Polen hat 91 jüdische religiöse und zeremonielle Gegenstände an Griechenland zurückgegeben, die während der NS-Zeit geraubt worden waren und jahrzehntelang in polnischem Besitz verblieben. Die Rückgabe wurde am Mittwoch bei einer feierlichen Zeremonie in Warschau vollzogen. Es ist das erste Mal, dass Polen Kulturgüter restituiert, die illegal aus einem anderen Land entwendet und anschließend unter staatlicher Obhut aufbewahrt wurden.
Zu den zurückgegebenen Objekten gehören unter anderem Torarollen, ein Toramantel sowie silberne Rimonim – Zieraufsätze, die die Holzrollen einer Torarolle schmücken. Diese Gegenstände sind nicht nur religiöse Artefakte, sondern auch bedeutende Zeugnisse der jüdischen Geschichte Griechenlands, deren kulturelles Leben durch die Shoah nahezu ausgelöscht wurde.
Raub aus den Synagogen von Thessaloniki
Die Kultgegenstände stammen ursprünglich aus Synagogen in Thessaloniki. Die Hafenstadt galt einst als „Jerusalem des Balkans“. Noch im Jahr 1919 stellten Juden etwa die Hälfte der Bevölkerung der Stadt. Während der Shoah wurden jedoch rund 59.000 griechische Juden ermordet – mehr als 83 Prozent der damaligen jüdischen Bevölkerung des Landes.
Die Artefakte wurden 1941 von der nationalsozialistischen Rauborganisation Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg beschlagnahmt. Diese Einheit war darauf spezialisiert, jüdische Wertgegenstände sowie Kulturgüter aus Häusern, Synagogen, Friedhöfen und kulturellen Einrichtungen in den besetzten Gebieten Europas zu plündern.
Nach der Beschlagnahmung gelangten die Objekte in Depots der Nationalsozialisten im heutigen Südwesten Polens. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden sie in einem Schloss im Ort Bożków wiederentdeckt. 1951 brachte das polnische Kulturministerium die Sammlung in das Jüdische Historische Institut in Warschau, wo sie mehr als sieben Jahrzehnte aufbewahrt wurde.
Rückkehr nach Griechenland
Die Rückgabe ist das Ergebnis jahrelanger Forschung zur Herkunft der Objekte sowie diplomatischer Bemühungen. Die griechische Regierung stellte 2024 offiziell einen Antrag auf Rückgabe der Sammlung. Die World Jewish Restitution Organization (WJRO) koordinierte anschließend die Zusammenarbeit zwischen den griechischen und polnischen Behörden.
Die Kultgegenstände sollen nun im Jüdischen Museum von Griechenland in Athen ausgestellt werden, wo sie künftig als Zeugnisse der jüdischen Geschichte des Landes erhalten bleiben.
Heute leben noch etwa 5.000 Juden in Griechenland.
Restitution bleibt in Polen ein sensibles Thema
Trotz dieser symbolischen Rückgabe bleibt die Frage der Restitution von während der NS-Zeit geraubtem Eigentum in Polen politisch umstritten. Polen ist das einzige Mitglied der Europäischen Union, das kein umfassendes Gesetz zur Rückgabe von während der deutschen Besatzung beschlagnahmtem und später vom kommunistischen Staat verstaatlichtem Eigentum verabschiedet hat.
Seit dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 wurden mehrere Gesetzesinitiativen zur Rückgabe von Eigentum an Holocaustüberlebende und ihre Nachfahren vorgeschlagen, jedoch nie verabschiedet.
Im Jahr 2021 verabschiedete Polen zudem ein Gesetz, das es praktisch unmöglich macht, Verwaltungsentscheidungen anzufechten, die älter als 30 Jahre sind. Diese Frist erschwert es ehemaligen Eigentümern und ihren Nachfahren erheblich, während der kommunistischen Ära enteignete Immobilien zurückzufordern.
„Ein wichtiger Schritt zur historischen Gerechtigkeit“
Vertreter der World Jewish Restitution Organization bezeichneten die Rückgabe der griechisch-jüdischen Sammlung als wichtigen Schritt internationaler Zusammenarbeit.
„Während Polen weiterhin umfassendere Fragen der Restitution klären muss, hoffen wir, dass dieser historische Akt den Beginn eines konsequenten und systematischen Umgangs mit historischer Gerechtigkeit markiert“, erklärten WJRO-Präsident Gideon Taylor und COO Mark Weitzman in einer gemeinsamen Stellungnahme.
Die Rückgabe der Kultgegenstände ist damit nicht nur eine symbolische Geste zwischen zwei Staaten, sondern auch ein Erinnerungsakt: ein Teil des kulturellen Erbes der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki kehrt nach mehr als 80 Jahren an seinen historischen Ursprung zurück.
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