Zwischen Erinnerung und Militär: In Litauens Wäldern droht ein Ort jüdischen Widerstands zu verschwinden

Wald in Litauen mit Gedenktafel davor
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Im Wald von Rūdninkai kämpften während der Shoah Hunderte Jüdinnen und Juden gegen die deutschen Besatzer. Heute erinnern dort noch Bunkeranlagen an die Partisanen. Doch ausgerechnet der Aufbau eines deutschen Militärstandorts und ein ungelöster litauischer Streit über die eigene Geschichte stellen die Zukunft dieses Erinnerungsortes infrage.

Tief im Wald von Rūdninkai, rund 40 Kilometer südlich von Vilnius, liegen zwischen Bäumen, feuchtem Boden und dichtem Unterholz die Überreste einer Geschichte, die lange kaum einen Platz im öffentlichen Gedächtnis Litauens hatte. Hier versteckten sich während der deutschen Besatzung jüdische Partisaninnen und Partisanen. Von hier aus kämpften sie gegen jene, die sie und ihre Familien vernichten wollten.

Rund 400 Jüdinnen und Juden gelang während der Shoah die Flucht aus dem Ghetto von Vilnius in die Wälder von Rūdninkai. Sie organisierten sich in Partisanengruppen, griffen deutsche Einheiten und Infrastruktur an, sabotierten Eisenbahnverbindungen und Telefonleitungen und versuchten, den deutschen Besatzern dort zu schaden, wo es ihnen möglich war. Die Bunker im Wald sind heute eines der wenigen sichtbaren Zeugnisse dieses jüdischen Widerstands.

Doch gerade dieser Ort steht nun vor einer ungewissen Zukunft. Litauen baut in der Region einen großen Militärstandort für die Bundeswehr auf. Die Stationierung der deutschen Panzerbrigade 45 ist Teil der verstärkten NATO-Präsenz an der Ostflanke des Bündnisses nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die Region liegt strategisch exponiert: Belarus befindet sich nur wenige Kilometer entfernt, ebenso die russische Exklave Kaliningrad. Deutschland stationiert damit erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft eine größere Zahl eigener Soldaten im Ausland.

Damit treffen in Rūdninkai zwei deutsche Geschichten aufeinander, die kaum gegensätzlicher sein könnten: die Erinnerung an Menschen, die sich mit Waffen gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik wehrten – und die sicherheitspolitische Verantwortung Deutschlands im Europa des 21. Jahrhunderts.

Ein Erinnerungsort ohne Schutz

Für Angehörige der ehemaligen Partisanen sind die Bunker weit mehr als historische Überreste. Kinder und Enkel der Kämpfer reisen seit Jahrzehnten in den Wald, um jene Orte zu sehen, an denen ihre Familienmitglieder überlebten und Widerstand leisteten.

Einfach war das schon bisher nicht. Die Anlagen sind schwer zu finden, auf gewöhnlichen Karten kaum verzeichnet und teilweise stark verfallen. Acht Bunker beziehungsweise rekonstruierte Anlagen sind nach Angaben der Historikerin und Stadtführerin Aušra Mikulskienė noch sichtbar. Inzwischen erschweren Warn- und Verbotsschilder den Zugang zusätzlich. Bereiche werden als gefährlich gekennzeichnet, Zufahrten gesperrt. Mikulskienė befürchtet, dass Besuche künftig nur noch eingeschränkt möglich sein könnten.

Das litauische Kulturministerium erklärte gegenüber der Jewish Telegraphic Agency, Besuche sollten grundsätzlich weiterhin möglich sein. Allerdings müssten Besucher künftig die militärischen Sicherheitsbestimmungen beachten und vorab eine Genehmigung der Leitung des Übungsplatzes einholen. Einen formellen Schutzstatus als Kulturdenkmal besitzen die Bunker bislang nicht.

Gerade darin liegt das eigentliche Problem. Denn hinter der Frage, was mit einigen alten Bunkern im Wald geschieht, verbirgt sich ein wesentlich größerer Konflikt: Wem gehört die Erinnerung an den jüdischen Widerstand – und wie lässt er sich erzählen, wenn jüdische Partisanen zugleich an der Seite sowjetischer Kämpfer standen?

Zwischen Shoah und sowjetischer Besatzung

Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Litauen zu den bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in Europa. Vilnius – auf Jiddisch Wilna – wurde als „Jerusalem des Nordens“ bezeichnet. Rabbiner, Schriftsteller, Verleger und Gelehrte prägten eine außergewöhnlich vielfältige jüdische Kultur.

Mit der deutschen Besatzung begann ihre nahezu vollständige Vernichtung. Mehr als 90 Prozent der litauischen Jüdinnen und Juden wurden während der Shoah ermordet – von den Nationalsozialisten und unter Beteiligung lokaler Kollaborateure.

Einige entschieden sich für den bewaffneten Widerstand.

Doch nach dem Krieg wurde ihre Geschichte politisch vereinnahmt. Litauen gehörte bis 1990 zur Sowjetunion. Die sowjetische Erinnerungskultur stellte den Kampf kommunistischer Partisanen gegen den Faschismus heraus und integrierte jüdische Kämpfer weitgehend in diese Erzählung. Ihre spezifisch jüdische Erfahrung – der Widerstand von Menschen, die einer systematischen Vernichtung entkommen waren – trat dabei in den Hintergrund.

Nach der Wiedererlangung der litauischen Unabhängigkeit schlug das Pendel in die andere Richtung.

Die sowjetische Herrschaft steht in Litauen für Deportationen, politische Verfolgung, Gulaghaft und den Verlust staatlicher Souveränität. Damit gerieten auch die sowjetischen Partisanen in ein anderes Licht. Und mit ihnen jene jüdischen Kämpfer, die sich während des Krieges sowjetischen Verbänden angeschlossen hatten.

So entstand ein erinnerungspolitisches Dilemma: Menschen, die gegen die Nationalsozialisten kämpften und der Vernichtung entkommen waren, werden in Teilen der litauischen Erinnerung nicht in erster Linie als jüdische Widerstandskämpfer wahrgenommen, sondern als Verbündete der späteren sowjetischen Besatzungsmacht.

Fania Brantsovsky und die letzte Bitte

Eine der bekanntesten jüdischen Partisaninnen von Rūdninkai war Fania Brantsovsky. Sie starb 2024 im Alter von 102 Jahren.

Am 23. September 1943 wurde sie aus dem Ghetto von Vilnius geschmuggelt – ausgerechnet an jenem Tag, an dem die Nationalsozialisten mit dessen endgültiger Liquidierung begannen. Ihre Familie überlebte die Shoah nicht.

Brantsovsky schloss sich einer jüdischen Partisaneneinheit um den Dichter und Widerstandskämpfer Abba Kovner an. Jahrzehnte später führte sie Besucher selbst zu den Bunkern im Wald und setzte sich dafür ein, dass der Ort erhalten bleibt.

Der in Vilnius lebende Jiddisch- und Holocaustforscher Dovid Katz berichtete der JTA von einer letzten Bitte Brantsovskys: Die Erinnerung an die Bunker dürfe nicht verschwinden. Ihre Enkel und die kommenden Generationen sollten weiterhin an diesen Ort kommen können – zu einem der wenigen materiellen Zeugnisse des jüdischen Widerstands in Litauen.

Gerade diese Perspektive macht deutlich, weshalb die Diskussion über die historische Authentizität einzelner Bauten allein zu kurz greift.

Denn auch darüber wird gestritten.

Sind die Bunker überhaupt noch authentisch?

Das litauische Kulturministerium lehnt bislang einen Denkmalschutz unter anderem mit dem Argument ab, die heute sichtbaren Anlagen seien nicht authentisch und befänden sich teilweise nicht mehr an ihren ursprünglichen Standorten. Während der sowjetischen Zeit seien Bunker rekonstruiert oder verstärkt und als Teil der offiziellen Erinnerungspolitik genutzt worden.

Tatsächlich weisen einige Anlagen Betonverstärkungen auf, obwohl die ursprünglichen Partisanen während des Krieges hauptsächlich Holz und Erde verwendeten. Wie viel der heutigen Strukturen tatsächlich aus der Kriegszeit stammt und wie viel später rekonstruiert wurde, ist unter Forschern umstritten.

Der Holocaustforscher Ilya Lempertas teilt sogar die Einschätzung, dass die heute sichtbaren Bunker keine authentischen Überreste der ursprünglichen jüdischen Verstecke seien. Dennoch plädiert auch er für ihren Erhalt.

Denn historische Bedeutung entsteht nicht ausschließlich durch originales Baumaterial. Für Familien ehemaliger Partisanen sind die Anlagen längst zu einem Erinnerungsort geworden. Dort erzählen sie Geschichten ihrer Eltern und Großeltern, sprechen über deren Überleben und singen Lieder, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Seit 2024 erinnert erstmals ausdrücklich eine Tafel an die jüdischen Partisanen. Angebracht wurde sie nicht vom litauischen Staat, sondern vom deutschen Bildungswerk Stanisław Hantz. Sie erinnert an jene Jüdinnen und Juden, die aus diesen Wäldern heraus gegen die deutschen Besatzer und ihre Helfer kämpften.

Deutschland trägt eine besondere Verantwortung

Dass nun deutsche Soldaten in unmittelbarer Nähe dieses Ortes stationiert werden, verleiht der Frage nach seinem Schutz eine zusätzliche Dimension.

Die Bundesregierung hat sich ausdrücklich für den Erhalt des ehemaligen jüdischen Partisanenlagers ausgesprochen. Die Bundeswehr werde sich als künftige Nutzerin des Übungsplatzes für den Schutz des historischen Ortes einsetzen. Die Panzerbrigade 45 arbeitet nach Angaben der Bundesregierung zudem mit der jüdischen Organisation MACEVA zusammen. Auch die Deutsche Botschaft in Vilnius soll in die Erinnerungsarbeit eingebunden werden.

Die Bunker selbst sollen nicht Teil der militärischen Anlagen werden und durch die Bauarbeiten nicht zerstört werden. Über ihren Schutzstatus und den künftigen Zugang entscheidet jedoch Litauen.

Damit liegt ausgerechnet in der deutschen Militärpräsenz auch eine Chance.

Denn Rūdninkai könnte mehr werden als ein kaum auffindbarer Ort im Wald. Die Geschichte der jüdischen Partisanen ließe sich hier mit der Geschichte der deutschen Besatzung, der Shoah, der sowjetischen Herrschaft und der heutigen europäischen Sicherheitsordnung verbinden. Ein solcher Erinnerungsort müsste die Widersprüche nicht auflösen. Er könnte sie sichtbar machen.

Widerstand gehört zur Erinnerung an die Shoah

Die Geschichte der Shoah wird häufig vor allem als Geschichte von Verfolgung, Deportation und Ermordung erzählt. Das ist unverzichtbar – aber unvollständig.

Jüdinnen und Juden waren nicht ausschließlich Opfer, die auf ihre Vernichtung warteten. Sie organisierten Fluchten, schmuggelten Lebensmittel und Waffen, dokumentierten die Verbrechen, retteten andere Menschen und leisteten bewaffneten Widerstand. In Ghettos, Lagern und Wäldern kämpften sie gegen einen Gegner, dessen militärischer Übermacht sie kaum etwas entgegenzusetzen hatten.

Rūdninkai erzählt von diesem Teil der Geschichte.

Gerade deshalb wäre es fatal, wenn der Ort zwischen militärischen Sicherheitsinteressen, Debatten über sowjetische Rekonstruktionen und nationalen Erinnerungskonflikten verschwinden würde.

Die Bunker mögen verfallen sein. Einige mögen nach dem Krieg verändert oder rekonstruiert worden sein. Doch die Menschen, deren Geschichte mit diesem Wald verbunden ist, waren real. Ihr Widerstand war real. Und die Entscheidung, sich denjenigen entgegenzustellen, die sie vernichten wollten, bleibt Teil der europäischen Geschichte.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Bedeutung von Rūdninkai: Der Wald erinnert nicht nur daran, wie jüdisches Leben in Litauen zerstört wurde. Er erinnert auch daran, dass Jüdinnen und Juden zurückschlugen.

Und dass auch diese Geschichte bewahrt werden muss.

Grundlage dieses Artikels ist eine Recherche der Journalistin Shira Li Bartov für die Jewish Telegraphic Agency (JTA) vom 27. August 2026. Ergänzt wurden Informationen aus einer Antwort der Bundesregierung zur Zukunft des ehemaligen jüdischen Partisanenlagers in Rūdninkai.

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