Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat Äußerungen der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese scharf kritisiert. Albanese hatte den historischen Begriff „Muselmann“ aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern falsch gedeutet und daraus eine unzutreffende Erklärung des Wortes Antisemitismus abgeleitet. Inzwischen hat sie ihre Aussagen zurückgenommen und sich entschuldigt.
Ein Lagerbegriff wird zum Auslöser der Kontroverse
In einem Interview behauptete Albanese, Jüdinnen und Juden seien in Konzentrationslagern als „Muslime“ bezeichnet worden. Zugleich stellte sie Antisemitismus als einen Begriff dar, der ursprünglich den Hass auf verschiedene „semitische Völker“ beschrieben habe.
Der Ausdruck „Muselmann“ wurde tatsächlich in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern verwendet. Er bezeichnete jedoch Häftlinge, die durch Hunger und Erschöpfung dem Tod nahe waren. Er war keine Bezeichnung für jüdische Menschen als Gruppe und keine Kategorie der nationalsozialistischen Rassenideologie. Auch die Herkunft des Lagerbegriffs ist nicht abschließend geklärt.
Ebenso wenig lässt sich aus der sprachlichen Verwandtschaft verschiedener Völker eine andere Bedeutung von Antisemitismus ableiten. Der Begriff entstand im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für Judenfeindschaft.
Yad Vashem spricht von gefährlichem Geschichtsrevisionismus
Yad Vashem wirft Albanese vor, mit ihrer Deutung die gezielte Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten in eine allgemeine Feindschaft gegen nicht europäische oder nicht christliche Menschen umzudeuten. Die Gedenkstätte bezeichnete das als „offensichtlichen und gefährlichen Geschichtsrevisionismus“. Ihre Kritik richtet sich damit gegen mehr als einen falsch verstandenen Ausdruck: Sie betrifft die historische Einordnung des Holocaust.
Albanese räumt ihren Fehler ein
Am 28. September entschuldigte sich Albanese öffentlich. Sie erklärte, sie habe den Lagerbegriff „Muselmann“ falsch verstanden und daraus irrtümlich geschlossen, Antisemitismus habe ursprünglich Hass auf alle semitischen Völker bedeutet. Tatsächlich sei das Wort eigens für Judenfeindschaft geprägt worden, stellte sie klar.
Die Entschuldigung korrigiert die beiden falschen Aussagen. Die Kritik von Yad Vashem macht zugleich deutlich, warum historische Genauigkeit hier so wichtig ist: Wer über die Shoah spricht, muss zwischen der Sprache der Häftlinge, der Ideologie der Täter und der gezielten Vernichtung der europäischen Juden unterscheiden.
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