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Mirjam und Aharon sprechen sehr zurückhaltend, aber doch ein wenig schlecht über ihren jüngeren Bruder Mosche. Obwohl sie alle drei Propheten waren, war Mosche der Einzige, der dadurch keinen Bezug mehr zu seiner Frau hatte. Seine 6 Jahre ältere Schwester las ihm dafür, aus Mitleid mit Mosche’s Frau Tsippora, ordentlich die Leviten.

Mosche konnte nicht anders, denn G“tt sprach wohl andauernd mit ihm. Der Allmächtige setzt Sich für Mosche ein.

„Der Mann Mosche war sehr bescheiden, mehr als alle Menschen, die auf der Oberfläche der Erde lebten“ (Bamidbar 12:3).

Auch hierüber hatte Mosche bereits einen Beweis von großer Bescheidenheit erbracht. Als Eldad und Medad prophezeiten, dass Mosche sterben würde und Jehoschu’a, Josua, das Volk in das Land hinein führen würde, geriet Jehoschu’a bei Mosche in Panik: „Mein Herr Mosche, lasse sie mit ihren Visionen aufhören“ (Bamidbar 11:28).

 

Persönlichkeitsverherrlichung

Mosche hat nicht nur für seine Machtposition keine Angst, sondern spricht seinem Knecht selbst ermahnend zu: „Bist Du auf mich eifersüchtig?“ Das ist nicht nötig. Mosche fühlte sich damals, bei so viel Persönlichkeitsverherrlichung, sehr unwohl damit.

 

Mosche äußerte den Wunsch, dass „alle Menschen Propheten werden mögen und G“tt Seinen Geist auf sie würde ruhen lassen“ (Bamidbar 11:29). Mosche hatte kurz davor seinen prophetischen Geist mit den 70 Ältesten geteilt, die ihm in der nachfolgenden Zeit bei der Leitung des Volkes helfen würden. Er brauchte es für sich nicht so nötig, „Premier oder Präsident zu sein“. Welch ein Kontrast zu unseren Wahlkämpfen, bei denen das mit Schmutz beschmeißen seiner Machtkonkurrenten normal und Bescheidenheit ein Zeichen der Schwäche is.

 

Wie ist diese Kombination möglich?

Wie kann man gleichzeitig „der bescheidenste Mensch auf Erden“ sein und doch der Anführer eines Volkes? Und das auch noch vom Jüdischen Volk?

 

Mosche empfand keinen Stolz über seine wohl sehr exponierte Stelle in der Jüdischen Geschichte. Mosche war nicht nur bescheiden. Er war selbst der „bescheidenste Mann auf Erden“. Das Wort anaw (bescheiden, demütig) kommt nur EIN Mal in der Thora vor. Mosche war in seiner Bescheidenheit einzigartig, obwohl er der Einzige war, der mit G“tt von Antlitz zu Antlitz sprach. Bei Mirjam und Aharon war dieses anders. Sie konnten G“tt nur in Visionen und in Träumen begegnen oder wahrnehmen.

 

Der achtzigjährige Anführer des Exodus verteidigt sich nicht, indem er alle seine Verdienste und Erfolge aufzählt. Mosche nimmt die Beleidigungen still entgegen. Er beugt sein Haupt geduldig. G“tt muss eingreifen, um Mosche als unnachahmlichen Prophet zu verteidigen.

Vertiefung II:

 

DIE ELTERN MIT IHREM VORNAMEN RUFEN?

 

Der Umgang mit der Autorität ist schwierig. Viele Menschen misstrauen den Obrigkeiten und anderen Würdenträgern – und das zurecht, da im Laufe vieler Jahrhunderte die Macht auf grausamste Weise missbraucht wurde, um für alles her zu halten – mit Ausnahme der Angelegenheit oder des Zweckes, zu denen die Macht erteilt wurde. Jedoch sollten wir die Autorität von G“tt, Mosche und der Thora anerkennen. Das äußert sich bei der Art, mit der wir Autoritäten ansprechen.

 

„Mein Herr Mosche“

Es ist heutzutage Gang und Gäbe, dass Eltern und Lehrer mit ihren Vornamen angesprochen werden. Das Judentum ist jedoch hierüber nicht sehr erfreut. Jehoschu’a sprach seinen Lehrer Mosche Rabbejnu als „Mein Herr Mosche“ (11:28) an, als er ihn vor den prophetischen Aktionen von Eldad und Medad warnen wollte.

Was ist der Gedanke hinter dieses „Vornamenverbot“? Die Eltern und die Lehrer setzen die Jüdische Tradition fort, geben diese also weiter. Der Mangel an Respekt gegenüber den Eltern und Lehrern verursacht gleichzeitig eine gewisse Missachtung, auch ein Desinteresse für die Tradition, die sie weitergeben. Deshalb verlangt die Halacha (das Jüdische Gesetz), dass man zu den Eltern und den Lehrern hinaufschaut und ihre Namen mit Respekt ausspricht.

 

Name ist als eine kleine Prophezeiung

Im Judentum haben die Namen von Personen besonders viel Bedeutung. Rabbi Meir kann im Talmud (B.T. Joma 83b) den Charakter von Menschen aus deren Name analysieren. Rabbi Elijahu Dessler (20. Jahrhundert) meint, dass der Name, denn die Eltern in ihrem Kopf haben, als eine kleine Prophezeiung gilt, da im Namen das Wesen des neuen Menschleins zum Ausdruck kommt. Das ist der Grund, weshalb das Judentum nicht möchte, dass man die Eltern oder die Lehrer beim Vornamen nennt. Mit dem Namen deutet man an, dass man zum Kern der Eltern oder des Lehrers durchgelangt sei. Dieses wird als einen Mangel an Ehrfurcht für das Einzigartige und Erhabene in den Personen der Eltern oder der Lehrer empfunden.

 

Wieder ein Grund mehr zur Besinnung

Das Judentum war schon immer revolutionär. Es wendet sich immer gegen den Strom und vermerkt andauernd Fragenzeichen zu allem, was als normal empfunden wird. Gerade in unserer Zeit, in der die Anti-Autorität hohe Stufen erreicht hat, ist dieses wieder ein Grund mehr zur Besinnung.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin