Lesezeit: 3 Minuten

Und G“tt sprach zu Mosche wie folgt: „Sprich zu Aharon und seinen Söhnen: so solltet Ihr die Kinder Israels segnen; Du sollst zu ihnen sagen: möge G“tt Euch segnen und Euch beschützen“ (Bamidar 6:22-26)

 

Aufrichtigkeit, Gelehrtheit und Frömmigkeit

Das Judentum betont Aufrichtigkeit, Gelehrtheit und Frömmigkeit als die drei wichtigsten menschlichen Eigenschaften. Weshalb wurden nicht die „Heiligen“ und die „Gelehrten“ ausgewählt oder bestimmt, um das Volk zu segnen? Die Thora weist klar auf, dass nur die Kohanim (Priester) die oben erwähnte Segnung erteilen dürfen, auch wenn es nicht eindeutig ist, ob sie gebildet oder fromm sind. Die Erwähltheit der Kohanim für den Priestersegen stützt sich bekanntlich oder anscheinend auf andere Kriterien.

 

von den guten gegenseitigen Empfindungen

Rabbi Aharon Wolkin (20. Jahrhundert) erläutert, dass der Effekt eines Segens nicht von Frömmigkeit oder Gelehrtheit abhängt, sondern von den guten gegenseitigen Empfindungen zwischen dem „Segnenden“ und dem Empfänger des Segens (B.T. Sota 38a). Deshalb wird derjenige ausgewählt, der immer „tow ajin“ ist, derjenige, der eine gute Ausstrahlung hat und zu seinen Mitmenschen freundlich ist.

 

Kohanim für ihre Einkünfte vom Wohlergehen der anderen abhängig

Die Kohanim sind für ihren Lebensunterhalt von den Spenden und Gaben ihrer Mitbürger abhängig. Sie erhalten einen Teil derer Ernte und Besitztümer und empfinden sich gegen den Rest des Volkes durchaus dankbar. Deshalb werden die Kohanim, die das Jüdische Volk für materielles Wohlergehen segnen, dieses aus ganzem Herzen tun, da auch sie für ihre Einkünfte vom Wohlergehen der anderen abhängig sind.

 

die Bande der Liebe besiegeln den Effekt eines Segens

Der Jerusalemer Talmud bestätigt, „dass die Bande der Liebe den Effekt einer Beracha (Segen) besiegeln“. Deshalb dürfen wir auch nicht über einen Segen, den wir von jemandem erhalten, der uns mag – auch wenn derjenige, der segnet, nicht eine moralisch hochstehende Person oder ein großer Gelehrter sei – leicht hinweg gehen, denn der Segen erfolgt bewusst.

 

um „be’ahawa“, mit Liebe, zu segnen

Rabbi Jerucham Fischel Perlo in seinem Kommentar zum „Sefer Hamitzwot“ des Rabbi Sa’adja Ga’on aus dem zehnten Jahrhundert, bringt eine Quelle aus der Thora für die Behauptung, dass G“tt die Kohanim beauftragt hätte, um „be’ahawa“, mit Liebe, zu segnen. Er vermerkt bezw. es fällt ihm auf, dass die Talmudgelehrten aus den Wörtern „ko tewarchu“ – „so sollst Du segnen“, entnehmen, dass der Priestersegen, während die Kohanim und die Gemeinde mit deren Gesichtern zueinander zugewandt stehen (panim el panim), ausgesprochen werden sollte.

 

Cherubine oben auf der Heiligen Lade

Die Idee von „Angesicht zu Angesicht“ kommt auch in einem anderen Text vor. Der Talmud schildert die Stellung der Cherubine oben auf der Heiligen Lade, wenn die Juden den Wille G“ttes umsetzen: die Cherubine sahen dann einander an. Wenn die Juden ungehorsam waren, wandten die Cherubine das Gesicht von einander ab. Raschbam – ein Erläuterer aus dem 12. Jahrhundert – erklärt, dass die Cherubine einander ansahen, als Zeichen der Liebe zwischen Mann und Frau (oder als Liebe zueinander von Mann und Frau). So, erklärt Rabbi Perlo, sollten die Kohanim auch das Volk segnen, als Zeichen der Liebe, die zwischen ihnen bestand.

 

das Jüdische Volk als eine Einheit

Auffallend ist weiter, dass der Priestersegen in Hebräisch in der Einzahl geschrieben steht: „G“tt wird Dich segnen“. Manche sehen darin, dass es ein Segen sei, wenn das Jüdische Volk sich als eine Einheit fühlt. Raschi (1040-1105) erläutert den ersten Satz des Priestersegens mit: „Mögen Deine irdischen Besitztümer gesegnet werden und Räuber Dich nicht überfallen, um Dir Deine Besitztümer zu entwenden“. G“tt ist im Stande – anders, als ein üblicher Mensch – die Gaben, mit denen er den Menschen bedenkt, auch mit einem extra Segen des Schutzes zu behüten.

 

Zwischenraum zwischen ihren Fingern offenlassen

Beim Aussprechen des Priestersegens halten die Kohanim ihre Finger gespreizt. Die Erklärung hierzu ist wie folgt: als die Juden vom Priestersegen hörten, protestierten sie bei G“tt: „Weshalb erteilst DU uns selbst keinen Segen?“. Darauf antwortete G“tt „ICH werde beim Segen der Kohanim anwesend sein und deshalb sollen sie einen Zwischenraum zwischen ihren Fingern offenlassen, um dieses aufzuzeigen“.

 

Hände bleiben mit einem Tallit bedeckt

Die Zwischenräume zwischen den Fingern ergeben in gewissem Sinne Fenster oder Durchschaubereiche, durch die G“tt – über die Schultern der Kohanim – mit schaut, wie die Beracha überbracht bezw. ausgeführt wird. Deshalb schauen wir heutzutage immer noch nicht auf die Finger der Kohanim und ihre Hände bleiben mit einem Tallit (Gebetsumhang) bedeckt.

 

Author: © Oberrabbier Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin