Der Tempel als dankbare Gegenleistung für die Schöpfung

Mischkan und Mikdasch

Am Anfang des Buches Genesis, Bereschit, erschafft HaSchem (G“tt) das Universum. Dieses bildet die Ausgangsbasis für jede und gesamte menschliche Kreativität. Hier ist die Arena für die menschliche und tägliche, ungeweihte Arbeit (chol in Ivrit). Der größte Teil unseres Universums ist dazu bestimmt, unseren eigenen Zielen nach zu gehen. Und es gibt heilige Orte, an denen wir uns selbst öffnen, vollständig und ohne Vorbehalt, für die Vorhaben G“ttes. Jene Orte nennen wir Mischkan, vom Wort Schachejn, Nachbar: HaSchem kommt zu uns mit wohnen, als sei es der Mikdasch (das Heiligtum): ein Ort, von dem Keduscha (Heiligkeit) ausstrahlt.

Am Ende des Buches Schmot – nach dem Exodus und den Zehn Geboten – erschaffen die Jüdischen Menschen einen heiligen Ort, einen Tabernakel, ein Heiligtum, eine Domäne für das G“ttliche, Geweihte und Heilige in der Welt. Dieses ist die Heiligkeit im Begriff Ort und Raum. Dieses nennen wir kadosch, heilig. Hier fängt das dritte Buch der Thora, Wajikra, an: wie dieser Ort der Heiligkeit in der Religion eingeweiht und genutzt wird.

Fast die gesamte Welt ist „ungeweiht“ oder „unheilig“. Hier dürfen und sollten wir aktiv und kreativ sein. Dieser Unterschied zwischen „ungeweiht“ und „heilig“ gilt auch für den Begriff Zeit. Die sechs „Chol“-Tage der Woche haben wir durch die von G“tt geschaffene Zeit für uns Menschen erhalten, um kreativ zu sein. Chol bedeutet “leer”: leer von Heiligkeit und Hingabe. Aber dennoch volles Potenzial, heilig zu werden.

 

am siebten Schöpfungstag wurde heilige Zeit erschaffen

Bereits am siebten Schöpfungstag wurde Zeit erschaffen, die im Prinzip „kaddosch“, heilig, ist. An diesem Tag planen wir Zeit und Platz für G“tt ein. Wir teilen unser Umfeld und unsere Aktivitäten so ein, dass jedem klar wird, dass wir HaSchem (an)erkennen, indem wir Seine Geschöpfe sind.

 

Gegenleistung

G“tt gibt dem Menschen am Anfang der Thora den Raum. Nun ist dem Menschen am Zuge und schafft – als Gegenleistung – Raum für HaSchem.

Wie ging das am Anfang der Schöpfung vor sich? G“tt schränkte Sich selbst ein, nahm Sich zurück. Hierdurch entstand automatisch eine Welt, die selbständig zu sein schien. Hier haben wir sofort eine große Frage: wenn es G“tt gibt, wie können die Menschen, wie kann das Universum dann unabhängig von G“tt existieren?

 

Tsimtsum – Einschränkung

G“tt ist so überwältigend, dass nichts neben IHN existieren kann, ohne sofort in Seine große Anwesenheit auf zu gehen. An jedem Punkt in Zeit und Raum muss der Unendliche das Endliche ausschließen. Die lautere Existenz von G“tt hat eine überwältigende Anziehungskraft. Unser gesamtes All würde sich in einer Millisekunde ins absolute, ausschließliche G“ttsein auflösen. G“tt muss Seine Anwesenheit abschirmen. Das nennt sich in der Kabbala Tsimtsum.

 

Die Konturen jeder Weltsphäre werden durch den Grad der g-ttlichen Selbstbeschränkung bestimmt

Als G’tt seine Schöpfungsarbeit begann, war die erste “Handlung” Tsimtsum, Selbstbeschränkung in dem Sinne, dass die g-ttliche Gegenwart im Universum verdunkelt und zurückgedrängt werden musste, um eine von ihm unabhängige Existenz zu ermöglichen. Ohne Tsimtsum wäre das Leben unmöglich gewesen, weil jedes höhere oder niedrigere Wesen sofort “verdaut” und wieder in die allumfassende G-ttlichkeit eingeführt würde. Das g-ttliche Licht musste abgeschirmt werden, um Raum für ein “unabhängiges” Leben zu schaffen. Tsimtsum findet sogar in den höchsten Regionen statt, weil kein Wesen das g-ttliche Licht in seiner vollen Ausdehnung tolerieren kann.

 

die physische Welt ist das eigentliche Schöpfungsziel

Tsimtsum schuf in absteigender Folge immer gröbere Welten und Atmosphären; Die Konturen jeder Weltsphäre werden durch den Grad der g-ttlichen Selbstbeschränkung bestimmt. Unsere materielle Welt ist der Endpunkt des absteigenden und immer gröberen Tsimtsum und auch sein höchstes Ziel. Dass unsere materielle Welt das Ziel der Schöpfung ist, lässt sich mit einem Vergleich verdeutlichen. Ich bin im Zug von Amsterdam Hauptbahnhoff. Mir gegenüber ist ein Mitreisender: Er bleibt in Schiphol, Leiden, Den Haag HS, Rotterdam Hauptbahnhoff und Dordrecht sitzen. Er steigt in Antwerpen aus. Erst bei diesem letzten Stopp verstehe ich das Reiseziel meines Mitreisenden. Mutatis mutandis gilt dasselbe für das Tsimtsum: G-tt hatte alle anderen Welten passiert, bis er endlich auf unserer Welt stehen blieb. Daher können wir annehmen, dass die physische Welt das eigentliche Schöpfungsziel ist. So existiert der Zweck der physischen Welt wieder im Menschen, der als letztes Geschöpf auf Erden erschien.

 

Materie – die ultimative Verschleierung des Unendlichen

Die Existenz der Materie, die ausschließlich den Naturgesetzen unterworfen zu sein scheint, ist ein Paradoxon, das das Wunder der Schöpfung darstellt. In unserer physischen Welt ist die g-ttliche Gegenwart vollständig verborgen und verdeckt, was auf einen besonderen Zweck innerhalb des Schöpfungsrahmens hinweist. Materie – als die ultimative Verschleierung des Unendlichen – muss jederzeit von einer besonders großen Schöpfungskraft aufrechterhalten werden. Daher ist die materielle Welt das größte Spannungsfeld zwischen dem Verbergen einerseits und der Offenbarung des G-ttlichen andererseits.

 

vom blendenden G“ttlichen Licht geleert

Chol bedeutet ungeweiht, unheilig. Das Wort „Chol“ kommt vom Stamm oder von der Wurzel ch-l-l, und das ist „leer“. Chol ist der räumliche Bereich, den HaShem anscheinend verlassen hat. Dadurch konnte ein physisches All entstehen, vom blendenden G“ttlichen Licht geleert.

 

gegensätzliche Richtung

Wenn wir etwas „kodesch, heilig“ machen möchten, bewegen wir uns in die gegensätzliche Richtung. Wir sind Tag ein, Tag aus vollständig von uns selbst erfüllt und mit uns selbst beschäftigt. Nun haben wir uns selbst zurück zu nehmen und in unserer Welt entstehen Platz und Zeit, um die Leere in uns selbst durch HaSchem auf zu füllen. Jedes Mal, wenn wir unsere eigenen Belange, Interessen und Wünsche zur Seite schieben, sind wir mit der Eigenbeschränkung beschäftigt, um auf der Basis von G“ttes Wille zu handeln, nicht auf unserem eigenen.

 

mit G“ttlichem Inhalt füllen

HaSchem sollte die Leere in unserem Kopf und Gefühlsleben mit G“ttlichem Inhalt füllen. Deshalb werden die Einzelheiten des Mischkan, des Heiligtums so enorm weitläufig beschrieben: um auf zu zeigen, dass jedes Merkmal der Tempelarchitektur von G“tt vorgegeben wurde und nicht durch unsere eigene Fantasie entstanden sei. Wir können G“tt nur kennen, indem G“tt Selber das einflößt. All das andere ist reine menschliche Fantasie, die zwar schön sein kann, aber per Definition nicht G“ttlich ist.

 

Tsimtsum, Bescheidenheit

Chol ist der Raum, den G“tt für die Menschheit macht. Koddesch ist der Raum, den die Menschheit für G“tt macht. Beide Räume werden auf die gleiche Weise geschaffen: durch eine Tat von Tsimtsum, Bescheidenheit.

 

unser Leben in Beziehung zu dem Heiligen

Heiligtum ist also nicht nur ein schönes Gebäude in der Wüste oder in Jerusalem. HaSchem benötigt unser Haus nicht. Die gesamte Welt ist von der G“ttlichen Majestät erfüllt. Es geht hierbei hauptsächlich darum, wie wir unser Leben in Beziehung zu und zwischen dem Heiligen und dem Säkularen, Koddesch und Chol, einplanen.

 

Selbsteinschränkung ist hier das Zauberwort

Und beim Füllen und „Volltanken“ unseres Lebens mit „Koddesch“ stehen nun mal nicht Selbstdarstellung, Eigensinn und menschliche Expansionsgelüste im Mittelpunkt, sondern gerade das Gegenteil: Selbsteinschränkung ist hier das Zauberwort! Wir sollten lernen, Raum für etwas anderes, etwas Höheres und etwas komplett unterschiedliches von uns zu schaffen: das allumfassende Höhere, das Heilige.

 

vollkommen und glücklich

G“tt möchte uns glücklich machen und möchte Raum für uns schaffen. HaSchem möchte nicht dominieren und unterdrücken, sondern lediglich unterstützen und uns wachsen und blühen lassen. Die G“ttliche Selbstzurücknahme lässt uns in die Höhe gelangen, aber das können wir nur optimal nutzen, wenn auch wir uns – und reziprok (gegenseitig)- für HaSchem öffnen. Nur in dieser Interaktion wird der Mensch vollkommen und glücklich. Das ist, wie G“tt das All geschaffen hat. Das sind die ungeschriebenen religiösen Naturgesetze.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: © Wikipedia | Aaron, gekennzeichnet durch einen roten Umhang und griechische Beischrift (ΑΡωΝ), tritt aus dem Allerheiligsten des Mischkan. Wandgemälde der Synagoge von Dura Europos, Nationalmuseum Damaskus