Corona Virus uner dem Mikroskop

Die Corona-Panik macht alle Angst. Die Menschen haben schlaflose Nächte. Vor allem die Selbständigen sehen ihr Einkommen versiegen. Panikattacken und Alpträume. Sie ist vor allem auf Unsicherheit und Spannungen zurückzuführen.

Ich spreche mit einem alten Patienten. Er macht sich Sorgen um seine älteren Verwandten und um sich selbst. “Wenn ich mir diesen Virus einfange, geht es mit mir nicht gut aus. Ich glaube nicht, dass ich ein Hypochonder bin, aber niemand hat ein gutes Gefühl dabei. Ich habe schon Coronapatienten auf der Intensivstation gesehen. Das macht keinen Spaß”.

Ich frage ihn, wie er den letzten Coronaschabbat gefeiert hat. Und plötzlich ist wieder ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. Plötzlich fährt er positiv fort:

“Wir hatten am letzten Schabbat einen sehr angenehmen Tag, haben viel miteinander geredet, niemand hat uns besucht. Ohne all die Hektik draußen wurde es für uns beide ein inspirierender Tag. Das Wetter war wahnsinnig schön. Wir könnten unsere Ängste und unser Elend für einen Moment vergessen. Aber ich mache mir Sorgen um Pessach”.

Zum Glück ist auch Pessach um uns besorgt. Schon vor mehr als 3333 Jahren wurden uns Leuchtfeuer gezeigt, die uns durch schwierige Zeiten führen. Unsere Mizvot – unsere Gebote – sind unsere Stärke und inspirieren uns jedes Jahr aufs Neue.

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte des Oberrabbiners Jisraeel Meir Lau von Israel.

Obwohl Pessach erst in ein oder zwei Wochen sein wird, machen wir in der Thora schon jetzt die Vorbereitungen des Sederabends mit. Laut der Thora stellen die Kinder uns die Fragen. Ma ha’edot? Was sind die Beweise? Fragt der Chacham, der kluge Sohn in der Haggada des Sederabends.

Rabbi Jehuda Halevi (zwölftes Jahrhundert) erklärt in seinem philosophischen Werk Kusari, dass „Chukim“ Gebote sind, die wir zu akzeptieren haben, auch wenn wir den Sinn von ihnen nicht begreifen können.

Mischpatim sind verständliche Gebote, die von jedem Menschen erfasst werden können.

 

Aber was bedeutet der Begriff „Edot“ – Beweise?

Noch eine weitere Frage. Wir sagen in der Haggada: „Ich hätte meinen können, dass wir bereits seit dem Anfang des Monats Nissan mit dem Seder beginnen. Deshalb steht dort: „an jenem Tag“. Nun hätte ich annehmen können, dass der Seder bereits tagsüber anfangen würde. Deshalb steht da „wegen dieses“. Die Erzählung über den Auszug aus Ägypten kann nur in dem Augenblick beginnen, wo Matza und Maror vor Dich liegen“.

Weshalb ist es unmöglich, früher mit der Erzählung über den Auszug aus Ägypten zu beginnen? Was ist da so fürchterlich daran? Menschen, die die Mitzwot zeitlich vor ziehen, finden doch wir meistens „Cool“ und lobenswert?!

Rabbi Lau erzählt, dass vor einer Anzahl von zurückliegenden Jahren ein europäischer Gelehrter nach Israel zu Besuch kam. Am Ende seiner Reise durch das Heilige Land fragte er sich, weshalb er in Israel so wenige Denkmäler gesehen hatte: „In allen anderen Ländern werden Denkmäler und Erinnerungsmonumente für Menschen und Ereignisse aus der Vergangenheit errichtet. Nur im Jüdischen Land, mit der reichsten Geschichte der gesamten Welt, gibt es keine Denkmäler zur Erinnerung an Mosche Rabbejnu, an die Könige David oder Schlomo, an den Auszug aus Ägypten, an die Thora-Übergabe auf dem Berge Sinai, usw. usw. Der Professor fragte erstaunt seine Freunde: „Dieses passt doch nicht in das Land der Bibel?“

 

In der gesamten Welt umhergewandert

Die Antwort auf diese Frage wurde vom Ga’on von Lutsk, Rabbi Salman Sorotskin, gegeben: „Das Jüdische Volk ist während seiner Geschichte in der gesamten Welt umhergewandert. Nirgendwo konnte es dauerhafte Denkmäler errichten. Deshalb hat das Jüdische Volk bewegliche Denkmäler erhalten, die unser Volk auf alle unsere Streifzüge begleitet haben. Die Matza, die wir essen, ist das „Denkmal“ für den Auszug aus Ägypten.

Gibt es irgendwo auf der Welt ein Denkmal, dass es in allen Winkeln der Welt mehr als dreitausenddreihundert Jahre ausgehalten hat? Gibt es noch ein Volk, dass alle geschichtlichen Einzelheiten, die es im Laufe seiner Geschichte mit gemacht hat, in Riten, Symbolen und Halachot aufbewahrt hat, die uns schon Tausende von Jahren zusammen halten?

 

Matzot von Wladiwostok bis Los Angeles

Der Teig unserer Ahnen bekam nicht die Möglichkeit, zu gären. Deshalb befinden sich bis auf den heutigen Tag überall Matzot auf dem Sedertisch, von Wladiwostok bis Los Angeles, von Helsinki bis nach Melbourne, in traditionellen und weniger traditionellen Häusern.

Auch das Maror ist ein transportables Denkmal, das wie zur Erinnerung an die Tatsache, dass die Ägypter unser Leben verbitterten, essen.

Das Charosset ist eine Erinnerung an den Lehm, aus dem wir die Ziegel für die ägyptischen Bauwerke erstellen mussten.

Der Knochen erinnert uns an den ausgestreckten Arm, mit dem G“tt uns heraus führte. Das Ei steht für das Festopfer, das wir zu Pessach im Tempel brachten. Die vier Becher stehen den vier Bezeichnungen und Ebenen von Befreiung gegenüber. Alle Mitzwot und Bräuche des Sederabends sind mobile Denkmäler des Auszuges aus Ägypten.

Auch viele andere Mitzwot erinnern uns an der Entstehung/Werdung des Jüdischen Volkes beim Auszug aus Ägypten: die Tefilin, die Tzizit, der Schabbat und noch viele weitere Ge- und Verbote betonen die unterschiedlichen Aspekte des Exodus.

Das Wort Beweis ist nun klar. Alle Aspekte des Sejderabends sind Beweise oder Zeugnisse, die allen kommenden Generationen die G“ttlichen Wunder deutlich und greifbar machen werden. Deshalb muss und soll über den Auszug aus Ägypten gesprochen werden – gerade in dem Augenblick, wo die Matza und das Maror vor Dir liegen. Denn nur auf diese Weise wird der Beweis über den Auszug aus Ägypten vollständig, konkret und erkennbar.

Weshalb essen wir diese Matza? Da der Teig unserer Ahnen keine Gelegenheit zum Gären hatte. Weshalb essen wir dieses Maror? Da die Ägypter das Leben unserer Vorfahren verbittert hatten.

Das ist auch der Grund, weshalb viele Skeptiker die Episode über den Auszug aus Ägypten nicht vollständig leugnen können. Kritiker suchen natürliche Ursachen für die Zehn Plagen oder für die Spaltung des Schilfmeeres, aber man hört selten, dass der Exodus nie stattgefunden hätte. Es ist geschehen, da wir es jeder Generation wieder erneut geschehen und glauben lassen.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin