Ein Argument kommt immer wieder, wenn ich Social Media Posts, vor allem auf Twitter, zum Thema Feminismus schreibe: „Hier in Deutschland und in westlichen Ländern ist es doch kein Thema mehr, die Frauen haben doch alle Rechte und Möglichkeiten“. Es kommen auch Kommentare wie: „Die Frauen sind emanzipiert genug. Sie brauchen keine Unterstützung von außen“, von Männern wie von Frauen.

Es gibt viele Gründe, die dazu beitragen, dass Frauen heute immer noch nicht gleichberechtigt sind, doch einen sehr wichtigen Grund fasst die US Amerikanischen Politikerin Reshma Saujani zusammen: „Boys are raised to be brave, girls are raised to be perfect“ (Jungs werden dazu erzogen, mutig zu sein, Mädchen werden dazu erzogen, perfekt zu sein). Als ich diesen Satz hörte, traf es mich wie ein Blitz. Genau das ist eines der großen Probleme. Und dieses Problem existiert nicht nur in Familien. In den meisten Kinderbüchern und Kinderfilmen sind die Frauen diejenigen, die den Haushalt machen und die Kinder versorgen, während die Männer die risikobereiten Macher sind. Bei etwas progressiveren Büchern und Filmen arbeiten die Frauen und sind zusätzlich Hausfrauen und kümmern sich um die Kinder, während die Männer auf Abendteuerjagd gehen.

Diese Erwartung an eine perfekte Frau habe ich erst dieses Jahr wieder selbst erlebt.

Als ich kurz vor meiner Vortragstour nach Deutschland auf dem Spielplatz einen Nachbar traf und sagte, dass ich für eine Woche nach Deutschland fliege und mein Mann mit den drei Kindern zu Hause bleibt, wunderte er sich, wie mein Mann das schaffen solle.
Ich erwiderte: „Wenn mein Mann auf Geschäftsreise ist, kümmere ich mich ja auch alleine um die drei Kinder.“ Sein Argument war: „Das ist nicht dasselbe. Er ist doch keine Mutter.“
Mädchen wachsen immer noch im Selbstverständnis auf, dass sie alles auf einmal sein müssen und das perfekt beherrschen sollten. Und wenn sich die Frau dazu entschließt Karriere zu machen, soll sie gefälligst auch noch eine perfekte Mutter und Hausfrau sein.
Auch die Risikobereitschaft, die wir in Jungs besonders fördern, spiegelt sich später unter anderem wider, wenn es darum geht, wer Startups, Unternehmen und Innovationen gründet und entwickelt. Female Founders Monitor 2020 hat im aktuellen Bericht festgestellt, dass nur 16% der Startups von Frauen gegründet wurden.

Früher waren die Themen Feminismus und Female Empowerment nicht in meinem Bewusstsein. Eine Feministin bin ich erst, seit ich Mutter geworden bin. Ein Grund dafür ist, dass ich in einer Familie mit starken Frauen aufgewachsen bin und wusste mich als Mädchen und als junge Frau immer durchzusetzen.

Doch als ich dann als Mutter und Business-Frau mit dem Thema Female Empowerment konfrontiert wurde, war ich schockiert zu sehen, wie weit wir auch als westliche Gesellschaft davon entfernt sind, Frauen als gleichwertig zu behandeln. Bereits mein erster Job nach der Geburt meines ersten Kindes in einer großen Organisation zeigte mir, mit welchen Vorurteilen Frauen in der Berufswelt konfrontiert sind. Mein Job war eher kreativer Natur. Mein Chef kam eines Tages zu mir und sagte: „könntest du nicht mal meine Papiere sortieren? Ihr Frauen seid doch so gut darin.“ Ich dachte: „Bin ich deine Sekretärin? Warum soll ich jetzt deine Unterlagen sortieren? Das hat nichts mit meinem Job zu tun! Und was soll heißen, ich könne es besser als Frau?“ Aber ich sagte nur: „Mal sehen, ob ich Zeit dafür habe“.

Viele Female Empowerment Gegner argumentieren, dass sich die Frauen doch selbst durchsetzen können, wenn sie es denn wollen. In den letzten Wochen gab es in den Medien drei Themen, die die Diskussion um Stellung der Frauen in der Gesellschaft und um Female Empowerment wieder angeheizt haben, und gezeigt haben, dass ein angeblich mangelndes Durchsetzungsvermögen der Frauen nicht das Problem ist.

Als erstes hat die Allbright Stiftung einen Bericht vorgelegt, in dem sie den Frauenanteil in den 100 größten deutschen Familienunternehmen analysiert haben. Kaum zu glauben, dass nur 7% der Geshäftsführungsmitglieder weiblich sind. Wenn man das Argument also hier anwendet, heißt es, dass nur ein Paar einzelne Frauen die Geschäftsführung übernehmen wollen. Das ist eine arrogante und realitätsferne Behauptung. Gerade in Unternehmen wird Vieles über Männerseilschaften entschieden, das habe ich nicht selten beobachtet. Und ja, weil die Frauen viel zu oft im Job von den Männern  eingeschüchtert und nicht ernst genommen werden, sind die meisten Frauen nicht risikobereit genug, sich in einen Konflikt und Kampf um eine höhere Position zu stürzen.

Als zweites kam der Hashtag #Stayonboard auf. Die 36-Jährige Delia Lachance, die sowohl Vorstandsmitglied als auch Chief Creative Officer des Unternehmens Westwing war, war gezwungen, ihr Amt als Vorstandsmitglied niederzulegen, weil sie im März zum ersten Mal Mutter geworden ist und es in Deutschland rechtlich nicht möglich ist, als Vorstandsmitglied krankheitsbedingt oder im Mutterschutz eine Pause zu machen.

Hier sehen wir so deutlich, dass es nicht am Willen der Frauen mangelt, sondern an ganz existenziellen Voraussetzungen. Eine Frau ist, anders als der Mann, körperlich nicht dazu in der Lage, direkt nach der Geburt eines Kindes aufzuspringen und zur Arbeit oder zu einem Treffen des Vorstandes zu rennen.

Und drittens: Die CDU beschliesst eine Frauenquote für die Listenplätze auf Wahlzetteln. Endlich!
Ich kenne viel zu viele Fälle, in denen Frauen, die viel besser und qualifizierter in ihrem Job waren und trotzdem nicht befördert wurden oder keine Wertschätzung erfahren haben, während ihre männlichen, weniger qualifizierten Kollegen befördert wurden. Deswegen halte ich die Frauenquote für eine richtige Übergangslösung, um diese Ungerechtigkeit auszugleichen. Die Quote soll solange bestehen, bis Frauen im allgemeinen ähnliche Chancen im Berufsleben wie Männer haben.
Zusätzlich werden Initiativen wie etwa „Global Digital Women“ gebraucht, die den Unternehmen die Vorteile der Diversität deutlich machen.

Ist die Frauenquote die ultimative Lösung?

Natürlich nicht. Man bekämpft eine alte Ungerechtigkeit mit einer neuen. Aber mittelfristig kann sie dafür sorgen, dass die kompetenten Frauen nicht übergangen werden und ernst genommen werden.

Bei dem Media Summit „Startup Media TLV“ https://www.media-tlv.com, den Dr. Susanne Glass und ich zusammen gegründet haben, haben wir darauf geachtet, dass der Frauenanteil in den Paneldiskussionen etwa 50% ist und ihr werdet es nicht glauben, wir haben jede Menge tolle und kompetente Frauen zu jedem Thema gefunden. Man darf nur nicht die Augen verschliessen!

 

 

© Michal Sela