Kunst und Leben sich gegenseitig durchdringen.

Und vielleicht liegt genau darin ihre heutige Bedeutung:
Dass sie uns daran erinnert, wie zerbrechlich kulturelle Räume sind – und wie notwendig es ist, sie zu bewahren.

Zwischen ihren Gedichten und den Erinnerungen von Anita Lasker-Wallfisch spannt sich ein unsichtbarer Bogen:
von der Freiheit zur Verfolgung,
von der Sprache zur Stille –
und schließlich zurück zur Erinnerung.

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