Die Tage ist ja Karneval. Im Normalzustand würde diese Stadt Karneval feiern. Purim hat gewisse Ähnlichkeiten zu Karneval. Wie sehen diese genau aus? Wieso verkleidet man sich zum Beispiel? An Purim wird viel Alkohol getrunken. Was ist da der genaue Hintergrund?

Karneval ist ein Fest katholischen Ursprungs und findet kurz vor der Fastenzeit statt, den 40 Tagen vor Ostern, in denen die Christen kein Fleisch essen durften. Der Name Karneval könnte daher von dem lateinischen Worte carne vale stammen: Abschied vom Fleisch.

Seinen Ursprung hat er wahrscheinlich im mittelalterlichen Italien. Karneval hat viele Ähnlichkeiten mit den römischen Saturnalien und Bacchanalien.

Wir sind nicht katholisch, also kann Purim nicht daherkommen. Purim fand etwa 500 Jahre vor der Entstehung des Christentums statt. Das Judentum ist nicht im mittelalterlichen Italien entstanden und ist sicher nicht heidnisch. Und wir fasten nicht zu Ostern, also gibt es auch keinen Zusammenhang zwischen “Abschied vom Fleisch” und Purim.

 

Verkleiden zeigt G’ttes Finsternis an

Kinder und Erwachsene verkleiden sich an Purim (Losfest). Dies ist nicht nur ein schöner Volksbrauch, sondern hat eine tiefe Bedeutung. Die Verkleidung symbolisiert die G’ttes Finsternis, die den Hintergrund für das historische Purim bildete. Die Ester-Rolle – Megillat Ester – ist das einzige Buch im TaNaCh, der Bibel, in dem der Name G’ttes nicht vorkommt. Dies wird von den Kommentatoren (Erklärern) des TaNaCh als Folge der Tatsache gesehen, dass G’tt sich in den Tagen von Mordechai und Ester, vom Jüdischen Volk zurückgezogen hatte.

Im Talmud (B.T. Chulin 139b) findet sich ein Hinweis darauf in dem Namen Esters, der selbst “verborgen” bedeutet: “Wo finden wir in der Torah einen Hinweis auf Ester? In dem Vers (Deut. 31:18) ‘Ich, sagt G’tt, werde Meine Gegenwart an jenem Tag verbergen wegen all des Bösen, das die Menschen getan haben, weil sie sich fremden Götter zugewandt haben’.

Um an die damalige traurige Situation zu erinnern und zu versuchen, sie in eine Simcha, eine Freude, zu verwandeln, verkleiden wir uns.

 

Lautstarkes Judentum

Im Gegensatz zu Chanukka, als die Juden vor allem geistig durch die Versuchungen des griechischen Hellenismus bedroht waren, waren an Purim der Jüdische Leib und die Jüdische Seele selbst Hamans Ziel.

Haman – ein Nachfahre von Amalek, Israels Erzfeind – war nach der totalen physischen Vernichtung des Jüdischen Volkes aus. Um genau diesen physischen Aspekt in den Vordergrund zu rücken, verordneten unsere Weisen an Purim ein großes Dankesmahl abzuhalten, bei dem Wein und sonstiger Alkohol im Überfluss fließen sollten. Auf diese Weise zeigen wir, dass ‘Am Jisrael chai’, das Jüdische Volk, alle seine Feinde bis heute überlebt hat.

 

Alkohol verpflichtet

Obwohl das Judentum den reichlichen Gebrauch von Spirituosen missbilligt, ist der Genuss von Alkoholika an Purim verpflichtend. Der Grund dafür ist dass wir mit hochprozentigen Getränken dem großen Wunder gedenken, die wir im medisch-persischen Reich erlebt haben. Königin Vaschti wurde abgesetzt, weil sie die Wünsche ihres begierigen, betrunkenen Königs nicht erfüllen wollte. Ester wurde mit einem Festmahl als Königin eingesetzt, bei dem übermäßig viel Schnaps floss und Haman während einem Trinkgelage, zu der er zusammen mit Achaschwerosch in den Palast von Ester eingeladen wurde, stürzte.

 

Hingaben zu dem Höheren

Aber es gibt noch mehr: Unsere Weisen erklären, dass wir ‘Addelojada’ trinken sollten – bis wir den Unterschied zwischen dem guten Mordechai und dem schlechten Haman nicht mehr erkennen.

Auf einer tieferen Ebene bedeutet dies, dass wir uns von unserer alltäglichen, überintellektualisierten Lebensweise entfernen und unsere Grenzen überwinden müssen. Purim ist keine Orgie wilder Trunkenheit, sondern ‘Addelojada’ – eine bedingungslose Hingabe zu dem Höheren, die letztlich unser Leben und unsere Geschichte bestimmt. Das Bewusstsein, dass nicht das Volk unser Schicksal bestimmt, sondern die unsichtbare Hand der G´ttlichen Vorhersehung bestimmt den Kurs des Jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte.

Chag sameach, ein fröhliches Purim, schon jetzt in der Flockdown.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin