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Ester war eine der sieben Prophetinnen und gehörte nach dem Midrasch zu den vier schönsten Frauen der Geschichte. Purim findet am Ende des siebzig Jahre andauernden, babylonischen Exils statt. Die Generation der Exilanten wurde ihrer großen Anführer beraubt und mit einem Waisenkind verglichen. Das Volk würde durch ein Waisenmädchen (Ester) aus den Fängen Hamans befreit.

 

Ester – Mordechai: Ein Duo

Nach dem Talmud (B.T. Megilla 13a) war Ester sogar mit Mordechai verheiratet. Rabbi Meir sagt, lesen Sie nicht (2:7) “Mordechai nahm sie zur Tochter”, sondern lesen Sie, “Mordechai nahm sie zur Frau”. Die Frage der Beziehung zwischen Ester im Harem von Achaschwerosch und Mordechai unter dem Königstor hat viele Hebel in Bewegung gesetzt. Im Talmud wird erklärt, dass sie vom Bett des Achaschwerosch aufstand, in die Mikwe eintauchte und ihre Ehe mit Mordechai fortsetzte. Die sexuelle Belästigung des mächtigen Königs in 127 Provinzen verletzte das Verhältnis der beiden Protagonisten der Ester-Rolle nicht.

Gemeinsam arbeiteten sie im Interesse ihres Volkes und ergänzten einander in verschiedenen Bereichen. Ester bereitet den Sturz Hamans inmitten der Pracht des persischen Hofes vor, Mordechais Wirkungskreis liegt jenseits davon, inmitten seines Volkes.

 

Kabbala und Theologie

Die Jüdische Theologie zeichnet sich durch einen hohen Abstraktionsgrad aus. Da das Höchste Wesen selbst nicht in irgendeinem Denkmuster oder einer intellektuellen Form “eingefangen” werden kann – G’tt ist weder Materie noch Geist – konzentriert sich die kabbalistische Theologie hauptsächlich auf die Ausstrahlungen des G’ttlichen-Lichts, die als “Sefirot” oder Sphären bezeichnet werden. Diese Sphären bilden eine Einheit mit G’tt. Der Mensch kann jedoch nicht in Begriffen der Unendlichkeit denken und nimmt daher diese Ausstrahlungen des G’ttlichen Lichts als Differenzierungen von der G’ttlichen Strahlung wahr. Mit Hilfe der ‘Sphären’ wird die Beziehung Mensch – G’tt hergestellt, in jeder Welt auf einer anderen Ebene.

 

Vier Stufen der Schöpfung, vier Welten

Als G`tt die Welt erschaffen hatte, tat er dies in mehreren Stufen. Diese waren schon entfernter von G`tt, er würden immer mehr unabhängige Welten schaffen. Diese Welten sind:

  1. Atzilut, des Wortes “Anhängsel”, ganz in der Nähe. Dies ist eine sehr abstrakte Welt, in der die erschaffenen Wesen kaum vom Allmächtigen getrennt sind.
  2. Beria, eine bereits unabhängigere Schöpfung, in der kaum noch von Übel gesprochen werden kann.
  3. Jetzira, wo es mehr unabhängige Wesen gibt und wo es mehr Böses gibt.
  4. Assia, diese physische Welt, in der geschaffene Wesen so unabhängig leben, dass sie manchmal glauben, sie seien von G’tt getrennt. Diese Welt ist zum größten Teil böse in dem Sinne, dass die Geschöpfe G’ttes sich ohne allzu viele (Gewissens-)Probleme gegen ihn auflehnen können.

In Beria dominieren die intellektuellen Sefirot wie Chochma, Weisheit und Bina, Einsicht und sind die (intelligenten) Engel. Ihre Beziehung zum Allmächtigen ist intellektuell.

In einer niederen Welt, Jetzira, herrschen die emotionale n Sefirot vor, und die Engel dienen G’tt mit Liebe, Ehrfurcht und Respekt. Sowohl die geistige als auch die physische Struktur des Menschen wird ebenfalls durch Sefirot bestimmt. Das menschliche Denken wird durch die Sphären von Chochma und Bina bestimmt.

 

Chochma, bina und da’at, geistige Sphären

Chochma kann als der Blitz oder Aha-Erlebnis beschrieben werden, die Lösung eines komplexen Problems, das in einem leuchtenden “Blitz” gesehen wird. Dieser “Keim” der Einsicht hat noch keine klare Form angenommen und droht im Nichts zu verschwinden, wenn er nicht rasch ausgebaut und zu einem klaren Gedankengang entwickelt wird.

Bina – von „be-greifen” – muss mit dem Geist der Erkenntnis weiterarbeiten, sie untersuchen und im Detail ausarbeiten. Aus der Abstraktion heraus nimmt die auffällige Idee Form und Gestalt an und wird in konkrete, auf die Alltagswirklichkeit anwendbare Denkmuster gerahmt. Der ursprüngliche “Funke” der Einsicht sinkt herab und wird bis zu einer Ebene der Handhabbarkeit und Kommunikation “verdunkelt”.

Da’at ist das daraus resultierende festgesetzte Wissen.

 

Der Abstieg des schwebenden Blitzes in einen konkreten und auch für andere nachvollziehbaren logischen Gedankengang wird auch im Hinblick auf die Entstehung des menschlichen Lebens beschrieben. Das männliche Element in der Fortpflanzung wird vom Weiblichen erfasst, verschmilzt mit ihm und wird im Mutterleib zu einem detailreichen Menschen ausgearbeitet. Da sich das Judentum auf das Hier und Jetzt der irdischen Realität konzentriert, sollten wir nicht überrascht sein, dass es die Identität der Mutter ist, die die Jüdische Identität des Kindes bestimmt.

Intellektuell erklärt muss man sich einen Professor vorstellen, der mit einem komplexen Problem kämpft. Plötzlich sieht er die Lösung. Das ist der (Gedanken-)Blitz. Er wird es in einer Formel ausgerechnet, zum Beispiel E=mc zum Quadrat. Dann testet er die Formel und prüft, ob sie in der Realität funktioniert. Dies führt zu in Stein gemeißelten und anwendbarem Wissen. Auf diese Weise sind all die großen Entdeckungen der Geschichte gemacht worden.

 

Universelle Tendenzen

Kurz gesagt bedeutet dies, dass das “männliche” Element in der Schöpfung – die Atmosphäre des Chochma – mit abstrakter Betrachtung ausreicht, während das weibliche Element die freischwebenden Gedankenblitze “herunterzieht” und ihnen konkrete und greifbare Form gibt.

Chochma ist kreativ. Bina ist auf der Suche nach Entwicklung, Erweiterung und Konkretisierung. Übrigens bedeutet dies nicht, dass Frauen oder Männer per Definition zu einer der beiden Kategorien “verurteilt” sind. Chochma und Bina sind lediglich Sphären, globale Denkmuster, an denen jeder teilhaben kann. Es handelt sich um universelle Tendenzen, aber in der empirischen Forschung führen sie zu signifikanten Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Beispielsweise stellten Shontz (1963) und Fisher (1970) fest, dass Frauen Erfahrungen und Wünsche in Bezug auf ihren eigenen Körper viel besser beschreiben konnten als Männer. Bei Frauen spielt die Körperidee eine zentrale Rolle in der Gesamtheit des Selbstverständnisses. Bei Männern steht der Körper eher im Hintergrund und spielt im totalen Selbstverständnis eine periphere Rolle.

 

Die Ester-Rolle in TaNaCh

Ester ist eines der 24 heiligen Bücher des TaNaCh. Das bedeutet, dass die Ausstrahlungen der G`ttlichkeit und insbesondere die Sefirot Chochma und Bina in der Realität und in den Protagonisten der Purim-Geschichte unverformt Gestalt annehmen. Ester und Mordechai füllen ein heiliges Buch, weil sie die höheren Spähren rein und klar widerspiegeln. Wie in einem kristallisierten Denkprozess Chochma und Bina im Zusammenspiel einander ergänzen, so trugen Mordechai und Ester jeder auf seine Weise zur letztendlichen Erlösung bei.

Mordechai hat in den höheren Sphären gewirkt, und dort Haman entwaffnet und Ester handelte in der irdischen, politischen Sphäre. Mordechai rief zu Buße und Umkehr auf und handelte in der Jüdischen, geistigen Sphäre. Ester arbeitete in Achaschweroschs Palast und stellte daselbst Haman eine Falle, an dem Platz, an dem Haman zuvor zur Größe berufen worden war.

Mordechai ging einen übernatürlichen, Ester einen natürlichen Weg. Es gelang ihr, Achaschweroschs Meinung zu ändern und die bedrohliche Situation in das Gegenteil zu verkehren: “der 13. Adar, der – im Gegenteil – zu einem Tag wurde, an dem die Juden ihre Hasser überwältigten” (9:1). Sie unterschied sich von Mordechai auch darin, dass Ester wollte, dass das Purimfest der von künftigen Generationen gefeiert wird. Und auch hier finden wir den gleichen Unterschied in der Sphären zwischen dem “Männlichen” des Chochma und dem “Weiblichen” der Bina.

 

Unterschiede beim Feiern

Wenn man den Babylonischen und den Jerusalemer Talmud vergleicht, fällt auf, dass sowohl Mordechai als auch Ester die Chachamim darum gebeten haben, die beiden Tage von Purim für künftige Generationen in besonderer Weise zur Pflicht zu machen – mit Mahlzeiten und Freude. Aber Ester ging noch weiter: Sie bat die Chachamim, ihre Geschichte aufzuschreiben und sie jedes Jahr wieder und wieder zu lesen.

 

G’ttes-Finsternis

Die Ester-Rolle ist das einzige Buch im TaNaCh, in dem der Name G’ttes fehlt. G`tt schien Abstand zu halten. Diese Distanz wurde durch Identitätsschwäche und Zweifel unter den Juden in der “Galut” (Exil) verursacht. Die G’ttes-Finsternis spiegelte lediglich die Haltung des Jüdischen Volkes wider. Das Wunder von Purim geschah ohne klar nachweisbares Eingreifen von oben. Die religiöse Herausforderung bestand damals in der Erkenntnis, dass die Natur nur ein imaginärer Schleier der G’ttlichen Umhüllung  war und dass G’tt sich im “zufälligen” Verlauf der politischen Ereignisse jedem, der es sehen wollte, offenbarte.

 

Geistiges Auge ausreichend 

Mordechai, der die Chochma-Sphäre widerspiegelte, hielt zwei Feiertage mit ausgelassenem Essen und Schlach Mones für ausreichend. Eine Rolle hochzunehmen und daraus zu lesen, hielt er für überflüssig, weil das Wunder von G’ttes weltweiter Führung und Bewacher des Schicksals der Menschheit nur mit dem geistigen Auge erfasst werden konnte. Das Wunder der Purim-Geschichte ist eine Abstraktion dessen, was wirklich geschah, betrachtet mit den Augen aus Fleisch und Blut.

In der Chochma-Sphäre geht es um den Gedanken dahinter, das G`ttliche Licht, das in der Ester-Geschichte undeutlich bleibt.

Ester stellt die Bina-Sphäre dar, in der das höhere Licht verdunkelt und an die niedrigeren Sphären angepasst wird, die für jedermann zugänglich sind. Das Wort Ester selbst bedeutet Verbergen und Verstecken. Ihre Macht lag in der Enthüllung des Einflusses G’ttes in die Menschheitsgeschichte. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wie der natürliche Verlauf der Politik selbst eine positive Jüdische Veränderung erfahren hatte.

Deshalb musste aus ihrer Sicht die “gewöhnliche” Geschichte ihre irdische Gestalt in einer konkreten Rolle annehmen. Die Aufgabe des Jüdischen Volkes in der Diaspora besteht gerade darin, den Schleier der G’ttes-Finsternis zu lüften: Die Geschichte der Menschheit ist mehr als nur ein zufälliger Zufall. Deshalb war mehr nötig, als sich nur zu erinnern. Aus einer konkreten Geschichte, die für jeden zugänglich ist, ergeben sich automatisch die wahren Fakten.

Die Natur selbst ist die klarste Richtschnur für das Übernatürliche und Höhere.

 

Das Ende aller Wunder

Nicht umsonst wird Ester “das Ende aller Wunder” genannt (B.T. Joma 29a). Purim war das letzte Wunder, je höher sich das Höhere im Unteren offenbarte. Deshalb feiern wir Purim so laut und körperlich: essen und trinken, verkleiden und verhüllen, Geschenke und Geld für arme Menschen schicken. Chanukka ist das einzige jüdische Fest, das historisch noch folgt. Aber Chanukka ist auf die Sphäre des Geistes beschränkt. Das weiche Chanukka-Licht symbolisiert nur das Spirituelle. Ester ist typisch jüdisch: Eindringen der Heiligkeit in die untersten, materiellen Regionen.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: Esther und Mardochai, Stahlstich nach einem Gemälde von Aert de Gelder