Vor 50 Jahren gelang israelischen Spezialeinheiten mit der Befreiung jüdischer Geiseln in Uganda eine der spektakulärsten Rettungsaktionen der Geschichte. Doch ein Mann, der entscheidend zum Erfolg der Mission beitrug, blieb weitgehend unbekannt. Die neue Dokumentation „To Kill a Nazi“ erzählt die außergewöhnliche Geschichte von Michel Cojot, dessen Leben von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, dem Wunsch nach Gerechtigkeit und einer schicksalhaften Flugzeugentführung geprägt war.
Ein Held, den die Geschichte beinahe vergessen hätte
Als israelische Spezialeinheiten in der Nacht zum 4. Juli 1976 auf dem Flughafen Entebbe in Uganda landeten, begann eine der kühnsten Geiselbefreiungen des 20. Jahrhunderts. Innerhalb kürzester Zeit gelang es ihnen, mehr als 100 Menschen aus der Gewalt palästinensischer und deutscher Terroristen zu befreien. Die Operation wurde weltweit zum Symbol israelischer Entschlossenheit und militärischer Präzision.
Bis heute ist vor allem der Name Yonatan Netanyahu mit der Rettungsaktion verbunden. Der ältere Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu führte die israelischen Kommandos an und verlor während des Einsatzes sein Leben.
Doch hinter der bekannten Geschichte verbirgt sich das Schicksal eines anderen Mannes, ohne dessen Mut die Befreiung möglicherweise einen anderen Verlauf genommen hätte: Michel Cojot, ein französischer Jude, Holocaust-Überlebender und Vater, der sich gemeinsam mit seinem zwölfjährigen Sohn unter den Geiseln befand.
Der israelisch-amerikanische Filmemacher Boaz Dvir widmet Cojot nun die Dokumentation „To Kill a Nazi“. Der Film zeichnet das Leben eines Mannes nach, der zunächst einen nationalsozialistischen Kriegsverbrecher zur Rechenschaft ziehen wollte und wenig später selbst in eine Situation geriet, in der er über das Schicksal zahlreicher Menschen mitentscheiden konnte.
Die Suche nach dem Mörder seines Vaters
Michel Cojots Geschichte beginnt lange vor den Ereignissen von Entebbe. Während des Holocaust wurde sein Vater von den Nationalsozialisten verhaftet und später in Auschwitz ermordet. Einer der Männer, die für seine Verfolgung verantwortlich waren, war Klaus Barbie, der berüchtigte Gestapo-Chef von Lyon, der wegen seiner Grausamkeit als „Schlächter von Lyon“ bekannt wurde.
Für Cojot blieb der Verlust seines Vaters eine lebenslange Wunde. Jahrzehnte nach dem Krieg machte er sich auf die Suche nach Barbie, der nach Südamerika geflohen war und dort lange Zeit unbehelligt lebte.
1975 erhielt Cojot die Gelegenheit, dem ehemaligen NS-Verbrecher persönlich gegenüberzutreten. Er hatte den Entschluss gefasst, den Mann zu töten, den er für das Schicksal seines Vaters mitverantwortlich machte. Doch als der entscheidende Moment gekommen war, führte er seinen Plan nicht aus.
Diese Begegnung und die Frage, weshalb Cojot auf seine Rache verzichtete, bilden einen wesentlichen Teil der Dokumentation. Sie erzählen von einem Überlebenden, dessen Leben auch drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer vom Holocaust bestimmt wurde.
Was Cojot damals nicht ahnen konnte: Nur ein Jahr später sollte er erneut vor einer Entscheidung stehen, bei der Mut, Verantwortung und das eigene Überleben auf dem Spiel standen.
Eine Flugreise wird zum Albtraum
Am 27. Juni 1976 bestieg Michel Cojot gemeinsam mit seinem zwölfjährigen Sohn Olivier den Air-France-Flug 139 von Tel Aviv nach Paris. Nach einem Zwischenstopp in Athen übernahmen vier bewaffnete Terroristen die Kontrolle über das Flugzeug. Zwei von ihnen waren Palästinenser, die beiden anderen Deutsche.
Die Entführer zwangen die Piloten, über Libyen nach Uganda zu fliegen. Auf dem Flughafen Entebbe wurden die Passagiere in einem alten Terminal festgehalten. Dort trennten die Terroristen schließlich die israelischen und einen Teil der jüdischen Passagiere von den übrigen Geiseln.
Für viele der Betroffenen weckte diese Selektion erschütternde Erinnerungen an die nationalsozialistische Judenverfolgung. Dass sich unter den Entführern auch Deutsche befanden, verstärkte die historische Dimension der Ereignisse.
Während die Terroristen die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen forderten und mit der Ermordung der Geiseln drohten, versuchte die israelische Regierung fieberhaft, einen Ausweg aus der Krise zu finden.
Mitten in dieser Situation befand sich Michel Cojot. Der Mann, der den Holocaust überlebt hatte und nun um das Leben seines eigenen Kindes fürchten musste, begann, mit den Entführern zu kommunizieren und Informationen zu sammeln.
Der entscheidende Beitrag zur Rettungsmission
Cojot bewies während der Geiselnahme bemerkenswerte Nervenstärke. Er versuchte, zwischen den Terroristen und den Gefangenen zu vermitteln, beobachtete die Situation im Terminal und nutzte jede Gelegenheit, um Informationen über die Bewaffnung, die Positionen der Entführer und die räumlichen Gegebenheiten zu gewinnen.
Seine Beobachtungen wurden für die Planung der israelischen Befreiungsaktion von Bedeutung.
Als Cojot im Zuge der Freilassung eines Teils der Geiseln Entebbe verlassen konnte, gab er sein Wissen an israelische Stellen weiter. Damit lieferte er Informationen aus erster Hand über einen Ort, an dem die israelischen Einsatzkräfte zuvor selbst nicht hatten operieren können.
Regisseur Boaz Dvir vertritt in seiner Dokumentation die These, dass Cojots Beitrag für den Erfolg der Rettungsmission wesentlich wichtiger war, als es die bisherigen historischen Darstellungen erkennen lassen.
In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1976 landeten schließlich israelische Transportflugzeuge in Entebbe. Die Kommandos stürmten das Terminal und befreiten die Geiseln. Drei von ihnen starben während der Operation, eine weitere Geisel, die sich zu diesem Zeitpunkt in einem Krankenhaus befand, wurde später ermordet. Auch der israelische Kommandeur Yonatan Netanyahu kam ums Leben.
Die spektakuläre Rettungsaktion ging in die Geschichte ein. Cojots Rolle hingegen blieb über Jahrzehnte weitgehend im Hintergrund.
Ein Dokumentarfilm gegen das Vergessen
Mit „To Kill a Nazi“ möchte Boaz Dvir diese historische Leerstelle schließen. Für seinen Film sprach er mit Angehörigen Cojots, ehemaligen Geiseln, Historikern und Beteiligten der israelischen Rettungsoperation. Auch Cojots vier Kinder kommen zu Wort.
Die Dokumentation verbindet persönliche Erinnerungen mit historischen Recherchen und untersucht, wie eng die Erfahrungen des Holocaust mit den Ereignissen von Entebbe verknüpft waren.
Dabei steht nicht allein die spektakuläre Geiselbefreiung im Mittelpunkt. Dvir interessiert sich vor allem für den Menschen hinter der Geschichte: einen Vater, der seinen eigenen Vater durch die Nationalsozialisten verloren hatte und Jahrzehnte später alles daransetzte, seinen Sohn vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren.
Der rund 100 Minuten lange Film feierte im Juni 2026 beim Filmfestival Dances With Films in Los Angeles Premiere.
Eine Geschichte über Mut, Erinnerung und Verantwortung
Fünf Jahrzehnte nach der Operation Entebbe eröffnet die Dokumentation einen neuen Blick auf ein Ereignis, das längst Teil der israelischen Erinnerungskultur geworden ist.
Michel Cojot starb 1999. Klaus Barbie, dessen Verbrechen ihn über Jahrzehnte beschäftigt hatten, wurde 1987 in Frankreich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1991 im Gefängnis.
Cojot erlebte somit noch, wie jener Mann, den er einst eigenhändig töten wollte, vor Gericht zur Verantwortung gezogen wurde.
Seine eigene Geschichte zeigt zugleich, dass historische Ereignisse nicht ausschließlich von jenen geprägt werden, deren Namen später auf Denkmälern stehen oder in Geschichtsbüchern erscheinen. Manchmal sind es Menschen, die unter außergewöhnlichen Umständen Entscheidungen treffen, deren Bedeutung erst viele Jahre später sichtbar wird.
Mit „To Kill a Nazi“ erhält Michel Cojot nun jene Aufmerksamkeit, die ihm lange verwehrt blieb. Seine Lebensgeschichte verbindet zwei der einschneidendsten Kapitel jüdischer Geschichte im 20. Jahrhundert: die Vernichtung der europäischen Juden und den Kampf Israels um die Sicherheit seiner Bürger.
Vor allem aber erzählt sie von einem Mann, der zunächst Vergeltung suchte und schließlich dazu beitrug, Leben zu retten.
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