65 Jahre Mauerbau: Als die Mauer auch das jüdische Berlin zerschnitt

Ein jüdischer Kantor mit Kippa und Gebetbuch steht vor einem Grenzübergang der Berliner Mauer. Auf beiden Seiten sind Synagogen und Gemeindemitglieder zu sehen. Unten rechts steht „AI GENERATED“.
Lesezeit: 5 Minuten

Am 13. August 1961 riegelte die DDR die Grenze zu West-Berlin ab. Für jüdische Berlinerinnen und Berliner trennte die Mauer nicht nur Menschen, sondern auch Synagogen, Friedhöfe und Erinnerungsorte. Sie besiegelte eine Spaltung, die bereits Jahre zuvor begonnen hatte – und die dennoch nie alle Verbindungen kappen konnte.

Der Schreck am Frühstückstisch

Estrongo Nachama saß mit seiner Familie beim Frühstück in Venedig, als im Fernsehen die Nachricht vom Mauerbau kam. Sein Sohn Andreas, damals zehn Jahre alt, erinnerte sich später an den Moment: Dem Vater sei vor Schreck der Löffel aus der Hand gefallen. Die Familie wusste nicht, ob sie überhaupt nach West-Berlin zurückkehren konnte.

Nachama hatte Auschwitz überlebt und war Kantor der West-Berliner Jüdischen Gemeinde. Was in jener Nacht in Berlin begann, betraf ihn deshalb nicht nur als Einwohner einer bedrohten Stadt. Es stellte auch die Frage, ob jüdisches Gemeindeleben, das sich nach der Schoa mühsam neu formiert hatte, ein weiteres Mal auseinandergerissen würde.

In der Nacht zum 13. August 1961 unterbrachen bewaffnete Einheiten der DDR den Verkehr zwischen Ost- und West-Berlin. Straßen wurden gesperrt, Schienenverbindungen gekappt, Stacheldraht ausgerollt. Aus den provisorischen Sperren entstand eine immer stärker ausgebaute Grenzanlage rund um West-Berlin. Mindestens 140 Menschen verloren bis 1989 allein an der Berliner Mauer ihr Leben.

Die Teilung begann vor der Mauer

Für die jüdische Gemeinschaft begann die Trennung allerdings nicht erst 1961. Nach dem Krieg hatte sich in der Vier-Sektoren-Stadt zunächst wieder eine Gesamtberliner Jüdische Gemeinde gebildet. Ihr Sitz lag in der Oranienburger Straße im sowjetischen Sektor. Hier fanden Überlebende, aus dem Exil Zurückgekehrte und Menschen, die im Untergrund oder in sogenannten Mischehen überlebt hatten, erste Unterstützung und Gemeinschaft.

Doch Anfang der 1950er-Jahre erreichten die stalinistischen Kampagnen gegen angebliche „Zionisten“ und „westliche Agenten“ auch die DDR. Nach dem antisemitisch aufgeladenen Slánský-Prozess in Prag wurden jüdische Funktionäre verhört, Gemeindebüros durchsucht und Unterlagen beschlagnahmt. Viele Gemeindevorstände und Hunderte Mitglieder flohen nach West-Berlin. Innerhalb weniger Monate verloren die jüdischen Gemeinden in der DDR etwa ein Drittel ihrer Mitglieder. 1953 zerfiel die Berliner Gemeinde endgültig in einen östlichen und einen westlichen Teil.

Der Mauerbau schuf diese Spaltung also nicht. Er machte sie aus Beton, Stacheldraht und Passierscheinen unumkehrbar. Aus einer politischen und organisatorischen Trennung wurde eine Grenze, die den Alltag, die religiöse Praxis und familiäre Beziehungen bestimmte.

Zwei Zentren, eine Geschichte

Im Westen entwickelte sich das 1959 eingeweihte Gemeindehaus in der Fasanenstraße unter dem Vorsitz von Heinz Galinski zum kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt. Die Jüdische Gemeinde bezeichnet es bis heute als ihr damaliges „Wohnzimmer“. In Ost-Berlin fanden die wöchentlichen Schabbatgottesdienste in der Synagoge Rykestraße statt. Rabbiner Martin Riesenburger betreute die Gemeinden in der DDR bis zu seinem Tod 1965.

Auch die Orte der Erinnerung lagen nun auf verschiedenen Seiten. Der Jüdische Friedhof Weißensee mit mehr als 115.000 Grabstätten befand sich im Osten der Stadt. Bereits 1955 hatte die Westgemeinde an der Heerstraße einen eigenen Friedhof eingerichtet – eine direkte Folge der sich verschärfenden Teilung und des erschwerten Zugangs nach Weißensee. Die Grenze trennte damit nicht nur die Lebenden. Sie veränderte auch, wo Menschen trauern, Angehörige bestatten und familiäre Geschichte aufsuchen konnten.

Die Bedingungen auf beiden Seiten unterschieden sich deutlich, doch eine einfache Gegenüberstellung greift zu kurz. In der DDR durften die Gemeinden religiöse Aufgaben erfüllen, blieben aber klein, überaltert, finanziell vom Staat abhängig und politisch kontrolliert. Die offizielle Erinnerung rückte vor allem den kommunistischen Widerstand in den Mittelpunkt. Die spezifisch jüdische Verfolgung wurde zwar nicht vollständig verschwiegen, aber häufig verallgemeinert. Entschädigung und eine umfassende Rückgabe geraubten Eigentums lehnte die DDR weitgehend ab.

Auch West-Berlin war für Jüdinnen und Juden kein unbelasteter Gegenentwurf. Viele lebten weiterhin inmitten der Gesellschaft, die sie verfolgt oder der Verfolgung zugesehen hatte. Antisemitische Ressentiments bestanden fort, die Entscheidung zu bleiben galt vielen als Leben in einer „unmöglichen Heimat“. Gerade deshalb waren die neu aufgebauten Einrichtungen mehr als religiöse Orte: Sie schufen Schutz, Zugehörigkeit und eine Öffentlichkeit für jüdisches Leben.

Ein Kantor überschreitet die Grenze

Trotz der Mauer rissen die Kontakte nicht vollständig ab. Estrongo Nachama besaß einen griechischen Pass. Dadurch konnte er weiterhin von West- nach Ost-Berlin fahren – nach der Erinnerung seines Sohnes zweimal in der Woche. Er leitete Gottesdienste, sprach auf Beerdigungen und sang beim jährlichen Synagogenkonzert. Gemeinsam mit Martin Riesenburger und Heinz Galinski hielt er eine Verbindung aufrecht, die der Staat erschweren, aber nicht ganz unterbinden konnte.

Wenige Tage nach dem 13. August schrieb Hendrik van Dam, damals Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Die Entfernung von wenigen Kilometern wird unermesslich.“ Für viele jüdische Berliner lag der Vergleich mit Jerusalem nahe, dessen Ostteil von 1948 bis 1967 für Jüdinnen und Juden nicht zugänglich war. Die Mauer teilte Berlin nicht nur geografisch. Sie machte Nähe unerreichbar.

Die jüdische Dimension der deutschen Teilung zeigt sich auch an Kurt Lichtenstein. Der Berliner Journalist stammte aus einer jüdischen Familie, war Kommunist, Spanienkämpfer und später Kritiker der Partei. Im Oktober 1961 reiste er für eine Reportage entlang der innerdeutschen Grenze. Nahe Zicherie wurde er von DDR-Grenzposten erschossen. Er war der erste Mensch, der nach dem Mauerbau an der innerdeutschen Grenze getötet wurde.

Was der 13. August sichtbar macht

Heute, 65 Jahre nach dem Mauerbau, wird vor allem an Flucht, Repression und die Toten der Grenze erinnert. Zur Geschichte des 13. August gehört aber auch das jüdische Berlin: eine Gemeinschaft, die nach der Schoa kaum wieder Fuß gefasst hatte und schon wenige Jahre später durch Stalinismus, Kalten Krieg und Mauer erneut zerrissen wurde.

Dass jüdisches Leben auf beiden Seiten weiterbestand, war keine Selbstverständlichkeit. Es lag an Menschen, die beteten, lehrten, sangen, Beerdigungen begleiteten und Beziehungen pflegten – oft unter schwierigen Bedingungen. Die Mauer konnte Wege versperren und Institutionen trennen. Sie konnte jedoch nicht vollständig verhindern, dass sich Menschen weiterhin als Teil einer gemeinsamen Geschichte verstanden.

Gerade darin liegt eine wenig erzählte Erinnerung an den 13. August 1961: Grenzen schneiden nicht nur Territorien auseinander. Sie greifen in Biografien, Traditionen und Gedächtnis ein. Und manchmal wird Widerstand gegen sie nicht allein durch spektakuläre Fluchten sichtbar, sondern auch durch einen Kantor, der immer wieder die Grenze überquert, um auf der anderen Seite zu singen.

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