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Liebe Freunde,

Wir gedenken heute der vielen Soldaten und anderen Menschen, die ihr Leben für ihre Mitmenschen in Israel opferten, damit wir als freie Menschen leben können.

Die meisten von Euch wissen, was es bedeutet, für ein Ideal zu kämpfen und wie es ist, sich für Andere auf zu opfern. Das waren die wirklichen Helden.

Wenn wir etwas für Andere tun, ist das sehr wichtig.

Gemilut Chessed – Du lernst, etwas für Andere übrig zu haben, den Anderen Wertschätzung zu beweisen.

WIR werden unsere Helden nicht vergessen. Aber eines Tages werden WIR nicht mehr da sein, UM NICHT zu vergessen. Und dann heisst es: „IHR solltet das nie vergessen“.

An die Geschehnisse könnt Ihr Euch nicht erinnern. Aber an die Erzählungen über das, was insgesamt geschehen war, an die Geschichte, da solltet Ihr Euch wohl erinnern.

Wir befinden uns in einer Geschichte, der Geschichte des Jüdischen Volkes, das eine Vergangenheit, ein Heute und eine Zukunft kennt.

Als die Ereignisse sich zugetragen hatten, waren sie noch keine Geschichte, keine Erzählungen mit einem Anfang und einem Ende.

Aber jetzt KÖNNEN wir zurückblicken und die Geschehnisse überschauen. Wir können sie in unsere Geschichte einordnen.

Wir überblicken eine lange, eine sehr lange Geschichte. Vor 3333 Jahren zogen wir aus Ägypten hinaus. Sklaven des Pharaos waren wir gewesen. Wir wurden befreit, wanderten 40 Jahre lang durch die unwegsame, trostlose Sinai-Wüste, um letztendlich Zugang und den Einzug nach Eretz Israel zu schaffen, woher unsere Awot, unsere Erzväter, herkamen.

Ha`Schem – G“tt hatte uns ein Land, in dem Milch und Honig fließt, versprochen. Aber auch schon damals fielen viele Soldaten bei der Eroberung des Gelobten Landes.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Am Sederabend habet Ihr es zusammen gehört und gesungen: BECHOL DOR WADOR OMDIM ALEJNU LECHALOTEJNU – in jeder Generation müssen wir einen Kampf austragen, der oft eine Verteidigung unseres Überlebens bedeutet.

Wir haben die Thora erhalten, sie angenommen, uns mit ihren Aussagen vertraut gemacht, diese verbreitet und erklärt.

Das macht unser Leben lebenswert. Deshalb müssen wir nicht nur uns selbst verteidigen, sondern auch unsere Thora. Nicht, weil wir so wichtig sind, sondern vielmehr, da unsere Normen und Werte, unsere Traditionen, unser Judentum, im Lauf der Geschichte die Quelle der Inspiration für fast der gesamten Menschheit wurde.

Am Israel Chaj! Wir haben eine lange Geschichte, wir haben ein Heute voller Zusagen für eine Zukunft, in der Eretz Israel der zentrale Ort sein wird, zu dem alle Weltbürger hinströmen werden: zum Har HaBajit, zum Tempelberg, auf dem einst unser Bejt HaMikdasch gestanden hatte, der Stolz von Am Israel, die Quelle der wahren Freude, zu der wir uns so sehr sehnen.

Wie haben Vetrauen in HaSchem. Am Israel beartsejnu hakedoscha chai!

Wenn wir das Wort FRIEDEN aussprechen, erzeugt das gegensätzliche Gefühle. FRIEDE steht im Mittelpunkt des jüdischen Denkens, hat aber einen doppelten Sinn oder Bedeutung. Wir möchten Frieden und strecken unsere Hände regelmäßig unseren Nachbarn entgegen, um Lösungen zu erreichen. Aber wir erreichen auch einen Punkt, an dem wir das Recht auf Selbstverteidigung haben und zu Aktionen gezwungen werden, um uns selber, unsere Familien und unser Hab und Gut in Sicherheit zu bringen.

Dieses widerspricht insgesamt unserem Auftrag als Volk. Wir sind das Volk des Buches – der Thora – und möchten es auch bleiben. Aber nicht selten werden wir in eine Lage gezwungen, in der wir – so wie in den Zeiten des Tenach, der Periode von Esra und Nechemja, vor 2500 Jahren – mit der einen Hand eine Kelle schwingen, um zu bauen, aber in der anderen Hand eine Waffe tragen müssen.

Dieses alles als Vorsorge gegen Menschen, die es in Wort, Schrift und Tat nicht gut mit uns meinen. Aus der Geschichte mussten wir leider die Lehren ziehen, dass wir die soeben erwähnten Wörter ernst zu nehmen haben.

Selbst unsere heiligste Hauptstadt Jeruschalajim wird nicht verschont, kann sich dem nicht entziehen. Die Geschichte und das Heute rund um unser Zentrum widerspiegeln die Lage Israels und das zerrissene Bild unseres Volkes. Heutzutage sind wir Zeugen einer sich hinschleppenden Tragödie um Israels Hauptstadt. Viele beanspruchen sie als IHRE Hauptstadt.

Vor mehr als dreitausend Jahren gründete König David dort das religiöse und politische Zentrum Israels. Für 50 Silber-Schekkel kaufte beziehungsweise erwarb David HaMelch die Dreschfläche von Arawna, also wo das Dreschen des Getreides erfolgte. Diese sollte später der Ort des Bejt HaMikdach – des Tempels – werden. David bezahlte dafür, denn „ich möchte nichts G“tt opfern, das mich nichts kostet“. Jeruschalajim wurde käuflich erworben und nicht erobert!!

Durch das Babylonische Exil nur  kurz unterbrochen, dauerte die jüdische Oberherrschaft mehr als Tausend Jahre, bis zur Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach der Zeitrechnung durch den Römer Titus.

Vor mehr als eintausendsechshundert Jahre wurde Jeruschalajim in ein christliches Zentrum umgewandelt. Im Jahre sechshundertachtunddreissig wurde sie durch den Kalifen Umar erobert. Später wurde Jeruschalajim durch die Kreuzritter erobert. In elfhundertachtundsiebzig vertrieb der kurdische Sultan Saladin die Kreuzritter. Die Mamelucken herrschten anschliessend ab 1250 bis 1517 und die Türken zwischen 1517 bis 1917.

Es ist auffallend, bei der vorhergehenden Aufzählung, dass Jeruschalajim für alle diese Eroberer nur eine Provinzstadt blieb. Ihre Hauptstädte lagen wo ganz anders. Aber für uns blieb Jeruschalajim während des zweitausendjährigen Exils – Golah – als unser Zentrum lebendig und in unseren Herzen.

Der Philosoph Emil Fackenheim hat es mal so schön verdeutlicht: “Für Juden ist Jeruschalajim gleich zu setzen mit zweitausend Jahren Sehnsucht. Sie bildet den Kern ihres Glaubens und ihrer Erwartung der Erlösung durch Maschiach. Zweitausend Jahre lang haben wir täglich drei Mal um Rückkehr gebetet.

Der Nobelpreisgewinner Samuel Agnon hat es so frei formuliert: als er den Nobelpreis erhielt, fragte ihn der schwedische König, wo er geboren sei. Agnon antwortete: “ich bin in Buksats geboren, aber das war in einem Traum. Eigentlich bin ich in Jeruschalajim geboren, wurde aber durch Titus, dem Römer, verschleppt”. Wer sollte uns erzählen, was unsere Hauptstadt ist? Wer sollte uns erzählen, wo sich Israels Grenzen befinden? Wir sind im Grunde nie weg gewesen!

Frieden steht auf unserer Wunschliste im obersten Bereich. Sicherheit steht jedoch noch höher vermerkt. Die neuesten Entwickelungen stimmen hoffnungsvoll, aber der Anti-Zionismus heutzutage, der seinen Kopf immer mehr hinaus steckt, ist außerordentlich deprimierend.

Wie haben Vertrauen in HaSchem. Am Israel beartsejnu hakedoscha chai!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: © Jan Feldman