„Die Kinder der toten Stadt“: Wenn Erinnerung auf die Bühne kommt

Kinder der toten Stadt
Lesezeit: 3 Minuten

Mit einer bewegenden Aufführung an den Michaelschulen Paderborn hat das Musikdrama Die Kinder der toten Stadt am vergangenen Freitag erneut eindrucksvoll gezeigt, wie lebendige Erinnerungskultur gelingen kann. Vor Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften und Gästen wurde deutlich, dass die Geschichte der Schoa auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs junge Menschen berühren und zum Nachdenken anregen kann.

Wie vermittelt man jungen Menschen die Geschichte der Schoa, wenn die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer seltener persönlich berichten können? Eine Antwort darauf gibt das Musikdrama „Die Kinder der toten Stadt“, das seit Jahren bundesweit an Schulen aufgeführt wird und Geschichte dort erlebbar macht, wo sie besonders nachhaltig wirkt – auf der Bühne.

Ensemble der Kidner der toten Stadt
Ensemble der Michaelschulen Paderborn

 

Das mehrfach ausgezeichnete Projekt erzählt die Geschichte jüdischer Kinder im Ghetto Theresienstadt und verbindet historische Fakten mit Musik, Schauspiel und Emotionen. Im Mittelpunkt stehen nicht Zahlen oder politische Ereignisse, sondern einzelne Schicksale, Hoffnungen und Träume. Gerade diese Perspektive macht das Stück zu einem außergewöhnlichen Beitrag der modernen Erinnerungskultur.

Historischer Hintergrund ist das Konzentrationslager Theresienstadt. Dort wurde 1944 die Kinderoper Brundibár des jüdischen Komponisten Hans Krása aufgeführt. Die Nationalsozialisten missbrauchten die Inszenierung als Propagandainstrument, um gegenüber dem Internationalen Roten Kreuz den Eindruck eines angeblich lebenswerten Ghettos zu erwecken. Nur kurze Zeit später wurden viele der beteiligten Kinder sowie Krása selbst nach Auschwitz deportiert und ermordet.

 

Team der Kinder der toten Stadt
Lars Hesse: Komponist, Pianist, Felix Dohrmann: Gesangscoach, Thomas Auerswald: Autor, Regisseur, Jaqueline Makowski: Assistenz, Dr. Sarah Kass:

„Die Kinder der toten Stadt“ greift diese historischen Ereignisse auf, erzählt sie jedoch in einer eigenen musikalischen Handlung. Das Stück zeigt die Welt der Kinder, ihre Freundschaften, ihre Ängste und ihre Hoffnung – bis die Realität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik jede Zukunft zerstört. Gerade diese emotionale Erzählweise ermöglicht Schülerinnen und Schülern einen Zugang zur Geschichte, der weit über den klassischen Unterricht hinausgeht.

Initiiert wurde das Projekt von Dr. Sarah Kass, die gemeinsam mit Autor Thomas Auerswald und Komponist Lars Hesse ein Musikdrama entwickelte, das heute an zahlreichen Schulen und Theatern in Deutschland aufgeführt wird. Begleitet wird jede Inszenierung von umfangreichen pädagogischen Materialien, die Lehrkräften ermöglichen, die historischen Hintergründe gemeinsam mit ihren Klassen aufzuarbeiten. Schirmherrin des Projekts ist Schauspielerin Iris Berben.

Angesichts des zunehmenden Antisemitismus erhält das Projekt eine besondere Aktualität. Erinnerungskultur bedeutet heute mehr denn je, Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern erfahrbar zu machen. Gerade junge Menschen sollen verstehen, wohin Ausgrenzung, Hass und Menschenfeindlichkeit führen können. Das Musikdrama schafft dafür einen emotionalen Zugang, ohne die historischen Fakten aus dem Blick zu verlieren.

Die Aufführung an den Michaelschulen Paderborn reiht sich in eine wachsende Zahl erfolgreicher Inszenierungen in ganz Deutschland ein. Sie zeigt, dass das Interesse an innovativen Formen der historisch-politischen Bildung ungebrochen ist und dass das Schicksal der Kinder von Theresienstadt auch heutige Generationen bewegt.

Für die jüdische Erinnerungskultur besitzt das Projekt einen besonderen Stellenwert. Es erinnert nicht nur an die Millionen Opfer der Schoa, sondern gibt den Kindern von Theresienstadt ihre Namen, ihre Stimmen und ihre Geschichten zurück. Damit wird deutlich: Hinter jeder Zahl stand ein Mensch – mit Hoffnungen, Talenten und einem Leben, das viel zu früh endete.

In einer Zeit, in der persönliche Begegnungen mit Überlebenden immer seltener werden, übernehmen Kunst und Kultur eine immer wichtigere Aufgabe. „Die Kinder der toten Stadt“ zeigt eindrucksvoll, wie Erinnerung lebendig bleiben kann – nicht durch Distanz, sondern durch Mitgefühl, Wissen und die Bereitschaft, hinzusehen.

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