Arundhati Roy sagt Berlinale-Teilnahme ab – Streit um Gaza-Kommentare eskaliert

Plakat mit der Aufschrift Berlinale
Lesezeit: 2 Minuten

Die indische Bestsellerautorin Arundhati Roy hat ihre Teilnahme an der diesjährigen Berlinale abgesagt. Grund ist eine Kontroverse um Äußerungen der Jury zur politischen Rolle von Kunst im Kontext des Gaza-Krieges.

Roy erklärte, sie könne nicht an einem Festival teilnehmen, dessen Jury sich weigere, öffentlich Stellung zum Krieg in Gaza zu beziehen. Die Aussage, Kunst solle „unpolitisch“ bleiben, nannte sie „ungeheuerlich“.

Wenders: „Kunst ist das Gegengewicht zur Politik“

Auslöser der Debatte waren Aussagen des Jurypräsidenten Wim Wenders auf der Auftakt-Pressekonferenz der Berlinale. Auf die Frage eines Journalisten, warum sich das Festival solidarisch mit Menschen im Iran oder in der Ukraine zeige, aber nicht mit Palästinensern, antwortete Wenders, Kunst müsse sich aus parteipolitischen Auseinandersetzungen heraushalten.

Man dürfe nicht in das Feld der Politik eintreten, wenn man Filme mache, die dezidiert politisch seien, so Wenders sinngemäß. Kunst sei das „Gegengewicht“ zur Politik und habe eine andere Aufgabe.

Auch Jurymitglied Ewa Puszczynska erklärte, es sei nicht fair, die Jury zu politischen Positionen von Regierungen zu befragen.

Powered by GetYourGuide

Offener Brief von Filmschaffenden

Roy ist nicht die Einzige, die Kritik äußert. Dutzende aktuelle und ehemalige Berlinale-Teilnehmer veröffentlichten einen offenen Brief, in dem sie das „Schweigen“ des Festivals zum Krieg in Gaza beanstanden. Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem Javier Bardem, Tilda Swinton und Nan Goldin.

Die Kontroverse trifft die Berlinale in einem ohnehin angespannten politischen Klima. Deutschland steht international wegen seiner klaren Unterstützung Israels unter Beobachtung, während zugleich innerhalb der Kulturszene heftige Debatten über Meinungsfreiheit, Antisemitismus und legitime Israelkritik geführt werden.

Festival verteidigt Jury

Festivaldirektorin Tricia Tuttle stellte sich hinter die Jury. Künstler seien frei, ihre Meinung zu äußern – oder eben nicht. Es könne nicht erwartet werden, dass Filmschaffende auf jede politische Frage reagieren oder komplexe Zusammenhänge in kurzen Statements beantworten.

Gleichzeitig zeigt das Festival mehrere Filme, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt befassen. Darunter befindet sich eine neue Fassung der Dokumentation „A Letter to David“ über eine israelische Geisel in Gaza, die inzwischen freigelassen wurde.

Ein Sprecher der Berlinale erklärte gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“, man bedauere Roys Absage, da ihre Anwesenheit die Diskussion bereichert hätte. Ein Film aus dem Jahr 1989, der auf einem Drehbuch Roys basiert, wird dennoch im Rahmen der Retrospektive gezeigt.

Kunst und Verantwortung

Roy hingegen betonte, Kunst sei immer politisch. Künstler, Schriftsteller und Filmemacher hätten die Verantwortung, sich zu äußern – besonders dann, wenn sie eine humanitäre Katastrophe wahrnähmen.

Die Auseinandersetzung wirft grundlegende Fragen auf: Soll Kunst Distanz wahren oder Haltung zeigen? Wo endet künstlerische Freiheit – und wo beginnt moralische Verantwortung?

Für die Berlinale bedeutet die Debatte eine erneute Zerreißprobe zwischen politischem Anspruch, gesellschaftlicher Sensibilität und der Rolle eines internationalen Kulturfestivals im Spannungsfeld globaler Konflikte.

© Foto:  Internationale Filmfestspiele Berlin / Claudia Schramke, Berlin