Das Eintunken des Fingers in den Wein während der Vorlesung der Zehn Plagen am Sederabend zu Zeiten der Verbreitung des Coronavirus: könnten wir hierfür eine Pipette verwenden?

Bei der Aufzählung der Zehn Plagen entnehmen wir aus dem Becher auf die bekannte, traditionelle Weise, mit dem kleinen Finger einer Hand, einige Tropfen Wein.

 

Müssen oder könnten wir hierfür eine Pipette verwenden?

Selbstverständlich. Wenn es gefährlich ist, den Wein mit dem bloßen Finger ab zu tropfen, kann man ohne weiteres hierzu eine Pipette verwenden. Da unsere Minhagim, also Sitten und Bräuche laut Vorgaben, wichtig sind, sollten wir, nein, müssen wir diese auch während der schwierigen Umstände der Verbreitung des Corona-Virus versuchen, so weit wie möglich zu befolgen.

Auch die Symbolik des Eintunkens des Fingers im Wein spricht Bücherbände über die Haltung des Judentums gegenüber dem Leid in unserem Umfeld.

 

Freue Dich nicht, wenn Dein Feind fällt

In manchen Kreisen ist es üblich, auf den Dächern zu tanzen, wenn man glaubt, den Feind besiegt zu haben. Wir haben eine völlig andere Tradition. Bei der Aufzählung der Zehn Plagen ist es üblich, ein wenig Wein aus dem Becher aus zu schütten oder vom Finger einige Tropfen Wein abtropfen zu lassen.

 

Es symbolisiert einen Mangel

Im Psalm 23 wird die Dankbarkeit für den Überfluss mit der Bezeichnung formuliert „der Inhalt meines Bechers läuft über“. Wenn wir unseren Becher bei den Zehn Plagen ausschütten, symbolisiert dieses einen Mangel, als ob uns etwas fehlt oder wir verloren haben.

 

Wir stehen nicht zu jubeln!

Die Ägypter sollten bestraft werden. Wir sind jedoch nicht glücklich, wenn andere unserer wegen bestraft werden, auch wenn sie das verdient haben. „Freue Dich nicht, wenn Dein Feind fällt“ (Sprüche 24:17). Deshalb steht zu Pessach auch nicht der Satz „Seman simchatejnu – Zeit unserer Freude“. Wir feiern unsere Unabhängigkeit, aber da diese auf Kosten der Ägypter, unserer geschworenen Feinde, erfolgte, sind wir doch nicht so glücklich und wir stehen nicht da und jubeln!

 

Die Arbeit MEINER Hände (die Menschen) vertrinken und Ihr möchtet singen?

Wir schütten ein bisschen Wein aus dem Becher, während die Zehn Plagen aufgezählt werden. Rabbi Jecheskijel Abramsky nähert sich dieser Sitte aus einem Talmudischen Gedanken an (B.T. Megilla 10b): „Nach der Spaltung des Roten Meeres wollten die Engel G“tt loben. Aber G“tt sprach zu ihnen: die Arbeit MEINER Hände vertrinken und Ihr möchtet singen?“. Aber wenn es keine geeignete Gelegenheit zum Singen ist, wenn Menschen sterben, weshalb haben dann die Juden wohl das Lied des Meeres gesungen (Schemot/Ex. 15)? Weshalb war das nicht gefühlslos?

 

Glücklich über die neue Freiheit

Die Engel waren nur eine nicht betroffene, dritte Gruppe. Sie wurden nicht persönlich, selber, befreit. Das Jüdische Volk jedoch schon. Es feierte eine persönliche, seine eigene, Befreiung aus der Hand seiner Unterdrücker. Sie, die Juden, waren über die Vernichtung der Ägypter nicht froh oder erfreut, aber WOHL über ihre neue Freiheit.

 

Zeichen der Freude über unsere neue Freiheit

Die vier Becher Wein wurden als Zeichen der Freude über unsere neue Freiheit, darüber, dass wir das Volk des Buches geworden sind, in die Pessach-Geschichte aufgenommen. Wir feiern unseren eigenen Aufstieg; nicht die Erniedrigung eines Anderen. Jedoch ahnen wir, dass bei unserer Befreiung schlimme Dinge geschehen sind. Auch mit unseren Unterdrückern haben wir Mitleid. Deshalb lassen wir ein bisschen Wein herunter tropfen.

Die Botschaft ist klar. Gieße ein wenig Wein aus dem Becher oder verwende eine Pipette!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin