Streit um den Namen Lemkin: Familie fordert Untersuchung gegen umstrittenes Institut

Mann mit einer Krawatte vor einem hellen Hintergrund
Lesezeit: 2 Minuten

Der Name Raphael Lemkin steht wie kaum ein anderer für den Begriff Genozid. Der jüdische Jurist prägte das Wort und war eine zentrale Stimme bei der Entstehung der UN-Genozidkonvention von 1948. Nun ist sein Vermächtnis Gegenstand eines scharfen Konflikts – ausgelöst durch ein Institut, das seinen Namen trägt.

Familie Lemkin geht rechtlich vor

Angehörige der Familie Lemkin haben die Behörden im US-Bundesstaat Pennsylvania aufgefordert, das Lemkin Institute for Genocide Prevention zu untersuchen. Das Institut wurde 2021 gegründet und erweckt durch seinen Namen den Eindruck einer direkten Verbindung zu Raphael Lemkin. Nach Angaben der Familie geschah dies jedoch ohne ihre Zustimmung.

Joseph Lemkin, ein Verwandter des Juristen, ließ über seine Anwälte prüfen, ob das Institut den Namen und das Andenken Raphael Lemkins möglicherweise unrechtmäßig nutzt. Bereits seit dem vergangenen Jahr habe die Familie versucht, mit dem Institut in einen Dialog zu treten und eine Umbenennung zu erreichen – bislang ohne Erfolg.

Vorwürfe nach dem 7. Oktober

Besonders scharf wird der Konflikt vor dem Hintergrund der Ereignisse nach dem 7. Oktober 2023. Zehn Tage nach dem Massaker der Terrororganisation Hamas warf das Lemkin Institute Israel vor, einen Genozid an den Palästinensern zu begehen. Gleichzeitig relativierte das Institut später die Taten von Hamas am 7. Oktober und sprach nicht mehr von „genozidalen Dimensionen“, sondern von einer „beispiellosen militärischen Operation“.

Berichte über massive sexuelle Gewalt durch Hamas-Terroristen bezeichnete das Institut als Teil einer israelischen Rechtfertigungsstrategie. Über diese Positionsverschiebungen berichtete unter anderem das Washington Free Beacon.

Unterstützung aus der Wissenschaft

In der vergangenen Woche stellten sich mehr als 100 Wissenschaftler hinter die Familie Lemkin. In einem offenen Schreiben erklärten sie, man teile die Sorge, dass Extremisten den Namen Raphael Lemkins missbrauchten, um Israel anzugreifen. Das Institut, so heißt es in dem Brief, schade dem eigentlichen Vermächtnis eines Mannes, der den Begriff Genozid geschaffen habe, um Völkermord zu verhindern – nicht, um ihn politisch zu instrumentalisieren.

„Wir sind enttäuscht, dass das Lemkin Institute, offenbar ohne Zustimmung der Familie gegründet, genutzt wird, um Israel fälschlich des Genozids zu bezichtigen“, schreiben die Unterzeichner. Zugleich unterstützen sie ausdrücklich die Bemühungen der Familie, Lemkins Namen und Ideale zu schützen.

Reaktion des Instituts

Gegenüber der Times of Israel wies das Lemkin Institute die Vorwürfe zurück. Joseph Lemkin habe über eine Kanzlei Kontakt aufgenommen, man habe Gesprächsbereitschaft signalisiert, danach jedoch nichts mehr gehört. Zudem wirft das Institut Lemkin und der European Jewish Association, die ihn juristisch unterstützt, vor, eher an einer politischen Kampagne als an einer Lösung interessiert zu sein.

Das Institut betont außerdem, es gebe auch andere Mitglieder der Familie Lemkin, die seine Arbeit unterstützten.

Ein Vermächtnis unter Druck

Der Streit zeigt, wie umkämpft historische Begriffe und Namen im aktuellen politischen Diskurs geworden sind. Für die Familie Lemkin geht es dabei um mehr als einen Namen: Es geht um den Schutz eines Vermächtnisses, das aus der Erfahrung des Holocaust entstanden ist – und das, so ihre Kritik, heute von manchen Akteuren in sein Gegenteil verkehrt wird.

Copyright Image: By Center for Jewish History, NYC – https://www.flickr.com/photos/center_for_jewish_history/3698531453/, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94953230