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Ab dem zweiten Seder-Abend werden 49 „Omer“-Tage bis Schawu’ot (dem Wochenfest) gezählt. Die Sklaven die den Exodus aus Ägypten mit machten, zählten – ungeduldig wie kleine Kinder – hin bis zum Augenblick, an dem sie die Thora empfangen würden.

Am fünfzigsten Tag feiern wir Schawu’ot, dass im Jahre 1312 vor der bürgerlichen Zeitrechnung den Höhepunkt des Auszuges bildete. Erst dann konnte von einem wirklichen Jüdischen Volk gesprochen werden, dem „Volk des Buches“.

 

Die Wichtigkeit von Zeit

Das Omer-Zählen auf dem Weg zu Schawu’ot betont die Wichtigkeit des Phänomen Zeit. Normalerweise zählen wir, um die genaue Zahl einer bestimmten variablen Größe fest zu stellen. Wir führen Volkszählungen durch, da die Zahl der Einwohner zu- oder abnehmen kann. Aber das Fortschreiben von Statistiken ist sinnlos, wenn eine bestimmte Größe nicht stimmt oder unkontrollierbar variiert. Der Mensch hat keinen Einfluss auf das Element Zeit. Der Lauf der Zeit kann nicht verlangsamt oder beschleunigt werden. Was ist dann der Zweck oder das Ziel der Zählung der Tage in der Omer-Zeit?

 

Zeit bedeutet  Geist

Die Zeit kann auf subjektive Weise jedoch wohl stimmen. Unser Zugriff auf die Zeit ist in gewissem Sinne unbeschränkt. Die individuelle inhaltliche Gestaltung der uns zugemessenen Zeit kennt erfahrungsgemäß keine Grenzen. Man kann das Leben sinnlos, als nicht gelebt, verstreichen lassen und die Zeit mit allerhand Belanglosem „töten“. Man kann aber auch etwas aus dem Leben machen und die Zeit sinnvoll gestalten.

Die sieben Omer-Wochen werden schon mal mit den sieben Jahrzehnten verglichen, die der Psalmist als das Leben eines Durchschnittsmenschen an sieht. Bei einer wertvollen Erfüllung gibt es nichts so „Dehnbares“, wie die Zeit. Es geht nicht so sehr um die Menge. Letztendlich zählt nur die Qualität. Die gleiche Menge an Zeit kann dem Einen als ewig erscheinen, während sie für den anderen zu einem luftleeren Nichts zusammenschrumpft.

Das Omer-Zählen betont den Wert der Zeit nicht so sehr im Sinne von „time is money“ (Menge), sondern mehr im qualitativen Sinne, „time is spirit“.

 

Zeitraum der Trauer

Der Rückzug der einzelnen Person in sein oder ihr eigenes Ich wird heutzutage als unangenehm empfunden. Die Omer-Zeit konfrontiert uns mit unseren persönlichen Verantwortungen. Laut Überlieferung ist der Tod von 24.000 Schülern von Rabbi Akiwa, die während des zweiten Jahrhunderts lebten, der Grund für die Trauerstimmung während der Omer-Zeit. Der Talmud beschreibt das wie folgt (B.T. Jewamot 62b): „ Rabbi Akiwa hatte 12.000 Paar Schüler. Alle starben gerade während der Omer-Zeit, da sie sich einander gegenüber nicht ehrfürchtig verhielten“. Deshalb beachten wir noch die Trauersitten. So heiratet man nicht in diesen 49 Tagen, macht keine Musik und viele Männer rasieren sich nicht.

Schwer zu verstehen! Da vor etwa 1900 Jahre 24.000 Schüler von Rabbi Akiwa – bedingt durch ihre eigene Schuld – verstarben, müssen wir heute noch trauern?!

Aber leider hat sich seitdem nicht viel geändert. Auch heute belasten uns Zwietracht und Uneinigkeit. Noch immer haben wir nicht gelernt, einander ehrfürchtig und positiv zu begegnen. Die Omer-Zeit ist eine Zeit zur Besinnung, zur Reflektion über den zwischenmenschlichen „Sündenfall“ des Jüdischen Volkes, gerade in unserer gegenwärtigen Zeit.

 

Lag baOmer

Lag baOmer, der dreiunddreißigste Omer-Tag, wird jedoch feierlich begangen, da die Strafe des Sterbens innerhalb der Studenten von Rabbi Akiwa an diesem Tag inne hielt. Diese Tatsache wird im Talmud nicht erwähnt, ist aber eine Tradition von verschiedenen Geonim, die zwischen 750 und 1000 lebten. An diesem Tag werden viele Chuppot (religiöse Trauungen) geplant und es ist den Aschkenasim wieder erlaubt, zum Frisör zu gehen.

Gerade in Israel wird Lag baOmer noch tüchtig gefeiert. Schulkinder machen Ausflüge, entfachen Freudenfeuer und spielen mit Pfeil und Bogen. Im Städtchen Meron am Grab von Rabbi Schimon bar Jochai ist die Freude ausgiebig, da Rabbi Schimon bar Jochai an Lag baOmer verstorben war. Während der ersten drei Jahre schneidet man einem Jungen nicht die Haare, aber an Lag baOmer schneidet man sie ihm und man lässt zunächst die „Pejes“ stehen, um das Kind im Verbot zu erziehen, nicht die „Ecken des Kopfes“, also die entsprechenden Haare, ab zu schneiden. Hierbei wird ausgiebig gesungen und getanzt.

 

Den Jahrzeittag feiern

Eigentlich ist es schwer zu begreifen, dass der Jahrzeittag von Rabbi Schimon so ausgiebig gefeiert wird. Der Jahrzeittag ist eher ein Tag der ernsthaften Besinnung als ein Anlass zur überschäumenden Freude.

Rabbi Schimon war einer der Schüler von Rabbi Akiwa, der die Plage des Sterbens überlebte. 24.000 Schüler von Rabbi Akiwa konnten einander nicht leiden. Es war kein einfacher Hass, der die Schüler von Rabbi Akiwa beherrschte. Es war nur so, dass jeder Schüler dermaßen von der Tatsache überzeugt war, dass die Art, wie er G“tt diente und sein Judentum aus übte, die einzig richtige war, dass er versuchte, dieses seinen Mitschülern auf zu drängen. Da dieses wieder und immer wieder geschah, führte das zur Enttäuschung des Mitmenschen. Es ist nicht richtig, einen anderen von der eigenen religiösen Ansicht überzeugen zu wollen.

Unsere Weisen besagen (B.T. Sanhedrin 38a), dass kein Mensch wie der Andere ist. Dieses gilt viel mehr für die religiöse Überzeugung. Manche dienen G“tt aus Liebe, Andere aus Ehrfurcht und wieder Andere dienen dem Allmächtigen mit vollständiger Unterwerfung.

 

Beide Bereiche

Viele Schüler von Rabbi Akiwa konnten das große Prinzip  ihres Lehrers „liebe den Nächsten wie Dich selbst – dieses ist die Hauptregel der Thora“ nicht verwirklichen.

Rabbi Schimon bar Jochai war hierzu wohl im Stande. Rabbi Schimon glänzte in zwei Bereichen: er lernte Tora mit vollständiger Hingabe und benahm sich seinem Mitmenschen gegenüber wirklich wie zu sich selbst.

Beide Bereiche dieser Persönlichkeit waren mit einander verzahnt. Indem man die Leere G“ttes ohne Nebenabsichten (Kowed) studieren kann, da diese durch G“tt gegeben wurde, ist man auch im Stande, sich dem Mitmenschen ohne Diskriminierung an zu nähern, als Geschöpf des selben G“ttes. Indem man den Vater liebt, hat man auch die Kinder lieb. An seinem Sterbetag war sein Lebensideal erfüllt. Deshalb FEIERN wir Lag baOmer.

Chag sameach! Eine schöne lag baomer- feier und herrliches Schawuot!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin