Es ist ein Tag, auf den viele gehofft, aber nicht in dieser Form erwartet hatten. Die sterblichen Überreste von Ran Gvili, der letzten israelischen Geisel im Gazastreifen, sind gestern nach Israel überführt worden. Damit ist Israel seit gestern erstmals seit 2014 ohne eine einzige Geisel in Gaza. Was für viele ein Moment der Erleichterung ist, bleibt für den Staat und die jüdische Welt dennoch ein Tag voller Schmerz.
„Der Erste, der hineinging – der Letzte, der zurückkehrte“
Ran Gvili war Master Sergeant der israelischen Polizei. Am Morgen des 7. Oktober 2023 stürmte er trotz einer frisch auskurierten Schulterverletzung in den Einsatz, um Menschen zu schützen. Seine Mutter Talik schrieb später: „Der Erste, der hineinging, der Letzte, der zurückkehrte.“ Es ist nicht das Ende, das sie sich gewünscht hat, aber es markiert den Abschluss eines dunklen und traumatischen Kapitels.
Insgesamt wurden alle am 7. Oktober verschleppten israelischen Geiseln zurückgebracht, 87 von ihnen verstorben, 168 lebend. Bereits im November 2025 waren im Rahmen eines Waffenstillstands die Leichen von Hadar Goldin, sowie Avera Mangistu und Hisham nach Israel zurückgekehrt.
Symbole der Geisel-Solidarität verschwinden aus dem Alltag
In Israel und in jüdischen Gemeinden weltweit begann gestern ein symbolischer Abschied von den Zeichen der Solidarität, die über 843 Tage getragen worden waren. Gelbe Schleifen, Tagebänder mit der Anzahl der seit dem 7. Oktober verstrichenen Tage, Stoffarmbänder, Halsketten, Buttons und improvisierte Schmuckstücke verschwinden langsam aus dem Bild. Der Kampf um die Geiseln – zumindest dieser – ist beendet.
Viele der heimgekehrten Geiseln, die sich selbst noch in der Phase der Heilung befinden und bis zuletzt für ihre Kameraden kämpften, legten gestern öffentlich ihre Solidaritätssymbole ab. Es war ein stilles, aber zutiefst bewegendes Bekenntnis zu einem neuen Kapitel.
Hostage Square in Tel Aviv wird wieder ein normaler Platz
Ein besonders symbolträchtiger Ort ist der sogenannte Hostage Square in Tel Aviv. Der ehemalige Geisel Bar Kupershtein filmte, wie die große digitale Zeitanzeige angehalten und schließlich ausgeschaltet wurde. Mehr als zwei Jahre lang hatte sie die Stunden, Tage und Nächte seit dem 7. Oktober gezählt – nun ging sie endgültig aus.
Gebete, Tränen und Dank: Stimmen ehemaliger Geiseln
Die Reaktionen der ehemaligen Geiseln waren geprägt von Dankbarkeit, Trauer und komplizierten Gefühlen.
Die Geschwister Maya und Itay Regev sprachen gemeinsam mit Freund Omer Shem Tov den Schehechejanu, das jüdische Dankgebet für besondere Momente, während sie ihre Pins abnahmen. Auch Omer Wenkert ließ seine Solidaritätsnadel entfernen, gefilmt von seiner Freundin Adi Taub. Der Autor und Ex-Geisel Eli Sharabi dokumentierte seinen Moment mit ernsten Gesichtszügen für die Öffentlichkeit.
Auch andere fanden persönliche Worte. Segev Kalfon sagte in einem Video: „Gestern kam Ran Gvili zurück. Nicht mit einem Lächeln, nicht mit einer Zukunft, nicht mit einer Umarmung, nur mit Stille. Jeden Tag war er in meinen Gebeten. Nun ist er zurück, um in der Erde begraben zu werden, die seinen Namen kennt.“ Er rief Menschen auf, zur Abschaltung der Uhr am Hostage Square zu kommen: „Jetzt können wir nach vorne schauen und heilen – als Volk, als Land.“
Auch Elkana Bohbot schrieb von einem Abschluss: „Seit ich zurück bin, war ich nie wirklich hier. Solange Ran dort war, blieb etwas offen. Jetzt… ist der Kampf vorbei. Und unsere Herzen dürfen endlich sein.“
Die Geschwister Ariel und David Cunio, die 738 Tage als Geiseln in Gaza verbrachten, schrieben: „Sorry Rani, dass es so lange gedauert hat. Du hast ein anderes Ende verdient.“
Zwischen Erleichterung und Trauer
Auch die Familie des ermordeten Hersh Goldberg-Polin meldete sich zu Wort und beschrieb den Tag als „kompliziert“. „Wir freuen uns auf den morgigen Morgen, an dem wir zum ersten Mal seit 844 Tagen kein Klebeband über unseren Herzen tragen müssen“, sagte seine Mutter Rachel. „In Solidarität mit allen Familien, die seit dem 7. Oktober ihre Liebsten begraben mussten, nehmen wir es ab und beten um Trost – für uns alle.“
Ein Kapitel endet – die Verarbeitung beginnt
Mit der Rückkehr von Ran Gvili ist ein Kampf beendet, der Israel, die jüdische Welt und internationale Gesellschaften seit über zwei Jahren geprägt hat. Doch der Schmerz bleibt – und die Arbeit des Heilens beginnt erst.
Möge das Andenken von Ran Gvili ein Segen sein.



