„Seid Menschen“: Margot Friedländers Vermächtnis lebt weiter

KI-generiertes Symbolbild: Ein jüngerer Mensch hält die Hand einer älteren Frau. Auf dem Tisch liegen ein Notizbuch und ein historisches Foto; im Hintergrund steht das Brandenburger Tor.
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Ihre Stimme fehlt, ihr Auftrag bleibt. Margot Friedländer hat bis ins hohe Alter Menschen daran erinnert, wohin Hass und Ausgrenzung führen können – und daran, dass jeder Einzelne Verantwortung trägt. Am Montagabend, dem 12. Oktober, ehrte die nach ihr benannte Stiftung in Berlin drei Preisträger, die diesen Gedanken auf unterschiedliche Weise weitertragen: den Münchner Professor Guy Katz, das Bildungsprojekt „Zeit ohne Zeugen“ aus Paderborn und die AG Kriegsgräber der Europaschule Rövershagen.

Der Margot Friedländer Preis 2026 wurde im Allianz Forum am Pariser Platz verliehen. Insgesamt 310 Bewerbungen und Nominierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren eingegangen. Eine unabhängige Jury unter Vorsitz von Elke Büdenbender wählte die Ausgezeichneten aus. Die drei Preise sind zusammen mit 25.000 Euro dotiert, die das weitere Engagement unterstützen sollen.

Guy Katz: Solidarität braucht Menschen, die sie organisieren

Den Persönlichkeitspreis erhielt Guy Katz, Professor für Internationales Management an der Hochschule München. Als Enkel von vier Schoa-Überlebenden trägt er die Geschichte seiner Familie mit sich. Zugleich richtet sich sein Engagement auf die Gegenwart: auf jüdisches Leben heute und auf eine Gesellschaft, in der Antisemitismus keinen Platz haben darf.

Katz hat Bündnisse, Kampagnen und Bildungsprojekte angestoßen, darunter „München gegen Antisemitismus“. Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 organisierte er in München mehr als 100 Schweigemärsche. Elke Büdenbender würdigte seine Beharrlichkeit, seinen Mut und seine Fähigkeit, andere Menschen für dieses Engagement zu gewinnen.

Mehr als hundert Mal zusammenkommen, mehr als hundert Mal öffentlich Solidarität zeigen: Darin liegt eine Ausdauer, die über die Aufmerksamkeit eines einzelnen Gedenktages hinausreicht. Denn für jüdische Menschen endet die Sorge um ihre Sicherheit nicht, wenn die Schlagzeilen wechseln. Wer ihnen zur Seite stehen möchte, muss auch dann noch da sein.

„Zeit ohne Zeugen“: Geschichte vermitteln, wenn persönliche Begegnungen seltener werden

Der Projektpreis ging an „Zeit ohne Zeugen“ des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Paderborn. Schon der Name beschreibt eine Herausforderung, die immer drängender wird: Wie erreicht die Erinnerung an die Schoa junge Menschen, wenn immer weniger Überlebende selbst von ihrem Leben erzählen können?

Das Projekt verbindet Virtual Reality mit digitalen Zeitzeugnissen und pädagogischer Begleitung. Jugendliche erhalten auf diesem Weg Zugang zu historischen Orten wie dem Anne-Frank-Haus, der Gedenkstätte Auschwitz und dem Warschauer Ghetto. Reflexionsphasen und gemeinsame Gespräche helfen ihnen, das Gesehene einzuordnen. Zum Zeitpunkt der Nominierung hatten bereits mehr als 2.600 Jugendliche an über 115 Veranstaltungen teilgenommen.

Die Technik eröffnet einen Zugang, doch die Bildungsarbeit gibt ihm Bedeutung. Welche Menschen lebten an diesen Orten? Wie begann ihre Ausgrenzung? Wer half ihnen, wer sah weg? Solche Fragen verbinden historisches Wissen mit der eigenen Verantwortung. Der Träger versteht das Angebot ausdrücklich als Ergänzung zu Gedenkstättenbesuchen.

Rövershagen: Junge Menschen suchen die Spuren vor ihrer Haustür

Mit dem Schulpreis zeichnete die Stiftung die AG Kriegsgräber der Europaschule Rövershagen in Mecklenburg-Vorpommern aus. Seit 1999 beschäftigen sich dort Jugendliche mit Erinnerung, Antisemitismus und der Geschichte jüdischen Lebens in ihrer Region. Sie fragen zugleich danach, wie Rassismus und Judenhass in der Gegenwart sichtbar werden.

Unter der Leitung der Geschichtslehrerin Petra Klawitter entwickeln Schülerinnen und Schüler unter anderem Ausstellungen, Podcasts und Lernmaterialien. Auch Stolpersteininitiativen und internationale Workcamps gehören zu ihrer Arbeit.

Diese Suche verändert den Blick auf die vertraute Umgebung. Eine Straße, ein Haus oder ein Name können plötzlich von einem Menschen erzählen, dessen Geschichte bisher kaum jemand kannte. Wenn Jugendliche solche Spuren erforschen und anderen zugänglich machen, übernehmen sie selbst einen Teil der Erinnerungsarbeit.

Die Verantwortung geht an uns weiter

Margot Friedländer starb am 9. Mai 2025 im Alter von 103 Jahren. Sie hatte die nationalsozialistische Verfolgung und das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt, war nach dem Krieg in die USA ausgewandert und mit 88 Jahren nach Berlin zurückgekehrt. In Schulen und anderen Einrichtungen erzählte sie von ihrem Leben. Die Stiftung gründete sie 2023 selbst.

Ihr Appell „Seid Menschen“ bleibt mit ihrem Namen verbunden. Die diesjährigen Preisträger zeigen, wie sich dieser Gedanke mit Leben füllen lässt: durch öffentliche Solidarität, durch neue Wege der Vermittlung und durch junge Menschen, die den Geschichten ihrer Region nachgehen.

In diesen drei Formen des Engagements liegt auch eine Antwort auf die Frage, was nach den Zeitzeugen kommt. Menschen, die zuhören, nachfragen und das Gehörte weitertragen. Menschen, die jüdisches Leben schützen und dem Hass widersprechen, wenn er ihnen begegnet. Margot Friedländer hat diese Verantwortung über viele Jahre persönlich eingefordert. Nun liegt sie bei denen, die bleiben.

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