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Sofort nach dem Aufstand von Korach erhielten die Kohanim und die Leviten die Anweisung, den Tabernakel und das Heiligtum in Jerusalem zu bewachen. Welche Art ist diese Bewachung? Hatte man Befürchtungen vor Einbrecher oder Räuber? Nein! Die Bewachung des Heiligtums war vorrangig eine Darbringung von Ehrfurcht. Ein bewachter Palast flößt mehr Ehrfurcht ein: „G“tt hat uns beauftragt, das Heiligtum zu bewachen, indem pausenlos Bewachungsrunden zur Ehre G“ttes, um das Heiligtum zu erheben und zu vergrößern, rundherum erfolgen“ (Maimonides, Bejt Habechira 8).

 

Wachablösung

Die Kohanim sollten den Tabernakel im Inneren bewachen und die Levi’im im äußeren Bereich. Die Kohanim befanden sich an drei Stellen und die Leviten an 21 Stellen. Laut Maimonides bezogen die Kohanim und die Leviten jeder die Wache an verschiedenen Stellen. Eine Doppeltwache gab es in seinem Verständnis nicht. Der Semag – eine Autorität aus dem Mittelalter – besagt jedoch, dass die Kohanim immer von den Leviten begleitet wurden. Laut dem Semag bewachten die Leviten also an 24 Stellen, an drei Stellen mit Kohanim und an 21 Stellen ohne Kohanim. Wenn sie zusammen Wache hielten, standen die Kohanim an der Oberseite und die Leviten an der Unterseite. Jede Wache bestand aus zehn Menschen. Wahrscheinlich fußt das auf der Regel, dass alles was heilig sei nie mit weniger als mit zehn Personen erfolgen darf.

 

Auch tagsüber?

Es gibt Meinungsunterschiede über die Dauer der Wache. Laut Maimonides galt die Mitzwa des Bewachens nur nachts. Viele Gelehrte aus dem Mittelalter sind sich darin mit ihm einig. Andere behaupten, dass die Bewachung sowohl nachts, als auch tagsüber vorhanden gewesen sei. Verschiedene Kommentatore wundern sich über die Ansicht von Maimonides. Wenn die Wache aus Ehrfurcht erfolgt, hätte diese auch tagsüber zu erfolgen. Rabbi Jisraejl Lifschitz (18. Jahrhundert) besagt, dass eine Bewachung tagsüber nicht erforderlich gewesen sei, da die Anwesenheit der diensthabenden Kohanim und der Leviten schon genügend Ehrerweisung wäre. Nachts erfolgte kein Opferdienst und die meisten Kohanim schliefen. Deshalb wären gerade nachts Wächter, aus Ehrfurcht vor dem Heiligtum, erforderlich.

 

Der Oberwächter

Alle Wachen kannten einen Oberaufseher. Dieser Mann hieß „Isch Har haBajit“ – der Tempelbergmann. Er lief die ganze Nacht alle Wachen ab, begleitet von Fackelträgern. Jeder Wachmann, der nicht aufstand und sagte: „Isch Har haBajit, Schalom Alecha“, war eindeutig am Schlafen und erhielt Prügel. Der Isch Har haBajit hatte das Recht, die Kleidung der eingenickten Wachmänner zu verbrennen. Dieses war manchmal auch außerhalb des Tempels wahr zu nehmen, so dass die Menschen sagten: „He, was ist das für ein Geräusch in der Asara (im Tempelvorhof)? Das müsste ein Geräusch eines Leviten sein, dessen Kleider verbrannt werden, da er auf seinem Wachposten am Schlafen sei.“

 

Bewachung heutzutage?

Heutzutage haben wir keinen Tempel mehr. Aber besteht vielleicht doch eine gewisse Pflicht, den Tempel zu bewachen? Das Sefer haChinuch besagt, dass das Bewachungsgebot nur während des Bestehens des Tempels galt. Jedoch sind Andere der Meinung, dass es auch heutzutage noch gilt, da der Zweck der Bewachung gewesen sei, „unerwünschte Fremde“ fern zu halten. Auch hätten die Wächter die Aufgabe, Unreinen den Zutritt zu verweigern. Dieses Verbot – dass man den Tempelplatz unrein nicht betreten darf, ist heutzutage immer noch gültig. Deshalb sollte man behaupten können, dass auch noch heutzutage die Bewachung des Tempelkomplexes ihre Gültigkeit haben würde (oder sollte).

 

Die Wachtposten

Wo standen die Kohanim und die Leviten Wache? Wahrscheinlich nicht im Allerheiligsten oder im Heiligen oder selbst nicht in der Asara, dem Vorhof, da man dort nicht sitzen durfte. Es leuchtet ein, dass die Wächter, wenn sie ermüdet waren, sitzen wollten. Selbst in der Asara, dem Vorhof, durften nur Könige aus der Dynastie von David sitzen. Die Wächter standen also, davon ist aus zu gehen, an der Außenseite des Tempels. Jedoch ist sich nicht jeder hierüber einig. Rabbi Awraham ibn David besagt, dass die Kohanim auch an den am meisten heiligen Stellen anwesend waren. Er leitet das aus der Tatsache ab, dass in der Thora geschrieben steht, dass „Du und Deine Söhne bei Dir vor dem Zelt der Zusammenkunft sein sollten“. Und dieses bedeutet, dass sie jedenfalls in der Gegend der heiligen Stellen die Wache zu halten hätten. Die Wache war eine Äußerung von Respekt gegenüber unseren Heiligtümern. Heutzutage äußert sich unsere Ehrfurcht vor unserem Mikdasch me’at (Synagoge) in Stille und Andacht während des Gebetes.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: Plan der Stiftshütte im Codex Amiatinus | Wikipedia