Mut ist lernbar – zumindest bei Fledermäusen
Warum verlässt eine Fledermaus scheinbar furchtlos ihr Quartier und erkundet weite, unbekannte Gebiete, während eine andere lieber in der Nähe vertrauter Orte bleibt? Eine aktuelle Studie der Tel Aviv University zeigt, dass diese Unterschiede weniger mit angeborenem Temperament zu tun haben als bislang angenommen. Stattdessen ist es vor allem die Umwelt in den ersten Lebensmonaten, die darüber entscheidet, wie risikofreudig oder zurückhaltend sich die Tiere später in freier Wildbahn verhalten.
Die Untersuchung wurde an der School of Zoology der Wise Faculty of Life Sciences sowie an der Sagol School of Neuroscience durchgeführt und im renommierten Fachjournal eLife veröffentlicht. Geleitet wurde die Studie von der Doktorandin Adi Rachum im Labor von Yossi Yovel.
Zwei Aufwachsbedingungen – zwei Lebensstrategien
Im Zentrum der Forschung standen 40 junge Ägyptische Flughunde, die in zwei völlig unterschiedlichen Umgebungen aufgezogen wurden. Eine Gruppe wuchs in einer dynamischen, abwechslungsreichen Umgebung auf, in der sie täglich neue Herausforderungen bewältigen musste, um an Nahrung zu gelangen. Die zweite Gruppe lebte unter stabilen, gleichbleibenden Bedingungen mit leicht zugänglichem Futter und ohne größere Veränderungen.
Über mehrere Monate hinweg prägten diese Umwelten das Verhalten der Tiere. Als die Fledermäuse ausgewachsen waren, wurden sie in die freie Wildbahn entlassen. Mithilfe von GPS-Sendern konnten die Forschenden jede nächtliche Flugroute exakt nachverfolgen und analysieren.
Deutliche Unterschiede im Verhalten in freier Wildbahn
Die Ergebnisse waren eindeutig. Fledermäuse aus der herausfordernden Umgebung zeigten deutlich mehr Erkundungsverhalten. Sie flogen weiter von ihrer Kolonie weg, verbrachten mehr Zeit außerhalb ihres Quartiers und erschlossen größere Nahrungsgebiete.
Im Durchschnitt bewegten sich diese Tiere in Arealen von rund acht Quadratkilometern. Die Vergleichsgruppe aus der stabilen Umgebung erkundete dagegen lediglich etwa drei Quadratkilometer. Auch die maximale Entfernung vom Heimatquartier war größer: Etwa 1,3 Kilometer legten die explorativen Tiere zurück, während die andere Gruppe im Schnitt bei 0,8 Kilometern blieb. Zudem verbrachten sie ungefähr vier Stunden pro Nacht außerhalb der Kolonie – im Vergleich zu weniger als drei Stunden bei der Kontrollgruppe.
Persönlichkeit spielt eine geringere Rolle als gedacht
Um auszuschließen, dass diese Unterschiede lediglich auf angeborene Charaktereigenschaften zurückzuführen sind, testeten die Forschenden die Persönlichkeitsmerkmale der Jungtiere bereits vor Beginn des Experiments im Labor. Dabei zeigte sich, dass diese Eigenschaften das spätere Verhalten in der Wildnis nicht vorhersagen konnten.
Nicht die Persönlichkeit entschied also über Mut oder Vorsicht, sondern die frühen Erfahrungen. Adi Rachum betont, dass Flughunde über eine außergewöhnliche Verhaltensflexibilität und Lernfähigkeit verfügen. Die Studie zeige, wie stark die frühe Umwelt beeinflusst, wie Tiere später ihre Umgebung erkunden. Yossi Yovel ergänzt, dass frühere Forschungen bereits Unterschiede zwischen besonders explorativen Stadtfledermäusen und vorsichtigeren Landfledermäusen festgestellt hatten. Die aktuellen Ergebnisse könnten nun erklären, wie solche Unterschiede entstehen.
Was wir aus der Fledermausforschung lernen können
Die Studie liefert nicht nur neue Erkenntnisse über das Verhalten von Fledermäusen, sondern berührt auch eine grundsätzliche biologische Frage: Wie stark prägen frühe Lebensbedingungen spätere Entscheidungen und Verhaltensweisen?
Die Antwort dieser Forschung ist klar. Mut ist kein festgeschriebener Charakterzug. Er kann wachsen – und beginnt offenbar mit einer Umwelt, die fordert, herausfordert und zum Entdecken einlädt.








