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Mit Schavuot feiern wir, dass wir die Tora erhielten. Die Feier von Schavu’ot (jidd. Schavues) ist eines der drei Pilgerfeste. Früher pilgerten wir alle zu Fuß nach Jerusalem. Wir erfreuten uns über die G´ttliche Präsenz auf dem Tempelberg.

Schavu’ot ist voller Symbolik und Minhagim (Bräuchen). Wir essen Käsekuchen, denn am 6. Siwan (das Datum von Schavu’ot) wurde Mosche von der ägyptischen Prinzessin Batja – einer Tochter der Pharao – aus dem Nil gezogen. Mosche ließ sich nicht von ägyptischen Hebammen stillen. Er wollte allein von seiner Mutter Jochewed trinken. Auf diese Weise erhielt Mosche einen sofortigen Bezug zum Judentum. Außerdem schmücken wir an Schavu’ot die Synagoge mit Blumen und Dekorpflanzen, eine Anspielung auf das Uferrohr und das Schilfkörbchen, in welches Mosche von seiner Mutter versteckt wurde.

Mosche ist die zentral Figur, weil er den Bne Yisrael, den Urenkeln der drei Erzväter Avraham, Yitzchak und Yaakov die Tora gab und sie nach dem Exodus aus Ägypten jüdisch werden ließ. Auf Schavu’ot lesen wir das Buch von Ruth, um zu zeigen, dass auch jeder Jude werden kann.

Bis heute ist der Berg Sinai in der Wüste, in der wir die Tora empfangen haben, das Vorbild für Giur (dem Übergang zum Judentum).

Zu den Vorschriften für die Giur steht ‚kachem‘, dass ‘so wie Sie’ bedeutet.

So wie Sie durch die Brit mila (Beschneidung), die Tevila (Eintauchen in eine Mikwe) und Opfergabe jüdisch geworden sind, muss dies auch mit den aktuellen Proselyten geschehen (Talmud Keritut 9a). Ein Opfer muss nicht mehr erbracht werden, weil wir keinen Tempel mehr haben.

Kurz vor dem Eintauchen in die Mikwe informieren wir den Ger oder Gioret (Proselyten) noch einmal über die wichtigsten Inhalte des Judentums. Auch das kommt vom Berg Sinai. Der Tora-Text scheint zu zeigen, dass die Juden alle Zehn Gebote direkt von G’tt gehört hatten. Dies ist jedoch nicht der Fall. Schon nach den ersten beiden Geboten sagten die Juden, dass sie der direkten Konfrontation mit G’tt nicht standhalten könnten. Sie wollten, dass Mosche als Vermittler zwischen G’tt und dem Menschen fungiert. Tatsächlich hörten die Juden direkt von G’tt nur die Einheit G´ttes und das Verbot der Götzenverehrung (das Wesentliche des Judentums).

Maimonides sagt, dass wir das Gleiche für jeden Ger oder Gioret tun. Wir sagen den Kandidaten noch einmal diese beiden Essenzen und dann können sie eintauchen.

Die Übergabe der Tora an Schavu’ot ergab einen starken Statuswechsel. Plötzlich war das ganze Volk jüdisch (auf Hebräisch: ‘ger senitgajer kekatan schenolad’). Auch heute noch gilt das Giur als Wiedergeburt. Sobald man aus der Mikwe herauskommt, hat man sofort einen ganz anderen Status.

Jeder Ger muss sich um alle Mitsvot (den Ge- und Verboten) kümmern. Dies sollte auf vollkommen freiwilliger Basis geschehen. Ein erzwungener Weg dorthin ist kein guter Weg. Giur besteht eigentlich aus zwei Komponenten:

Der Proselyt durchläuft den technischen Prozess von einst (Beschneidung, Eintauchen, formale Annahme aller Gebote).

Der vorherige Mensch der aus den Fremdvölkern stammt schließt nun einen Bund mit G’tt und dem jüdischen Volk.

Schon lange vor der Toraübergabe auf dem Sinai hatten die Juden den Bund durch den Erzvater Avraham geerbt. Die Juden vor 3333 Jahren gehörten einem jüdische Ursprung und Stamme an. Der einzige Teil, der fehlte, war der technische Giur. Das ist an Schavu’ot passiert.

Am Fuße des Sinai akzeptierten die Juden die ganze Tora. Auch das ist immer noch wahr. Wenn ein Proselyt-Kandidat selbst nur ein Mitzvah (Gebot) nicht annehmen will, akzeptieren wir ihn nicht. Dies scheint im Widerspruch zu der bekannten Geschichte von Hillel (2. Jahrhundert) zu stehen, der einen Ger (Proselyten) akzeptierte, welcher die mündliche Lehre (den Talmud) nicht akzeptieren wollte. Aber Hillel wusste, dass er in der Lage sein würde, diesen Kerl von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Tora schebe´alpe (mündliche Lehre) auch in seinen neuen Glauben zu integrieren.

Giur hat drei Stufen: Lernen, Praxis und Integrieren in die jüdische Gruppe. Das ist Ruth gelungen. Deshalb haben wir ihre Geschichte gelesen.

Im Beth Din – dem jüdischen Gerichtshof – fragen wir immer die zukünftigen Proselyten – kurz bevor sie in die Mikwe eintauchen – ob all die Pogrome und Verfolgungen, denen unser Volk ausgesetzt war, sie nicht abschrecken. Ihre Antwort ist immer nein, denn sie identifizieren sich völlig mit dem jüdischen Volk. So fuhlte Ruth sich auch. Das ist die wahre Giur.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin