Zwischen Makkabi und WM-Fieber – Juden und die Leidenschaft für den Sport

Eine Tartanbahn für den Lauf Sport
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Wenn in diesem Sommer Millionen Menschen weltweit die Fußball-Weltmeisterschaft verfolgen, mit ihren Mannschaften mitfiebern und gemeinsam vor Bildschirmen oder in Stadien jubeln, wird deutlich, welche verbindende Kraft Sport besitzen kann. Sport begeistert Menschen über Länder-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg und schafft Momente, die oft noch lange in Erinnerung bleiben.

Dennoch hält sich bis heute ein altes Klischee: Juden seien eher Gelehrte als Sportler, eher in der Bibliothek als auf dem Fußballplatz anzutreffen. Tatsächlich erzählt die Geschichte etwas ganz anderes. Von den Gelehrten der Antike über die jüdischen Sportvereine Europas bis hin zu Olympiasiegern und Weltklasseathleten unserer Zeit zieht sich eine lange Tradition sportlicher Betätigung durch die jüdische Geschichte.

Das Klischee vom unsportlichen Juden – woher stammt es?

Die Wurzeln dieses Klischees reichen bis in die Antike zurück. Im griechischen und römischen Kulturkreis waren sportliche Wettkämpfe häufig eng mit heidnischen Kulten verbunden. Die Athleten traten oftmals nackt an, die Spiele wurden zu Ehren verschiedener Gottheiten veranstaltet und die berüchtigten Gladiatorenkämpfe dienten nicht selten der öffentlichen Unterhaltung durch Gewalt und Tod. Aus jüdischer Sicht standen viele dieser Praktiken im Widerspruch zu religiösen und ethischen Vorstellungen.

Entsprechend kritisch äußern sich zahlreiche jüdische Quellen jener Zeit. Die Makkabäerbücher berichten von Juden, die sich den griechischen Lebensgewohnheiten anpassten und regelmäßig die Gymnasien besuchten. Im Talmud werden insbesondere die brutalen Gladiatorenspiele der Römer verurteilt. Daraus entwickelte sich über Jahrhunderte das Bild, dass sich ein guter Jude eher dem Studium der Tora widmen sollte als sportlichen Wettkämpfen.

Sport im Judentum: Zwischen Tradition und körperlicher Stärke

Doch die Wirklichkeit war schon damals differenzierter. Körperliche Stärke wurde keineswegs grundsätzlich abgelehnt. So berichten talmudische Quellen von Resch Lakisch, einem bedeutenden Gelehrten, der zugleich für seine außergewöhnliche Kraft bekannt war. Auch aus dem Mittelalter sind rabbinische Responsen überliefert, in denen Fragen zu Ballspielen und sportlichen Aktivitäten diskutiert werden. Körperliche Bewegung galt durchaus als sinnvoll, solange sie Gesundheit und Wohlbefinden förderte.

Die jüdische Tradition verstand Körper und Geist nie als Gegensätze. Vielmehr galt die Gesundheit des Körpers als Voraussetzung dafür, religiöse und geistige Aufgaben erfüllen zu können. Dieser Gedanke sollte später auch die moderne jüdische Sportbewegung prägen.

Max Nordau und das Konzept des „Muskeljudentums“

Mit der Moderne änderte sich die Rolle des Sports grundlegend. Im 19. Jahrhundert begannen viele Juden in Europa und Nordamerika, Sport nicht nur als Freizeitbeschäftigung, sondern auch als Ausdruck von Selbstbewusstsein und gesellschaftlicher Teilhabe zu begreifen.

Eine zentrale Rolle spielte dabei der Zionist Max Nordau. Auf dem Zionistenkongress Ende des 19. Jahrhunderts prägte er den Begriff des „Muskeljudentums“. Nordau war überzeugt, dass körperliche Stärke und geistige Bildung einander nicht ausschließen, sondern ergänzen. Sein Ziel war es, das Bild des schwachen Juden zu überwinden und ein neues jüdisches Selbstverständnis zu fördern.

Die Makkabi-Bewegung: Wie jüdische Sportvereine entstanden

In zahlreichen europäischen Städten entstanden daraufhin jüdische Sportvereine, viele von ihnen unter dem Namen Makkabi. Sie waren weit mehr als Orte sportlicher Betätigung. Gerade in Zeiten zunehmender Ausgrenzung boten sie jungen Menschen die Möglichkeit, ihre jüdische Identität selbstbewusst zu leben und gleichzeitig Teil der Gesellschaft zu sein.

Die Vereine stärkten nicht nur die körperliche Fitness ihrer Mitglieder, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl. Viele der damaligen Strukturen wirken bis heute nach und bilden die Grundlage für zahlreiche jüdische Sportorganisationen weltweit.

Jüdische Sportler im 20. Jahrhundert

Auch im Profisport machten jüdische Athleten zunehmend auf sich aufmerksam. In den Vereinigten Staaten gehörten jüdische Boxer zu den bekanntesten Sportlern ihrer Zeit. Namen wie Benny Leonard oder Barney Ross waren weit über die jüdischen Gemeinden hinaus bekannt. Später wurden Baseballspieler wie Hank Greenberg und Sandy Koufax zu Symbolfiguren jüdischen Selbstbewusstseins.

Besonders Koufax schrieb Geschichte, als er sich weigerte, an Jom Kippur ein wichtiges Spiel zu bestreiten und damit seine religiöse Überzeugung über den sportlichen Erfolg stellte.

Von Sandy Koufax bis Mark Spitz: Berühmte jüdische Athleten

Heute gehören zahlreiche jüdische Sportler zu den bekanntesten Namen ihrer Disziplinen. Der amerikanische Schwimmer Mark Spitz gewann bei den Olympischen Spielen 1972 sieben Goldmedaillen und wurde zu einer der größten Legenden seines Sports.

Die amerikanische Turnerin Aly Raisman begeisterte mit olympischen Erfolgen und sprach gleichzeitig offen über ihre jüdische Identität. Für Israel schrieb Linoy Ashram Sportgeschichte, als sie bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille in der Rhythmischen Sportgymnastik gewann.

Diese Athletinnen und Athleten zeigen, dass jüdische Identität und sportlicher Erfolg längst selbstverständlich zusammengehören.

Die Maccabiah Games – die jüdischen Olympischen Spiele

Eine besondere Bedeutung haben bis heute die Maccabiah Games. Die seit 1932 regelmäßig stattfindenden Spiele gelten als die größten internationalen jüdischen Sportveranstaltungen der Welt. Tausende Athletinnen und Athleten aus zahlreichen Ländern reisen dafür nach Israel, um sich sportlich zu messen und gleichzeitig jüdische Gemeinschaft über nationale Grenzen hinweg zu erleben.

Für viele Teilnehmer stehen nicht allein Medaillen im Mittelpunkt, sondern auch Begegnung, Austausch und die gemeinsame Erfahrung jüdischer Identität.

Sport in Israel: Fußball, Basketball und olympische Erfolge

Auch in Israel selbst gehört Sport längst zum Alltag. Fußball und Basketball sind die beliebtesten Sportarten des Landes, doch auch in Disziplinen wie Judo, Schwimmen, Turnen oder Segeln feiern israelische Athletinnen und Athleten regelmäßig internationale Erfolge.

Viele Sportvereine sind fest in ihren Gemeinden verwurzelt und tragen dazu bei, Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen. Sport wird in Israel nicht nur als Wettkampf verstanden, sondern auch als gesellschaftliche Brücke.

Fußball-WM und jüdische Identität: Warum Sport verbindet

Gerade der Fußball zeigt, wie selbstverständlich jüdisches Leben heute Teil der internationalen Sportwelt ist. Auch wenn Israel bei der aktuellen Weltmeisterschaft nicht vertreten ist, verfolgen Millionen Israelis und Juden weltweit das Turnier mit derselben Begeisterung wie Fans anderer Nationen.

Sport schafft Gemeinschaft, Identifikation und gemeinsame Erlebnisse – Werte, die auch im jüdischen Leben eine wichtige Rolle spielen. Ob bei einem WM-Spiel, einem lokalen Fußballturnier oder den Makkabi-Spielen: Sport verbindet Menschen und schafft Räume für Begegnungen.

München 1972: Das Olympia-Attentat und seine Folgen

Die Geschichte des jüdischen Sports kennt allerdings nicht nur Erfolge. Die Olympischen Spiele von München 1972 haben sich tief in das kollektive Gedächtnis Israels und der jüdischen Welt eingeprägt. Damals wurden elf Mitglieder der israelischen Mannschaft von palästinensischen Terroristen ermordet.

Das Attentat gilt bis heute als eine der dunkelsten Stunden der olympischen Geschichte und erinnert daran, dass Sport und Politik nicht immer voneinander zu trennen sind.

Judentum und Sport heute: Mehr als ein altes Klischee

Die Geschichte jüdischer Sportler zeigt vor allem eines: Das alte Klischee vom unsportlichen Juden hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Von den ersten Makkabi-Vereinen Europas über die Olympiasieger von heute bis hin zu den Fans, die in diesem Sommer die Fußball-Weltmeisterschaft verfolgen, war und ist Sport ein selbstverständlicher Teil jüdischen Lebens.

Zwischen Studierstube und Stadion besteht kein Widerspruch. Vielmehr gehören geistige und körperliche Stärke gleichermaßen zu einer Tradition, die sich immer wieder neu erfindet.

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