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Bile’am stand früh auf und sattelte seine Eselin. Moralisch erhaben war er nicht. Der Talmud berichtet, dass er einer der ersten Tierfreunde mit seiner Eselin gewesen sei. Er stand früh auf, da er das Jüdische Volk gerne und schnell verwünschen oder verfluchen wollte. Sein Hass kannte keine Grenzen. Aber G“tt sprach zu Bile’am: „Du Rascha (Bösewicht), Awraham, deren Ahne, war vor Dir. Dein Bestreben für das Böse ist durch die Geschwindigkeit von Awraham für das Gute unschädlich gemacht worden. Awraham stand sehr früh auf und sattelte schnell seinen Esel auf dem Weg zur Opferung von Jitzchak (Bereschit 22:3; vergleiche B.T. Sanhedrin 105b). Wenn es Awraham gelungen wäre, seinen Sohn zu schlachten, hätte es kein Jüdisches Volk gegeben. G“tt hat das nicht erlaubt. Auch Bile’ams Mission war zum Scheitern verurteilt.

 

von einem nicht-Jüdischen Propheten gesegnet 

Nachmanides (1194-1270) vergleicht Bile’am mit dem Schutzengel von Esau, der zuerst mit Ja’akov kämpfte, aber ihn schließlich segnete. G“tt wollte, dass das Jüdische Volk von einem nicht-Jüdischen Propheten gesegnet werden sollte.

ein großer Astrologe

Bile’am scheint, dieses selbst gewusst zu haben, aber er versteckte diese Absicht vor Balak, seinem Auftraggeber. Laut ibn Esra (1092-1167) konnte Bile’am selbst nicht segnen oder verwünschen. Er war jedoch in Astrologie sehr gut. Wenn er in den Sternen sah, dass jemand etwas Schlimmes ereilen würde, sprach er einen Fluch über diesen aus. Wenn sich die schlimme Vorhersage tatsächlich erfüllte, glaubte jeder, er sei ein Zauberer. Deshalb war er im Grunde genommen ein Betrüger, der auch die Fürsten des Landes Moab betrog. Da das Jüdische Volk nicht natürlicher Astrologie unterliegt, würde auch sein Fluch keinen tatsächlichen Effekt erzielt haben.

 

der größte Philosoph der damaligen Zeit

Wer war dieser Bile’am eigentlich? Laut dem Midrasch (Bereschit Rabba 65:20) war Bile’am der größte Philosoph der damaligen Zeit. Laut Kabbalistischen Quellen war Bile’am hauptsächlich mit einem „bösen Auge“ ausgestattet. Überall wo er hin sah, verursachte er Verwüstung. Der Talmud jedoch besagt (B.T. Berachot 7), dass sich die Kraft von Bile’am in seinem theologischen Wissen befand. Er konnte den kurzfristigen Augenblick, an dem G“tt jeden Tag mal ungehalten ist, genau bestimmen. Dann sprach es seinen Fluch aus und dieser traf dann ins Ziel.

 

Traumdeuter oder ein schwarzer Magier

Andere sagen, dass er hauptsächlich ein Traumdeuter gewesen sei und im Talmud Sanhedrin (106) wird erzählt, dass er zuerst ein Prophet gewesen sei und danach ein schwarzer Magier. Andere Quellen vermelden, dass es selbst größere Gaben als Mosche besaß.

 

Segnungen von Bile’am als Warnungen für die umliegenden Völker

Don Jitzchak Abarbanel (1437-1508) meint, dass die Segnungen von Bile’am als Warnungen für die umliegenden Völker bestimmt waren. Wenn diese Angst haben würden, würde es einfacher sein, das Land zu erobern. Balak, der Bile’am als Zauberer kannte, verstand die tiefere Absicht G“ttes in den Segnungen nicht. Er glaubte, dass er ihm zu wenig bezahlt hätte, damit er verfluchen sollte, sodass Bile’am den Juden einen Segen erteilte, um einen höheren Lohn zu erpressen. Deshalb fing die Eselin auch zu sprechen an.

 

G“tt ließ die Eselin sprechen

Bile’am war der am Meisten angesehene Prophet unter den Völkern. Wenn selbst er den Sieg des Jüdischen Volkes vorhersagen würde, würden sie alle vor einem Krieg zurückweichen. Rachav, der Herbergmutter von Jericho, sagte dieses auch: „Als wir dieses hörten, schmolz unser Herz“. Was hörten sie dort in Jericho? Die Prophetie und Segnungen von Bile’am! G“tt wollte nicht, dass die Kana’aniter gegen das Volk Krieg führen würden, da jeder Krieg die schlimmsten Gefahren mit sich bringt.

 

klar, dass G“tt aus der Kehle von Bile’am sprach

Damit man nicht denken würde, dass die Juden Bile’am für mehr Geld als Balak gekauft hätten, ließ G“tt die Eselin sprechen. So wurde jedem klar, dass G“tt aus der Kehle von Bile’am sprach, als er das Jüdische Volk segnete und dieses eine ernsthafte Prophetie von Sieg sei.

Bile’am war auf militärischem Erfolg aus: die Vernichtung des Jüdischen Volkes.

 

genau so viel Energie für unsere geistigen Ziele einsetzen

Awraham war auf Himmlische Ziele ausgerichtet: der Sicherung des Königreich G“ttes auf Erden. Was wir aus dem Vergleichen zwischen Bile’am und Awraham entnehmen können ist, dass wir uns mit mindestens genau so viel Energie für unsere geistigen Ziele einsetzen sollten, wie unsere Gegenspieler sich für deren negativen Absichten einbringen.

Wenn wir uns schon so für den irdischen Erfolg einsetzen, müssen wir umso mehr unser Bestes tun, um Himmelwärts zu steigen. Es wäre nicht ehrlich, wenn wir in das Irdische mehr Energie als in geistige Angelegenheiten investieren würden.

 

Gute zu tun beschützt den Menschen gegen sein aggressives Ego 

G“tt entsandte den Engel nicht so sehr, um Bile’am zu frustrieren. Dieser Engel war eigentlich ein Engel von Rachamim, von Mitleid und Barmherzigkeit. Nur wenn man ein Ohr für das leise innerliche Stimmchen hat, das uns beauftragt, das Gute zu tun und das Schlechte zu lassen, beschützt man den Menschen gegen sein aggressives Ego. Das Ego sollte für das „Sanfte“ in der Welt barmherzig sein und empfindsam für unsere innerliche, angeborene Güte werden.

 

Unsere erfolgsorientierte Gesellschaft erfordert Macho-Verhalten

Wenn wir ehrlich uns selbst gegenüber sind, bejahen wir, dass wir uns hiermit kaum offenbaren dürfen. Unsere erfolgsorientierte Gesellschaft erfordert und erwartet Durchsetzungsvermögen und Macho-Verhalten. Aber wenn wir wirklich „Mensch“ sind, beschützen wir gerade das kleine bisschen Menschlichkeit, das wir besitzen. Wir versuchen dieses zu pflegen und sprießen zu lassen. Nur der, der das schwache Erhabene in uns selbst pflegt, ist im Stande, gegen den geistigen Bile’am an zu gehen. Bile’am ist nicht nur ein heidnischer Prophet aus längst verflogenen Zeiten, sondern stellt eine geistige Gegenkraft dar. Es ist das Empfinden, gegen das G“ttliche in der Welt handeln zu können.

 

Die Abgewandtheit von G“tt

Wir glauben oder meinen, dass sowohl das Gute wie das Böse aus dem Allmächtigen hervor gehen. Wie kann es dann etwas Böses geben? Die Abgewandtheit von G“tt sorgt dafür, dass ein Mensch glaubt, er sei vollständig selbständig. Genau so, wie ein Sohn sich gegen seinen Vater wenden kann, kann ein Kind G“ttes sich gegen seinen Ursprung auflehnen. Es ist die sovielste Bestätigung des Ödipus-Komplexes.

 

Gerade unser Sprechen sollte auf etwas Höheres ausgerichtet sein

Bile’am dachte, dass er im Stande sein würde, das Jüdische Volk zu verfluchen. Mit der Sprache unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Bile’am meinte, er könne seine Sprachgewalt für etwas Verwerfliches verwenden – um Menschen zu Grunde zu richten. Gerade unser Sprechen sollte auf etwas Höheres ausgerichtet sein. Indem wir sprechen, sollten wir zeigen, für was wir stehen, wofür wir leben. Wir sollten begreifen, dass gerade unser Sprachvermögen unsere Essenz sei und nur dazu bestimmt ist, die Gloria des Guten und des Heiligen in dieser Welt zu steigern.

 

Sprechen ist eine Gabe G“ttes 

Bile’am musste durch Schaden und Schande lernen, dass das Sprechen eine Gabe G“ttes sei. Er sollte dieses nur verwenden dürfen, um das Jüdische Volk zu segnen. Der Engel hielt die Eselin zurück, aber Bile’am sah das Himmlische Wesen nicht. Bile’am schlägt bis zu drei Mal auf seine Eselin ein und die Eselin wirft ihm das vor.

Die drei Male, die Bile’am seine Eselin schlägt, stehen in der Thora beschrieben als „schalosch regalim“. Es ist ein Hinweis auf die drei Pilgerfahrten, die jeder Jude jedes Jahr wieder zum Tempel machte. Bile’am bedeutet „entvölkern“ – beli am. Das Gegenteil erfolgte. Jeden Jom Tov wurde Jerusalem von Mengen an Juden überflutet, die immer eine Stelle zum Übernachten fanden. Auch Bile’am musste sich letztendlich geschlagen geben.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: Bileam und der Engel | © 1836 Gustav Jaeger