Mit Spannung wurde sie erwartet: die Verabschiedung der ersten Abiturienten und Abiturientinnen der Joseph-Carlebach-Schule in Hamburg, seit 1942. Die Talmud Tora Schule wurde im Jahr 1911 am Grindelhof 30 gebaut und eingeweiht. Sie diente bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1942 als jüdische Schule in Hamburg. 2004 wurde es an die Jüdische Gemeinde Hamburg zurückgegeben. Das Gebäude wurde saniert und der Jüdischen Gemeinde Hamburg übergeben, die dort am 10. Juni 2007 einzog. Und eben dieser Jahrgang feierte nun seinen Abschluss in der blau geschmückten Aula der Joseph-Carlebach-Schule.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Philipp Stricharz, 1. Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg:  

“Seit Jahrzehnten hatten wir, die Hamburger Juden, die Jüdische Gemeinde, einen Traum: Dass Hamburg wieder ein Ort höherer jüdischer Bildung für unsere Kinder werde. Eine Stadt, in der Juden und Nichtjuden stolz darauf sind, wie wir, die Hamburger Juden, unsere Kinder ausbilden. Es gibt viele Menschen, den heute unser Dank gelten muss. Dazu gehören sicherlich auch meine Kollegen und Vorgänger im Amt des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, darunter natürlich auch Bernhard Effertz sel. A., der bestimmt heute auch auf uns herabschaut und seht stolz auf Euch ist. Aber die echten Helden dieses historischen Durchbruchsseid Ihr mit Euren Eltern. Eure Eltern und Ihr, Ihr seid es, die dieses Abenteuer, 75 Jahre nach der Befreiung Deutschland von der Naziherrschaft das erste jüdische Abitur in Hamburg abzulegen, absolviert haben. Niemand konnte Euch davon abhalten. Nicht die Nazis mit Ihren Verbrechen an dieser Schule und ihren Lehrern und Schülern. Nicht die Beamten in Senat und Hamburger Behörden der Nachkriegszeit, die Jahrzehnte brauchten, um diese Schule an die jüdische Gemeinde zurückzugeben. Kein Antisemitismus, kein Bedrohungsszenario, keine Sorge, ob das zarte Pflänzchen dieser 2007 neu gegründeten Schule auch wirklich durchhält, konnte Euch und Eure Eltern und Familien davon abhalten, heute hier zu sein und in dieser Stadt Hamburg ein jüdisches Abitur, unser Abitur, gemeistert zu haben. Liebe Dana, Veronika, Michelle, Julius, Eden, Mark, Elias, Arthur, Sabine, Lilia, Noemi, Antonio, Julia, Yanki und Mariam, Ihr habt es einfach getan. Was für andere leicht gesagt war, habt Ihr umgesetzt: In Eurem jungen Alter habt Ihr bereits Geschichte geschrieben. Ich denke uns allen ist klar, welchen Titel George Lucas einem Film über Euren Jahrgang gegeben hätte: Eine neue Hoffnung. Und wenn wir schon dabei sind, ich weiß auch genau, was jeder Eurer Lehrer jetzt gerade denkt. Er denkt dasselbe, was Batman über Robin denkt. Nämlich: Ich bin verdammt stolz. Auf mich selbst. Weil ich so ein verdammt guter Lehrer bin. Alles Gute”

 

Philipp Stricharz, 1. Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg | Foto: © Armin Levy

 

Danach folgte Glückwünsche von Carola Veit von der Hamburger Bürgerschaft und dem Botschafter Israels in Deutschland, Jeremy Issacharoff per Videobotschaft.

 

Carola Veit, Präsidentin der Hamburgische Bürgerschaft (SPD) | Foto: © Armin Levy

 

Jeremy Issacharoff, Botschafter Israels in Deutschland | Foto: © Armin Levy

 

Stefanie Szupak, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Hamburg erläuterte mit rührenden Worten den Zusammenhalt und die familiäre Wäre in der Joseph-Carlebach-Schule und dankte den Schülern für ihre Mitarbeit und Unterstützung.  Aber nicht nur den Abiturientinnen galt der Dank, sondern auch den Mitarbeitern und dem Küchenpersonal.

Stefanie Szupak, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Hamburg | Foto: © Armin Levy

 

 

Unterstützt wurden die Glückwünsche von Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrates der Juden und der zweiten Bürgermeisterin der Stadt Hamburg, Katharina Fegebank, warmen, mahnenden aber auch humorvollen Worten zum Abschluss per Videobotschaft. „Sollten Sie an einer jüdischen Schule nicht genügend Humor mitbekommen haben, dann sollte doch etwas erheblich schiefgelaufen sein,“ – Dr. Josef Schuster

Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland | Foto: © Armin Levy

 

Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg | Foto: © Armin Levy

 

Rabbiner Shmuel Havlin erklärte die Bedeutung eines Anführers, erzählte aus der Geschichte der Tora und dankte den Eltern für ihre Geduld und Zusammenarbeit. „Das Beenden einer Sache führt sofort zum Beginn von etwas Neuem.“ – Rabbiner Shmuel Havlin

Rabbiner Shmuel Havlin, Rabbiner des Bildungshauses | Foto: © Armin Levy

 

Der US-Generalkonsular, Darion Akins, ermutigte die Abiturienten und Abiturientinnen dazu ihren eigenen Weg zu gehen: „Der heutige Tag ist ein Meilenstein in eurem Leben und der Geschichte eurer Schule. Ihr macht heute Geschichte. Die Welt braucht euch – junge, empathische Menschen, die die Welt mit ihren Taten inspirieren.“

 

USA Generalkonsul Darion Akins | Foto: © Armin Levy

 

Ties Rabe, Schulsenator in Hamburg, gratulierte den Schülern und Eltern für ihre Leistungen während der Corona Zeit und fand liebevolle Worte für die Schule: „Aus Turnbeutel werfenden Kindern werden charmante Abiturienten und Abiturientinnen. Das ist auch nicht von allein gekommen. Das ist ein Verdienst der Schüler, der Eltern und auch der Schule. Ich gratuliere auch einer Schule, die zurecht einen Platz in Hamburg hat.“

 

Schulsenator Ties Rabe | Foto: © Armin Levy

 

Elisabeth Friedler, Elternsprecherin, versuchte keine „typische Mütterrede“ zu halten. Stattdessen verglich sie den Weg zum Abitur als eine „nicht immer lustige“ Schifffahrt und bedankte sich herzlich bei der „Mannschaft“. Ein Dankeschön, welches so manches Tränchen ins Rollen brachte.

Dr. Carsten Brosda, Kultursenator der Stadt Hamburg schickte die besten Wünsche für die weitere Reise per Videobotschaft:Für Ihre Reise wünsche ich Ihnen ganz viel Kühnheit und Reiselust.“

Dr. Carsten Brosda, Kultursenator der Freien und Hansestadt Hamburg (SPD) | Foto: © Armin Levy

Und auch der Bundestagsabgeordnete der CDU, Christoph de Vries, wünschte den Abiturienten viel Erfolg per Videobotschaft

 

Christoph de Vries, Bundestagsabgeordnete (CDU) | Foto: © Armin Levy

 

Aber auch die Abiturienten kamen zu Wort. Der sympathisch nervöse Schülersprecher, Arthur Friedler, fand durchaus warme und lobende Worte für das Lehrerkollegium der Joseph-Carlebach-Schule. Aber auch die Security, Hausmeister und vor allem das Küchenteam wurden mit großem Lob und Dank bedacht. Liebevolle Worte fand er auch für seine Mitschüler: „Ich hoffe einfach, dass wir uns alle nicht aus den Augen verlieren.“

Dirk Kienscharf – Fraktionsvorsitzender der Hamburger SPD und Dr. Noga Hartmann, Vorstand der Schulleiterkonferenz Jüdischer Schulen im deutschsprachigen Raum schickten ihre Glückwünsche per Videobotschaft, bevor die Schulleiterin, Franziska von Maltzahn die Abiturientinnen und Abiturienten in ihre Zukunft verabschiedete.  Die Zeugnisse wurden durch den Oberstufenleiter Panagiotis Maltasiadis überreicht.

 

Dirk Kienscharf, Fraktionsvorsitzender der Hamburger SPD | Foto: © Armin Levy

 

Dr. Noga Hartmann, Vorstand der Schulleiterkonferenz Jüdischer Schulen im deutschsprachigen Raum | Foto: © Armin Levy

 

Doch was wäre eine solche Veranstaltung ohne die persönlichen Worte des Landesrabbiners Shlomo Bistritzky:

“Die mit Tränen säen, werden mit Lobliedern ernten

Im Sommer 2007 begann die Kooperation zwischen der Jüdischen Gemeinde und meiner Frau Chani und mir – es war die Gründung der Joseph-Carlebach-Schule in der Talmud Tora Schule mit 12 Schülerinnen und Schülern. Der Moment der Einschulung 2007 war sehr bewegend, weil in diesen Räumen wieder jüdische Schüler*innen ihren Unterricht erhalten sollten. Persönlich berührte es uns noch stärker, denn unsere Tochter lernte in den gleichen Räumen in denen mein Großvater 1932 eingeschult wurde.

Es war ein langer und schwerer Weg vor der Gründung das Vertrauen der Eltern zu erreichen und diese Schwierigkeiten wurden nach der Gründung nicht weniger, denn eine Schule zu gründen ist das eine, aber eine Schule zu erhalten ist das andere.

G-tt sei Dank erhalten heute nun die ersten Absolventen und Absolventinnen ihr Abitur und hierzu passt der Psalm 126 “Die mit Tränen säen, werden mit Lobliedern ernten”. Heute zählt die Schule über 170 Kinder. Meine Hoffnung ist, dass die Schule weiterwächst und mehr Vertrauen von mehr jüdischen Kindern erhält.

Den Abiturienten und Abiturientinnen wünsche ich viel Erfolg auf ihrem Weg. Ihr seid nun unsere Botschafter und Botschafterinnen auf der ganzen Welt.

Mazal Tov! “

 

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky | Foto: © Armin Levy

 

Wir, von RaawiראוויРаави  schließen uns diesen Worten an und wünschen den Absolventen des Jahrganges 2020 alles Gute für die Zukunft und gratulieren der Joseph-Carlebach-Schule zum besten Jahrgangsdurchschnitt der Stadtteilschulen Hamburgs.