Jesse Jackson ist tot – Ein Leben zwischen Bürgerrechtskampf und jüdischem Dialog

Jesse Jackson in verschiedenen Situaionen
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Der amerikanische Bürgerrechtler Jesse Jackson ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung eine ihrer prägendsten Figuren – einen Prediger, Aktivisten und Politiker, der für eine „Rainbow Coalition“ kämpfte, eine breite Allianz marginalisierter Gruppen. Doch sein Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten blieb über Jahrzehnte hinweg ambivalent und belastet.

Aufstieg eines Bürgerrechtlers

Geboren im segregierten Süden der USA, wurde Jackson als Baptistenprediger in Chicago politisch aktiv. Er arbeitete eng mit Martin Luther King Jr. zusammen und profilierte sich nach dessen Ermordung als eigenständige Stimme innerhalb der Bürgerrechtsbewegung. Mit seiner Organisation Operation PUSH – später Rainbow PUSH Coalition – setzte er sich für wirtschaftliche Gerechtigkeit, politische Teilhabe und Minderheitenrechte ein.

Jackson erlangte nationale Bedeutung, als er 1984 erstmals für die Präsidentschaft kandidierte. Vier Jahre später gewann er elf Vorwahlen der Demokraten und mobilisierte Millionen Wähler. Seine Kampagnen erweiterten nachhaltig die politische Beteiligung schwarzer Amerikaner.

„Hymietown“ und das Zerwürfnis

Für viele amerikanische Juden bleibt Jacksons politisches Vermächtnis jedoch untrennbar mit einer tiefen Krise verbunden. 1984 räumte er ein, in einem Gespräch New York als „Hymietown“ bezeichnet zu haben – eine antisemitische Schmähung. Zunächst hatte er die Äußerung bestritten, später entschuldigte er sich in einer Synagoge in New Hampshire.

„Irren ist menschlich, vergeben göttlich“, sagte Jackson damals. Doch das Vertrauen war erschüttert. In einer Zeit, in der Juden und Afroamerikaner in den 1960er-Jahren eng im Kampf für Bürgerrechte zusammengearbeitet hatten, empfanden viele jüdische Organisationen die Bemerkung als schmerzhaften Rückschritt.

Nähe zu Louis Farrakhan

Zusätzliche Spannungen entstanden durch Jacksons Beziehung zu Louis Farrakhan, dem Anführer der Nation of Islam, der wiederholt antisemitische Aussagen tätigte. Obwohl Jackson sich von einzelnen Äußerungen distanzierte, brach er nicht öffentlich mit Farrakhan – ein Schritt, den viele jüdische Stimmen erwartet hatten.

Auch Jacksons außenpolitische Positionen sorgten für Irritationen. Sein Treffen mit Yasser Arafat 1979 sowie seine frühe Unterstützung für einen palästinensischen Staat neben Israel galten in den 1980er-Jahren als politisch provokant. Zudem stellte er US-Militärhilfen für Israel infrage.

Schritte der Annäherung

In den 1990er-Jahren bemühte sich Jackson sichtbar um Versöhnung. Er sprach bei jüdischen Veranstaltungen, nahm an Holocaust-Gedenkfeiern teil und verurteilte Antisemitismus ausdrücklich. 1992 trat er beim World Jewish Congress in Brüssel auf und bezeichnete den Zionismus als „Befreiungsbewegung“.

Der damalige Präsident des World Jewish Congress, Edgar Bronfman, zeigte sich offen für Zusammenarbeit, wenn auch mit Vorbehalten. Auch Abraham Foxman, langjähriger Direktor der Anti-Defamation League, erkannte Fortschritte an, betonte jedoch, dass Vertrauen Zeit brauche.

Jackson besuchte 2019 die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau – ein symbolischer Schritt, der von manchen als ernsthafte Geste des Lernens und Erinnerns gewertet wurde.

Ein widersprüchliches Vermächtnis

Jacksons Lebenswerk bleibt komplex. Er war eine treibende Kraft im Kampf gegen Rassismus und soziale Ungleichheit, verhandelte die Freilassung amerikanischer Geiseln im Ausland und prägte die demokratische Partei nachhaltig. Gleichzeitig war sein Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft von Verletzungen, Missverständnissen und politischem Misstrauen geprägt.

In einer Erklärung würdigten jüdische Organisationen ihn nun als wichtigen Verbündeten im Kampf gegen Hass – ohne die schmerzhaften Kapitel zu verschweigen. Gerade darin liegt vielleicht eine Lehre seines Lebens: dass Dialog auch nach tiefen Brüchen möglich bleibt, wenn beide Seiten dazu bereit sind.

Jackson, der 2017 seine Parkinson-Erkrankung öffentlich machte, starb im Kreis seiner Familie. Er hinterlässt seine Ehefrau Jacqueline, sechs Kinder – darunter der frühere Kongressabgeordnete Jesse Jackson Jr. – sowie mehrere Enkelkinder.

Sein Tod markiert das Ende einer Ära. Sein Vermächtnis jedoch wird weiter diskutiert werden – zwischen Bewunderung, Kritik und dem bleibenden Ringen um gegenseitiges Verständnis.