Das Abendgebet Hashkiveinu gehört zum festen liturgischen Rahmen der jüdischen Tradition. Es folgt im Abendgebet – sowohl an Wochentagen als auch am Schabbat – auf das Schema und entstammt rabbinischer Überlieferung. Mit einfachen und zugleich poetischen Worten beschreibt es den Ewigen als Beschützer der Nacht, der uns behütet, wacht und mit Barmherzigkeit umgibt.
Spirituelle Schlichtheit und existentielle Dimension
Während manche Gebete mit großen theologischen Begriffen arbeiten, spricht Hashkiveinu eine universelle Sprache: die Angst vor Dunkelheit und Kontrollverlust, die Hoffnung auf Schutz und Bewahrung, die Sehnsucht nach einem erneuerten Morgen. Wir bitten darum, behütet einzuschlafen, die Nacht zu überstehen und am nächsten Tag „zu Leben“ wieder aufzustehen. Diese archaische Bildwelt berührt grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Sicherheit und Frieden.
Zwischen Synagoge und Schlafzimmer
Bemerkenswert ist, dass Hashkiveinu sowohl im gemeinschaftlichen Abendgebet der Synagoge als auch im privaten häuslichen Ritual der Kriat Schema al ha-Mita – dem nächtlichen Schema vor dem Schlaf – verankert ist. In vielen Familien sprechen Eltern das Gebet für ihre Kinder, bevor diese es selbst rezitieren können. So verbindet Hashkiveinu kollektive Liturgie und intime Alltagsfrömmigkeit auf einzigartige Weise.
Reformjudentum und moderne Adaptionen
Auch liturgisch hat Hashkiveinu Diskussionen ausgelöst. Das frühe Reformjudentum strich das Gebet zunächst vollständig, vermutlich weil es als vorwiegend privates Ritual galt. Später kehrte es zurück, blieb jedoch im Fokus theologischer Debatten, insbesondere wegen einer Passage, die um Schutz vor „Satan“ bittet – ein Begriff, der im rationalen Weltbild der Moderne als mythologisch oder problematisch galt.
Das aktuelle Reform-Gebetbuch Mishkan T’filah wählt einen Mittelweg: Die theologisch umstrittene Passage entfiel, während die poetische und existenzielle Kraft des Gebets – Bilder wie „Schatten Deiner Flügel“ oder „Schirm des Friedens“ – erhalten blieb.
Poesie, Trost und Nacht
Wie viele Gebete im Siddur ist Hashkiveinu nicht nur Liturgie, sondern auch Poesie. Es gibt einer uralten menschlichen Erfahrung Sprache: der Unsicherheit der Nacht, der Sehnsucht nach Schutz, der Hoffnung auf einen neuen Tag.
In realen wie übertragenen „Nächten“ – Zeiten der Sorge, Krankheit oder Orientierungslosigkeit – kann dieses Gebet Trost spenden. Es schenkt Schutz, Vertrauen und Hoffnung – und erinnert daran, dass jeder Morgen ein Geschenk ist.
DER Text von Hashkiveinu (nach Mishkan T’filah)
וּפְרוֹשׂ עָלֵֽינוּ סֻכַּת שְׁלוֹמֶֽךָ. וְתַקְּנֵֽנוּ בְּעֵצָה טוֹבָה מִלְּפָנֶֽיךָ,
וְהוֹשִׁיעֵֽנוּ לְמַֽעַן שְׁמֶֽךָ. וְהָגֵן בַּעֲדֵֽנוּ, וְהָסֵר מֵעָלֵֽינוּ אוֹיֵב,
דֶּֽבֶר, וְחֶֽרֶב, וְרָעָב וְיָגוֹן. וְהַרְחֵק מִמֶּֽנּוּ עָווֹן וָפֶֽשַׁע.
וּבְצֵל כְּנָפֶֽיךָ תַסְתִּירֵֽנוּ, כִּי אֵל שׁוֹמְרֵֽנוּ וּמַצִּילֵֽנוּ אָֽתָּה,
כִּי אֵל חַנּוּן וְרַחוּם אָֽתָּה. וּשְׁמוֹר צֵאתֵֽנוּ וּבוֹאֵֽנוּ לְחַיִּים
וּלְשָׁלוֹם מֵעַתָּה וְעַד עוֹלָם. בָּרוּךְ אַתָּה יְיָ, שׁוֹמֵר עַמּוֹ יִשְׂרָאֵל לָעַד.
Die Deutsche Übersetzung
„Gewähre, o Gott, dass wir in Frieden niederliegen und, unser Hüter, zu erneuertem Leben erwachen.
Breite über uns den Schutz Deines Friedens aus. Leite uns mit Deinem guten Rat. Schildere und schütze uns unter dem Schatten Deiner Flügel. Bewahre uns vor Feinden, Krankheit, Krieg, Hunger und Kummer.
Halte uns fern von Verfehlung. Denn Du bist es, Gott, der uns bewacht und erlöst – gnädig und barmherzig. Bewahre unseren Ausgang und Eingang, zum Leben und zum Frieden, jetzt und für immer.“








