Pessach: “FREIHEIT VON“ ODER „FREIHEIT UM“

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Pessach – das Fest der Freiheit! „Lasst mein Volk ziehen“ – das ist Mosche`s dringlicher Ruf, den er an den König Pharao richtete. Das Volk muss frei sein!

Wer jedoch die Kapitel liest, die davon erzählen, was dem Auszug aus Ägypten vorausging, wird sehen, dass dieser Ruf nicht nur einmal vorkommt und nicht für sich alleingestellt ist. Er ist ausnahmslos mit „um Mir zu dienen“ und ähnlichen Worten verbunden. Eine kleine Auswahl: 7:16, 7:26, 8:16, 9:1, 9:13 usw.

Die in der modernen Gesellschaft so hoch gepriesene und als wesentlich empfundene und geachtete Freiheit mag durch den Ruf des Mosche inspiriert sein, aber sie ist nicht als „Freiheit von“ gemeint. Er war nicht dazu gedacht, dem Volk nach dem Auszug ein Leben in Ausschweifungen oder sonstiger Disziplinlosigkeit zu garantieren.

Die Freiheit von durch Menschen auferlegter Knechtschaft sollte gegen den Dienst nach den Ge- und Verboten des Schöpfers der Welt eingetauscht werden. Die „Freiheit um“ das Leben zu leben, in der die Vollkommenheit mit der menschlichen Mission im Mittelpunkt stehen kann und nicht durch die Willkür derer, die über einen herrschen, behindert wird.

 

Wie frei sind Sie in einer Religion die viele Ge- und Verbote auferlegt ?

Zu diesem Gedanken stellt sich, denke ich, sofort eine wesentliche Frage: Wie frei sind Sie, wenn Sie sich in einer Religion befinden, die Ihnen viele Ge- und Verbote auferlegt, wie es im Judentum der Fall ist?

Ich möchte das an einem Beispiel erläutern: Ich denke, viele Menschen empfinden die Möglichkeit, „Auto zu fahren“, als eine Freiheit. Sie können gehen, wohin und wann Sie wollen, Sie sind in Ihrer Bewegungsfreiheit nicht an die Eingrenzungen anderer Menschen gebunden. Dennoch unterliegt das Führen eines Autos einer endlosen Liste von Einschränkungen! Was Sie tun müssen und was Sie nicht tun müssen, um zu fahren, könnte diese Freiheit enorm einschränken. Und auch die Präzision dieser Regeln und Fähigkeiten ist immens. Wenn Sie eine Kurve zehn Grad zu scharf oder zu wenig nehmen – die Fahrt endet in einer Katastrophe….

Doch so wird es vom Autofahrer nicht wahrgenommen! Die Regeln des Fahrens schränken seine Freiheit ein, ja sie erhöhen seine Möglichkeiten und sie erhöhen seine Erfahrung, „um“ frei sein.

Die Regeln des Fahrens umrahmen seine Freiheit, sie vergrößern seine Möglichkeiten und sie vergrößern seine Erfahrung, „um“ frei zu sein.

Genauso verhält es sich mit dem Auszug. Einem Sklavenvolk, das einer mächtigen und feindlichen Umgebung ausgeliefert war, wurde zwar die Freiheit von ihr geschenkt, aber das war nicht das Ziel; das Ziel war, dass die Menschen frei sind, um für und innerhalb der Ge- und Verbote unseres G’ttes leben zu können.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin