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„G“tt rief Mosche und sprach zu ihm aus dem Zelt der Zusammenkunft“ (1:1)

Mosche betrat den soeben errichteten Mischkan (Heiligtum) erst, nachdem er dazu von HaSchem (G“t) eingeladen wurde. Mosche hatte schwer am Heiligtum gearbeitet. Die Schechina, G“ttes Herrlichkeit hatte ins Heiligtum Einzug gehalten. Mosche fühlte sich dort intensiv zu hingezogen. Mosche wartete jedoch, sich der Schechina zu nähern, bis G“tt ihn selbst dazu einlud. Mosche verband Bescheidenheit (Aniwut) mit dem Empfinden des Verhaltens. Ohne diese geht es in unserer Beziehung zum Allmächtigen schief.

 

  1. BESCHEIDENHEIT (Aniwut)

Heutzutage haben wir keinen Mischkan mehr, aber wir sollten auf Aniwut (Bescheidenheit) achten, wenn wir vor HaSchem stehen. Um mit dem Höheren in Berührung zu gelangen, sollten wir einen Schritt zurück gehen, damit wir, um uns für das Höhere öffnen zu können, den Weg der Bescheidenheit beschreiten.

Das richtige Bewusstsein während der Gebete

Vor allem beim Dawwenen (Gebet oder Beten) sind Bescheidenheit und Andacht essenziell. Selbstanalyse, das Nachdenken über Deine Nichtigkeit HaSchem gegenüber, Deinen Platz in der Welt kennen. Das ist das richtige Bewusstsein während der Gebete!

 

  1. VERTIEFUNG: DIE WICHTIGKEIT VON LIEBE

Das erste Wort von Wajikra bedeutet: „und G“tt rief“. G“tt nähert sich Mosche liebevoll. Aber G“tt sprach mit Mosche nur von Angesicht zu Angesicht zum Wohle oder im Interesse des Jüdischen Volkes. Jene extra Prophetie erhielt er nicht zum eigenen Vergnügen. Nach dem Goldenen Kalb, bekam Mosche zu hören: „gehe nach unten“. Das bedeutete eigentlich: steige von Deinem hohen Niveau hinab. Du erhältst keine extra Prophetie für das Jüdische Volk mehr, da sie vom Weg abgedriftet sind. Aber jetzt – nach der Errichtung des Heiligtums – als G“tt ihre Sünden verziehen hatte, kehrte Mosche wieder zu seinem alten Niveau von Prophetie zurück. Der alte Liebesband war wieder hergestellt.

 

Das Himmlische Rufen ist liebevoll

Allen Anweisungen und allen Aussagen von G“tt ging ein liebevolles Rufen voraus (Sifra). Das gesamte Himmlische Rufen erfolgt mit positiver Rührung. Wenn die Engel einander zurufen, G“tt zu huldigen, dann erfolgt das auch liebevoll, ohne Eifersucht oder Konkurrenz, sondern in vollständiger Eintracht. Nicht ohne Grund bildet dieses liebevolle Rufen ein zentrales Thema unserer Gebete (die Keduscha)).

Die G“ttliche Stimme kam von oberhalb des Deckels der Heiligen Lade, in der sich die Steinernen Tafeln befanden. Die Stimme entsprang zwischen den beiden Cherubinen. Nur Mosche hörte dieses. Die klare Bevorzugung von G“tt für Mosche kam in dieses Rufen am Anfang des dritten Thora-Buches in den Vordergrund.

 

III. VERTIEFUNG: DIE WICHTIGKEIT DER PAUSEN

In der Thora stehen auch verschiedene „Unterbrechungen“ im Text. In einem gedruckten Thoratext (Chumasch) stehen sie angedeutet als „pe“, eine offene Öffnung, die sich fortsetzt in der unbeschriebenen Seitenkolumne oder ein „Samech“, eine geschlossene Öffnung, die mitten im Text steht und sich nicht in der unbeschriebenen Seitenkolumne fortsetzt. Der Midrasch betont, dass es zwischen den Aussagen G“ttes auch Pausen gab. Was war der Sinn oder der Nutzen der Pausen zwischen den Aussagen G“ttes?

 

Die Pausen dienten dazu, Mosche Ruhe zu gönnen, um über die erlernten Bereiche nach zu denken. Wenn Pausen erforderlich sind, um das von G“tt erlernte Material zu verarbeiten, wie viel mehr sind dann Pausen erforderlich, wenn der eine Mensch vom anderen lernt! Ende des Zitats.

 

Die Thora betont nicht nur die Notwendigkeit des Lernens, sondern hat auch ein offenes Ohr und den Blick für die Notwendigkeit, den Lernstoff zu verarbeiten. Letztendlich ist der Zweck aller Lehren von HaSchem (G“tt), dass sie einen Teil unsere Persönlichkeit werden.

Deshalb ist der Buchstabe Alef des Öffnungswortes Wajikra klein. Das Wort „Alef“ als mit dessen Buchstaben geschrieben bedeutet auch lernen. Ein kleines Alef ist ein guter Anfang: lerne ab wenn Du noch klein bist! Die Thora bleibt nur bei Menschen erhalten, die sich selbst nicht aufplustern. Deshalb erhielt Mosche auch diese hohe Art der Prophetie. Er war äußerst bescheiden und flüchtete immer vor dem Kowed. Er war ein Musterbeispiel für gutes Jüdisches Verhalten.

 

  1. VERTIEFUNG: ADAMS – UND UNSER OPFER

Wajikra handelt über die verschiedenen Opfergaben/Spenden. Ein opfernder Mensch wird in der Thora „ Adam“ genannt. Ein Sünder wird mit Adam verglichen, als er vom verbotenen Baum aß. Durch seinen Sündenfall löste Adam eine Kelala, eine Verwünschung über alle seine Nachkommen aus. Bei seinem Fallen riss er die gesamte Welt mit. Jeder Mensch sollte sich bewusstwerden, dass seine Taten Folgen für die gesamte Menschheit haben, sowohl zum Guten wie zum Schlechten.

 

Adam ki jakrijew mikem…min habehema min habakar umin hatzon…Wenn ein Mensch ein Opfer von Euch erbringt, aus dem Vieh, vom Rind und vom Kleinvieh.

Bei den Opferungen steht „mikem“ – von Euch: adam ki jakrijew mikem – wenn ein Mensch ein Opfer von Euch bringt. Eigentlich hätte da stehen sollen: ‚adam mikem ki jakriew’ – wenn ein Mensch von Euch ein Opfer erbringt.

In der Tora gibt es so etwas wie Zufälle nicht, auch keine semantischen Zufälle. Diese semantische Änderung deutet darauf, dass das Opfer von uns aus zu erfolgen hat. Um was es geht ist, dass wir aus unser selbst von uns selbst näher zu G”tt bringen. Korban, Opfer, bedeutet das sich annähern (zum G“ttlichen).

Bringen Sie etwas von sich selbst mit, fordert die Thora. Wir haben genug tierische Neigungen, die verfeinert und dem Höchsten Wesen nähergebracht werden können, um sich zu erheben. Wir opfern und erhöhen das Tierische in uns. Es kann ein ‚Behema’ – Vieh sein, was auf unsere Ebene des ausschließlichen Überlebens deutet. Das Vieh (zumindest was hier gemeint wird) frisst und wiederkaut den ganzen Tag. Das Überleben steht im Mittelpunkt. Bei uns Menschen handelt es sich nicht nur um den körperlichen Aspekt. Bei uns steht gerade das spirituelle Wachstum im Mittelpunkt.

‚Bakar’ – ein Rind – kommt vom Wort Boker, Morgen, dem Durchbruch der Sonnenstrahlen. Es deutet auf den Durchbruch allerlei Grenzen. Bei unserer Verbundenheit zu G“tt verstehen wir auch, diesen tierischen Aspekt im Bewusstsein zu erhöhen, dass alles, was wir tun und denken gerade wohl an prächtige, von G“tt gegebene Regeln verknüpft ist. Durch diese Verbundenheit heben wir auch das Tierische auf eine höhere Ebene.

Tzon – Kleinvieh – zeigt uns unseren Herdentrieb. Manchmal sollten wir auch dagegen ankämpfen. Unsere Erzväter trauten sich, sich gegen alle Konventionen während ihrer Zeit auf zu lehnen und ihren eigenen Weg zu gehen, um sich G“tt zu nähern.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin