Noah Wyle gewinnt Emmy für eine der jüdischsten Arztfiguren im Fernsehen

: Goldbeleuchtete Bühne einer Fernsehpreisverleihung mit blauem Vorhang und Konfetti.
Lesezeit: 3 Minuten

Noah Wyle ist erneut mit einem Emmy ausgezeichnet worden. Bei der Verleihung am Montagabend erhielt der Schauspieler zum zweiten Mal in Folge den Preis als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie. Auch „The Pitt“, das vielfach gelobte Krankenhausdrama von HBO Max, wurde wie schon im Vorjahr zur besten Dramaserie gekürt.

Für Wyle, der bereits in den 1990er-Jahren als Dr. John Carter in „Emergency Room“ Fernsehgeschichte schrieb, ist die Rolle des Dr. Michael „Robby“ Robinavitch dennoch mehr als eine Rückkehr in vertrautes Terrain. Robinavitch ist kein strahlender Fernseharzt, der selbst in größter Hektik stets die Kontrolle behält, sondern ein erschöpfter, von Verlusten und beruflichen Traumata gezeichneter Mediziner, dessen jüdische Identität nicht als dekorative Hintergrundinformation behandelt wird. Sie gehört zu seiner Biografie, tritt manchmal deutlich hervor und bleibt an anderen Stellen leise, widersprüchlich und tastend.

In seiner Dankesrede erinnerte Wyle daran, wie er in Los Angeles aufgewachsen sei und schon früh davon geträumt habe, Schauspieler zu werden. „Das ist alles, was ich jemals tun wollte, und dies ist der einzige Club, dem ich jemals angehören wollte“, sagte er bei der Verleihung. Die Television Academy bestätigte seinen zweiten Sieg in Folge. Zugleich markiert die Auszeichnung einen weiteren Erfolg für eine Figur, die jüdisches Leben im amerikanischen Fernsehen ungewöhnlich vielschichtig verkörpert.

Bereits in der ersten Staffel gab es einen jener kurzen Momente, die mehr über einen Menschen erzählen als jede ausführliche Hintergrundgeschichte. An einem persönlichen Tiefpunkt sprach Robby das Schma Jisrael. Die Szene wirkte weder erklärend noch demonstrativ. Sie zeigte einen Menschen, der in äußerster Not auf Worte zurückgreift, die tief in ihm verankert sind – unabhängig davon, wie sicher oder unsicher sein Verhältnis zum Glauben im Alltag sein mag.

Wyle selbst beschrieb diesen Moment später als beinahe kindlichen Hilferuf. Robby ringe mit seinem Glauben und möglicherweise sogar mit der Frage, ob er überhaupt glaube. Gerade darin liegt die Stärke der Figur: Ihr Jüdischsein wird nicht auf religiöse Gewissheit reduziert. Es zeigt sich ebenso in Erinnerung, Sprache, Herkunft und innerem Konflikt. Robby muss weder besonders fromm sein noch seine Identität erklären, damit sie einen erkennbaren Teil seines Lebens bildet.

In der zweiten Staffel vertiefte „The Pitt“ diese Ebene. Eine von Wyle selbst geschriebene Episode griff den antisemitischen Anschlag auf die Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh auf, bei dem am 27. Oktober 2018 elf Menschen ermordet wurden. Da die Serie in Pittsburgh spielt, gehört dieses Verbrechen auch zur jüngeren Geschichte der Stadt, in der ihre Figuren leben und arbeiten. Die Episode verband Robbys persönliche Auseinandersetzung mit dem Anschlag zugleich mit der Solidarität muslimischer Menschen, die nach dem Attentat Geld für die Opfer und ihre Familien sammelten.

Wyle erklärte, die Serie habe diesen Aspekt bewusst zeigen wollen, weil gerade die Unterstützung aus der muslimischen Gemeinschaft in der öffentlichen Erinnerung viel zu wenig Beachtung gefunden habe. Damit erzählt „The Pitt“ nicht nur von antisemitischer Gewalt, sondern auch von der Möglichkeit einer Verbundenheit, die religiöse und gesellschaftliche Grenzen überschreitet.

Solche Geschichten sind im Fernsehen noch immer nicht selbstverständlich. Jüdische Figuren erscheinen häufig entweder als deutlich erkennbare Vertreter religiösen Lebens oder als Charaktere, deren Herkunft kaum mehr als eine beiläufige Information bleibt. Robby entzieht sich beiden Mustern. Sein Jüdischsein bestimmt nicht jede seiner Handlungen, verschwindet aber auch nicht, sobald es für die Handlung unbequem wird. Es begleitet ihn durch Trauer, Zweifel und jene Augenblicke, in denen ein Mensch nach Worten sucht, die älter sind als seine gegenwärtige Verzweiflung.

Der Emmy würdigt Noah Wyles schauspielerische Leistung. Dass mit ihm erneut eine so komplex gezeichnete jüdische Figur ausgezeichnet wurde, gibt dem Erfolg jedoch eine zusätzliche Bedeutung. Dr. Robinavitch ist nicht deshalb glaubwürdig, weil er für eine bestimmte Form jüdischer Identität steht, sondern weil er keine eindeutigen Antworten besitzt. Er glaubt und zweifelt, erinnert und verdrängt, hilft anderen und weiß selbst oft nicht, wie er mit den eigenen Verletzungen umgehen soll.

Vielleicht gehört er gerade deshalb zu den jüdischsten Ärzten, die derzeit im Fernsehen zu sehen sind.

Raawi ist unabhängig.
Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, kannst du helfen, dass solche Inhalte weiterhin entstehen.
Werde Teil der Raawi-Community.

Raawi unterstützen