„Wir sind sehr wenige Leute, die meisten sind schon nicht mehr da. Noch fünf Jahre, sechs Jahre und dann ist Schluss. Die Überlebenden sind nicht mehr auf dieser Welt.“ Das sagte Naftali Fürst bei dem ersten israelisch-europäischen Media Summit TLV, den Susanne Glass und ich ins Leben gerufen haben. Diese traurige Realität kommt nicht überraschend. Die Generation der Holocaust-Überlebenden verschwindet wie ein Licht, das immer gedämpfter wird. Für die Juden, aber auch für die Deutschen ist dieses Licht jedoch unglaublich kostbar. Es hilft, dass wir Juden unser Trauma von Verlust und die übrigen Deutschen ihre Verantwortung aufarbeiten können.

Was können wir tun, solange die Überlebenden noch da sind?

Unterstützung jeder Art für die Überlebenden ist sehr wichtig. Naftali Fürst ist einer von den Holocaust-Überlebenden, die die Reparationszahlungen aus Deutschland abgelehnt haben. Naftali argumentierte, dass kein Geld von der deutschen Regierung wieder gutmachen kann, was ihm und seiner Familie angetan wurde. Aber ob mit oder ohne Reparationszahlungen leben sehr viele Überlebende in Israel an oder unter der Armutsgrenze. Umso wichtiger ist es, dass es Projekte gibt, wie das von Keren Hayesod Deutschland, die gerade ein neues Altersheim für die Überlebenden in Israel bauen.

Naftali lehnte nicht nur Geld aus Deutschland ab, er legte auch seine Muttersprache ab. Nach 50 Jahren begann er wieder, Deutsch zu sprechen, um seine Geschichte zu erzählen. Es ist unsere Verpflichtung, zuzuhören, so lange es noch geht.

Wie können wir diese gemeinsame Aufarbeitung und Erinnerung für die weiteren Generationen sichern?

Ich gehöre zwar bereits der vierten Generation nach dem Holocaust an, habe aber meine Urgroßmutter noch selbst erlebt. Sie starb im Alter von 93 Jahren, als ich 25 und hochschwanger mit meinem ersten Kind war. Sie erzählte, als ich noch ein Kind war, was sie und ihre Familie während des Holocausts durchlitten haben. Ich verstand es nur halb, aber die Bilder, die sich dabei in meinem kindlichen Kopf abspielten, haben sich eingebrannt. Vor allem die Geschichte, wie unsere Familie in der Ukraine von den „Einsatzgruppen“ lebendig begraben wurde. Diese Geschichten hat bisher keiner aus unserer Familie aufgeschrieben. Das will ich nächstes Jahr nachholen und auch alle Namen bei Yad Vashem in die Datenbank eintragen.

Diese persönlichen Geschichten von Holocaust-Überlebenden, die Menschen sehr tief berühren, sind unersetzbar und müssen aufgeschrieben werden. So können wir sie weitererzählen, auch wenn die Zeitzeugen selbst nicht mehr am Leben sind.

Welche Rolle spielen dabei die zweite, dritte, vierte Generation nach dem Holocaust?

Wir müssen auch darüber reden, welche Aufgaben die zweite, dritte und vierte Generationen bewältigen können und müssen. In einer biologischen Studie in den USA wurde nachgewiesen, dass das Holocaust-Trauma an die Kinder wie Gene vererbt wird. Mit diesem auch biologischen Trauma und dem Trauma der Familiengeschichten müssen wir die Nachkommen leben und umgehen lernen. Es ist dabei wertvoll, dass die Generationen diese Geschichten teilen. Viele Schulkinder in Deutschland haben mal eine Veranstaltung in der Schule erlebt, wo Holocaust-Überlebende ihre Geschichte erzählen. Ich würde mir wünschen, dass jetzt die nächsten Generationen diese Aufgabe langsam übernehmen. Denn laut einer Umfrage des Senders CNN gaben rund 40 Prozent der deutschen Jugendlichen zwischen 18 bis 34 Jahren an, “wenig” oder “gar nichts” über den Holocaust zu wissen.

Wie kann man die sozialen Netzwerke dafür nutzen?

Die meisten von uns verbringen mehrere Stunden am Tag in den sozialen Netzwerken, ob für die Arbeit oder zum Vergnügen. Deshalb muss die Holocaust-Erinnerung selbstverständlich auch dort stattfinden.

Projekte wie Evas Story, die auf Instagram aus der Ich-Perspektive in Echtzeit das Schicksal eines jungen jüdischen Mädchens dokumentierte, die im Holocaust ermordet wurde, sind wichtig, um die Menschen auf Social Media zu erreichen. Auch das Auschwitz-Museum ist aktiv auf Twitter und berichtet von den Schicksalen der Opfer mit Bildern und Text. Und wir alle können unseren Teil beitragen. Die Menschen müssen verstehen, dass die Nachwirkungen und Traumata des Holocaust bis heute direkt Menschen wie mich und alle anderen Nachkommen von Opfern betreffen und es keinen Schlussstrich geben kann.

 

Link zum Panel „3 generations, 3 perspectives“:

Mehr Info zum Media Summit TLV:

https://www.media-tlv.com

 

© Foto: Michal Sela