Fast 92 Prozent im Ganztag: Hamburgs Schulen starten mit Rekordzahlen ins neue Schuljahr

Das Hamburger Rathaus erhebt sich im warmen Tageslicht über dem weitläufigen Rathausmarkt. Der historische Sandsteinbau mit seinem markanten Uhrturm und den grünen Kupferdächern steht im Mittelpunkt des Bildes. Auf dem Platz sind vereinzelt Passanten unterwegs, während der blaue Himmel und die offene Atmosphäre die Bedeutung des Rathausmarktes als zentralen Ort des öffentlichen Lebens in Hamburg unterstreichen.
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So viele Schülerinnen und Schüler wie seit 45 Jahren nicht mehr, zwei neue Schulen und eine Rekordbeteiligung am Ganztag: Hamburgs Bildungsbehörde sieht die Schulen zum Start des Schuljahres 2026/27 gut aufgestellt. Hinter den positiven Zahlen steht jedoch die Frage, wie sich die Qualität der Betreuung langfristig sichern lässt.

Wenn am 20. August in Hamburg der Unterricht wieder beginnt, kehren so viele Kinder und Jugendliche in die Klassenzimmer zurück wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nach der aktuellen Prognose werden im Schuljahr 2026/27 rund 274.420 Schülerinnen und Schüler die staatlichen und privaten allgemeinbildenden Schulen der Hansestadt besuchen. Eine höhere Zahl gab es zuletzt 1981.

Allein an den staatlichen Schulen rechnet die Bildungsbehörde mit 254.420 Schülerinnen und Schülern. Das sind 3.310 beziehungsweise 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Während die Zahl an den Grundschulen mit einem Minus von 0,1 Prozent nahezu unverändert bleibt, wächst sie an den weiterführenden Schulen noch einmal um zwei Prozent. Rund 19.000 Kinder werden neu eingeschult, etwa 17.400 wechseln in die fünften Klassen der Stadtteilschulen und Gymnasien.

Bildungssenatorin Ksenija Bekeris geht davon aus, dass die Gesamtzahl zunächst auf einem hohen Niveau bleiben, spätestens nach 2029 jedoch zurückgehen wird. Als Gründe nennt sie den Geburtenrückgang der vergangenen Jahre und den abnehmenden Zuzug nach Hamburg. Diese Entwicklung müsse bereits heute bei der Einstellung von Lehrkräften und der Planung neuer Schulgebäude berücksichtigt werden.

Ganztagsbetreuung wird zum Regelfall

Besonders deutlich zeigt sich die Bedeutung der Schulen als Betreuungs- und Lebensort am Nachmittag. Im Schuljahr 2025/26 nahmen 91,6 Prozent der Hamburger Grundschülerinnen und Grundschüler an der kostenlosen Betreuung zwischen 8 und 16 Uhr teil. Damit erreicht die Beteiligung einen neuen Höchststand.

Auch während der Ferien greifen viele Familien auf die schulischen Angebote zurück. 51,1 Prozent der Kinder aus den Klassenstufen eins bis vier nutzten im vergangenen Schuljahr eine Ferienbetreuung. Im Durchschnitt buchten die Eltern etwas mehr als fünf Ferienwochen.

Hamburg verfügt dabei über einen deutlichen zeitlichen Vorsprung gegenüber vielen anderen Bundesländern. Bereits 2012 führte die Hansestadt einen Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für Kinder bis zum Alter von 14 Jahren ein. Seit dem Schuljahr 2013/14 gibt es an allen staatlichen Schulen ein Ganztagsangebot. Der bundesweite Rechtsanspruch ist dagegen erst am 1. August 2026 in Kraft getreten und gilt zunächst für Erstklässlerinnen und Erstklässler. Bis zum Schuljahr 2029/30 wird er schrittweise auf alle vier Grundschuljahrgänge ausgeweitet.

Bekeris wertet die hohe Beteiligung als Vertrauensbeweis der Eltern. Der Ganztag solle künftig nicht allein Betreuung gewährleisten, sondern stärker mit der pädagogischen Arbeit der Schulen verzahnt werden. Lern- und Erholungsphasen, Förderung, Bewegung und Freizeitangebote müssten über den gesamten Tag hinweg zusammengedacht werden, um die Bildungschancen der Kinder zu verbessern.

Die Anmeldung erfolgt inzwischen überwiegend digital. In der jüngsten Anmelderunde nutzten 78 Prozent der Sorgeberechtigten den entsprechenden Online-Dienst – 15 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Mehr Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte

Für die staatlichen allgemeinbildenden Schulen stehen zum neuen Schuljahr insgesamt 16.166 Vollzeitstellen für Lehrkräfte zur Verfügung. Das sind 112 Stellen beziehungsweise 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Der größte Zuwachs entfällt auf die Stadtteilschulen. An den Grundschulen sinkt die Zahl der zugewiesenen Stellen dagegen erstmals leicht, was die stagnierenden Schülerzahlen in diesem Bereich widerspiegelt.

Nach Angaben der Bildungsbehörde wurden seit 2016 rund 10.000 Lehrkräfte neu eingestellt. Im laufenden Jahr kamen bislang 833 weitere hinzu, davon 507 zum Beginn des neuen Schuljahres. Mitte August waren lediglich vier Lehrkräftestellen öffentlich ausgeschrieben. Die Behörde sieht darin einen Beleg dafür, dass Hamburg im Vergleich zu anderen Bundesländern weiterhin gut mit Personal versorgt ist.

Zusätzlich stehen den Schulen 2.566 Stellen für pädagogisch-therapeutisches Fachpersonal zur Verfügung, 44 mehr als im Vorjahr. 886 dieser Stellen sind unmittelbar dem Ganztag zugeordnet. Für die Schulsozialarbeit gibt es 202 sozialpädagogische Stellen.

Zwei neue Schulen und Investitionen von mehr als 500 Millionen Euro

Mit dem Bille-Gymnasium und der Schule Leuschnerstraße, die Grund- und Stadtteilschule unter einem Dach vereint, nehmen in Lohbrügge zwei neue Einrichtungen den Unterricht auf. Insgesamt zählt Hamburg damit im Schuljahr 2026/27 insgesamt 471 staatliche und private Schulen.

Parallel setzt die Stadt ihr umfangreiches Schulbauprogramm fort. Mehr als 500 Millionen Euro sollen 2026 in Neubauten, Erweiterungen und Sanierungen fließen. Zu den größeren Vorhaben gehören der Ausbau des Gymnasiums Hochrad und der Stadtteilschule Winterhude, der Neubau der Grundschule Alte Weiden in Neugraben sowie umfangreiche Bauarbeiten an den Schulen in Hummelsbüttel und Oldenfelde.

Mehrere Projekte sollen im Laufe des Schuljahres fertiggestellt werden, darunter das neue Bille-Gymnasium, die Sanierung des Gymnasiums Rotherbaum und erste Abschnitte des Campus Ausschläger Weg. Auch der nach einem Brand beschädigte Rohbau der Grundschule Mendelstraße soll nach den ursprünglichen Plänen neu errichtet werden. Die Kosten dafür liegen nach Angaben der Stadt bei rund 13 Millionen Euro.

Hohe Nachfrage trifft auf Qualitätsdebatte

Die Rekordbeteiligung am Ganztag zeigt, wie sehr berufstätige Eltern auf verlässliche Betreuung angewiesen sind. Zugleich erhöht sie die Anforderungen an Räume, Personal und pädagogische Konzepte. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob für jedes Kind ein Platz vorhanden ist, sondern was während des langen Schultages tatsächlich angeboten wird.

Genau darüber wird in Hamburg derzeit gestritten. Der Hamburger Landesverband des Ganztagsschulverbands warnt vor Einsparungen an den rund 75 Grundschulen, die ihren Ganztag ohne externen Jugendhilfeträger organisieren. Nach Darstellung des Verbands könnten Lehrkräftestellen teilweise durch kostengünstigere Erzieherstellen ersetzt und über Jahre gewachsene multiprofessionelle Teams geschwächt werden. Die geplanten Veränderungen gefährdeten aus seiner Sicht die pädagogische Eigenständigkeit und die Qualität der betroffenen Schulen.

Damit steht Hamburg vor einer Aufgabe, die über statistische Rekorde hinausgeht: Die Stadt hat den flächendeckenden Ganztag früher aufgebaut als die meisten anderen Bundesländer. Nun muss sie zeigen, dass eine hohe Betreuungsquote, steigende Schülerzahlen und der Anspruch auf bessere Bildungschancen auch unter wachsendem finanziellen Druck miteinander vereinbar bleiben.

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